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Neuer Konflikt um Kaschmir Erst der Abschuss, jetzt die Schlacht

Pakistan hat angeblich zwei indische Flugzeuge abgeschossen und einen der Piloten gefangen genommen. Der wird nun in Videos der Welt vorgeführt. In beiden Ländern heizt sich die Stimmung auf.

Das erste Video machte schon am Mittwochvormittag die Runde: Ein indischer Pilot in olivgrüner Fliegerkombi liegt im Matsch, Männer brüllen ihn an, zerren an ihm. Immer wieder versucht er, Schläge gegen seinen Kopf mit den Armen abzuwehren. Sein Gesicht ist unversehrt. Es sind auch pakistanische Soldaten zu sehen, die versuchen, den Mob zu vertreiben. Ein Schuss fällt, vermutlich in die Luft gefeuert, um die Menge zu zerstreuen.

Dann ein zweiter Film: Der Gerettete steht in einem Gang, vermutlich in einer Kaserne, sein Gesicht ist blutig und weist mehrere Schnittwunden auf. Ein weiteres Video zeigt die gleiche Situation, jetzt sind ihm die Augen verbunden. Er sagt, er sei "Wing Commander Abhinandan", nennt seine Personalnummer - "zwei sieben neun acht eins" - und seine Einheit bei der indischen Luftwaffe. "Was noch?", fragt ihn jemand. "Es tut mir leid, Sir. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann", antwortet er.

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Indien gegen Pakistan: Konfrontation um Kaschmir

Foto: FAROOQ KHAN/ EPA-EFE/ REX

Dann, am Nachmittag Ortszeit, ein neues Video: Jetzt steht er, mit sauberem, vom Blut befreiten Gesicht in einem kahlen Raum, in der Hand eine Tasse Tee. Er nennt erneut seinen Dienstgrad und seinen Namen. Eine Stimme fragt ihn: "Ich hoffe, Sie wurden hier bei uns gut behandelt?" Er antwortet: "Ja, wurde ich. Und ich würde gern zu Protokoll geben und werde das auch zukünftig sagen, wenn ich in mein Land zurückkehre, dass die Offiziere der pakistanischen Armee sich sehr um mich gekümmert haben. Das sind wahre Gentlemen."

Er erwähnt, dass ein Hauptmann ihn vor dem Mob gerettet habe. Er würde sich wünschen, dass die indische Armee gefangen genommene pakistanische Soldaten genauso behandeln würde. "Ich bin sehr beeindruckt von der pakistanischen Armee", sagt er.

Gefilmt wurden die Aufnahmen vermutlich von pakistanischen Soldaten. Überprüfen lassen sich genauer Ort, Zeit und Authentizität nicht. Es liegt nahe, dass es sich um den indischen Piloten handelt, dessen Flugzeug von der pakistanischen Luftwaffe zuvor abgeschossen worden war und der im pakistanischen Teil der Provinz Kaschmir abgestürzt ist. Ein zweites Flugzeug geht im indischen Teil zu Boden. Der Mann, der gerade abgeschossen und gefangen genommen wurde, lobt hier also seine Feinde.

Foto: DER SPIEGEL

Die Propagandavideos finden große Verbreitung in Pakistan und Indien. "Man hätte ihn töten können. Aber wir haben ihn gerettet, ihn in Sicherheit gebracht, ihn behandelt", schreibt ein pakistanischer Twitter-Nutzer - vermutlich ein Soldat - und gibt damit den Tenor wieder, der unter pakistanischen Nutzern vorherrscht: Wir sind so großherzig und gehen gut mit unseren Gegnern um.

Unter indischen Nutzern hingegen dominieren die Bilder, die den blutverschmierten Piloten zeigen. #SaveAbhinandan lautet ein weit verbreiteter Hashtag. "Mein Blut kocht", schreibt die Twitter-Nutzerin Maitri Behura. "Unser mutiger Pilot" werde so behandelt, während Indien pakistanischen Terroristen im Gefängnis Biryani, also ein Reisgericht, serviere. Pakistanische Twitterer antworten ihr wiederum, der Mann sei doch gerade abgestürzt, deshalb blute er. Vergleicht man jedoch die Videos von dem Piloten im Matsch mit denen später beim Verhör, sieht man: Anfangs war sein Gesicht noch nicht blutig.

Twitter, das wird in diesem Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan deutlich, wird auf allen Seiten als Propagandainstrument benutzt. Beide Länder nutzen diejenigen Bilder, die ihre Geschichte stützen. Jede Seite versucht, ihre Sichtweise zu verbreiten. Dabei kursieren viele gefälschte Bilder und Videos. Es bleibt oft offen, welche echt sind, welche davon manipuliert oder komplett gestellt.

Genauso unklar sind die Fakten. Indien verbreitet, bei seinem ersten Luftschlag am Dienstag sei ein "Terrorlager" angegriffen worden. Es seien "insgesamt 350 Terroristen getötet" worden. Das pakistanische Militär teilt daraufhin Bilder, die lediglich ein paar Metallsplitter und Krater in einem Wald und auf einer Wiese zeigen. Es sei "kein Mensch zu Schaden gekommen", und "Terroristen" seien am Ort des indischen Angriffs schon gar nicht zugegen gewesen.

Auch Pakistans angeblicher Gegenschlag, der Angriff auf ein Gebiet im indischen Teil Kaschmirs sowie der Abschuss zweier Flugzeuge, wirft Fragen auf. "Die heutige Aktion war ein Akt der Selbstverteidigung", sagt Armeesprecher Asif Ghafoor. "Wir wollen keinerlei Sieg erklären." Die indische Regierung wiederum bestritt zunächst jeglichen Verlust von Kampfjets, räumte am Mittwochmittag jedoch ein, es werde ein Flugzeug vermisst. Dann kursierten am Mittwoch Bilder des abgestürzten Flugobjekts - die aber Teile eines Hubschraubers zeigen, nicht eines Kampfjets.

Pakistan feiert derweil einen seiner Offiziere: den Kampfpiloten Hassan, der das indische Flugzeug abgeschossen haben soll. "Held der Nation" nennen ihn Tausende auf Twitter. Und wie durch Zufall taucht auf Twitter ein 59-sekündiges, mit Musik unterlegtes Video auf, das Hassan im Einsatz zeigt: im Flug, bei Starts und Landungen und wie er sich mit Kameraden unterhält.

Der Clip wirkt professionell produziert.

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