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Maoisten in Indien: "Es wird ein langer blutiger Kampf"

Foto: ? Jayanta Shaw / Reuters/ REUTERS

Indiens Maoisten Terror im Namen der Entrechteten

Tausend Tote in diesem Jahr - das ist die Bilanz des Terrors der maoistischen Truppe der Naxaliten in Indien. Sie spielen sich als Rächer der Armen auf und finden im ganzen Land Rückhalt. Die Krise spitzt sich zu, die Regierung hat ihnen jetzt den Krieg erklärt.

Die Bombe zerstört eine Schule, damit Soldaten das Gebäude nicht mehr als Unterschlupf nutzen können. Vermummte stürmen eine Polizeistation, stehlen Waffen und töten 17 Beamte. Andernorts wird ein Polizist geköpft, das soll Macht und Kampfeswillen demonstrieren. Ein Zug mit rund 500 Passagieren wird entführt, nur mit Mühe gelingt es Sicherheitskräften, die Terroristen zu vertreiben und die Geiseln zu befreien. Busse und Lastwagen brennen, Bewaffnete errichten Straßensperren auf Autobahnen. Das sind nur wenige Beispiele aus einer Fülle von Überfällen im vergangenen Vierteljahr.

Indien

wird von neokommunistischen Rebellen angegriffen. Seit vier Jahrzehnten kämpfen die Maoisten für mehr Gerechtigkeit für die Armen und Entrechteten, für die - Dalits genannten - Unberührbaren und die Adivasis, die Ureinwohner Indiens, in den wenig bis gar nicht entwickelten Regionen des Landes. Doch seit Indiens Regierung Mitte Juni ihre "Operation Green Hunt" angekündigt und die Kommunistische Partei Indiens (CPI-M) verboten hat, nimmt der Terror drastisch zu.

Allein in diesem Jahr wurden bislang knapp tausend Menschen von den sogenannten Naxaliten getötet. Paramilitärs und Polizisten sollen die Radikalen nun besiegen, Beobachter rechnen noch im November mit dem Beginn der Offensive. Das Militär soll sich aus dem Konflikt heraushalten, Innenminister Palaniappan Chidambaram will deshalb auch nicht von einem "Krieg" sprechen, sondern nur von einer "Konfrontation".

Militär: "Ein langer, blutiger Kampf"

Die maoistische Bewegung geht auf einen Bauernaufstand im Jahr 1967 gegen Großgrundbesitzer im westbengalischen Dorf Naxalbari zurück. Im Laufe der Jahre gewannen die Naxaliten mit jeder Offensive gegen sie durch die wechselnden Regierungen in Neu-Delhi mehr Anhänger. Inzwischen zählen sie indischen Geheimdiensten zufolge etwa 50.000 Mitglieder und 20.000 Kämpfer in 20 der 28 indischen Unionsstaaten. Nepal und China würden die Rebellen mit Waffen ausrüsten. "Es ist kein kleines regionales Problem, sondern ein großes, gesamtindisches", sagt ein ranghoher Offizier im indischen Verteidigungsministerium SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen etwas dagegen tun, und ich befürchte, es wird ein langer, blutiger Kampf."

Indiens wirtschaftlicher Aufstieg

Der Konflikt hat die bittere Ursache, dass in den vergangenen 20 Jahren über einem Viertel seiner Einwohner rein gar nichts gebracht hat: Die Zahl der Inder, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, liegt nach Uno-Angaben bei etwa 300 Millionen - kaum weniger als noch vor einem Vierteljahrhundert. Weltweit ist die Zahl der Menschen, die unter dieser Armutsgrenze leben, dagegen von 1,5 Milliarden auf etwa 970 Millionen gefallen.

Es verwundert also kaum, dass viele Inder von den etablierten politischen Parteien und vom demokratischen System enttäuscht sind. Als 2004 die regierende hindu-nationalistische Partei BJP mit ökonomischen Erfolgen für ihre Wiederwahl warb, unterlag sie überraschend gegen die linke Kongresspartei - Analysten hatten nicht mit der Wut der unzufriedenen Landbevölkerung gerechnet, die vom "shining India", vom "glänzenden Indien", wie der Slogan der BJP lautete, nichts mitbekommen hatte.

Doch auch von der Kongresspartei halten viele Arme wenig, da auch diese sich ihrer Meinung nach vor allem für die Belange der Reichen einsetzt. Stattdessen gewinnen Parteien am linken Rand Sympathien - so auch die Maoisten, die Premierminister Manmohan Singh regelmäßig als Bedrohung für die innere Sicherheit bezeichnet. "Wenn die Linksextremisten weiterhin in jenen Regionen Erfolg haben, in denen natürliche Ressourcen lagern, wird das sicher Auswirkungen auf das Investitionsklima haben", sagte er im Sommer im Parlament in Neu-Delhi.

Kampf um heilige Hügel und Rohstoffvorkommen

Die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy sieht diese Aussage als Beleg dafür, dass es der Regierung nur um die Ausbeutung von Bodenschätzen geht - und nicht um die Verbesserung der Lebensbedingungen der Einheimischen. Die Rebellen würden als Terroristen dämonisiert, um einen Krieg gegen sie zu rechtfertigen.

Als Beispiel nennt Roy den Stamm der Dongria Kondh, Ureinwohner Indiens im Unionsstaat Orissa. Die sollen Roy zufolge ihrer Heimat beraubt werden, weil der indisch-britische Rohstoffkonzern Vedanta in den bewaldeten Bergen Bauxit abbauen will. In dieser Region wird ein Vorkommen dieses Aluminiumerzes im Wert von Milliarden Dollar vermutet. Doch die Niyamgiri-Hügel sind den hinduistischen Dongria Kondh heilig. "Wenn Stämme also zu den Waffen greifen, tun sie das, weil die Regierung ihnen nichts anderes zuteil werden lässt als Gewalt und Missachtung", sagt Roy. "Und nun will sie ihnen auch noch das Letzte nehmen, was sie haben: ihr Land."

Ein Sprecher von Vedanta in London verweist dagegen darauf, dass es sich bei der Region um "eine der ärmsten Gegenden Indiens" handele. "Es fehlt dort nahezu gänzlich eine wirtschaftliche Infrastruktur, es gibt keine Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Außerdem ist die Sterblichkeitsrate bei Kindern extrem hoch", sagt er SPIEGEL ONLINE. Das Engagement vom Vedanta sowie der Regierung von Orissa werde der Region "Wohlstand und Entwicklung" bringen.

Hass auf die Regierung: "Die reaktionären, blutsaugenden Vampire fortjagen"

Auch andere indische und internationale Konzerne wollen in den von Ureinwohnern bevölkerten Gebieten Rohstoffe abbauen und versprechen den Menschen bessere Lebensbedingungen - allerdings müssen die Einheimischen zum Teil umgesiedelt werden. In den vergangenen 50 Jahren haben mehr als zehn Millionen Ureinwohner ihre Heimat verloren, in ihren Dörfern entstanden Staudämme, Bergwerke und Industriekomplexe.

In dem Gebiet von Westbengalen über Jharkhand, Orissa, Chhattisgarh, Andhra Pradesh bis Maharashtra, wegen der starken Maoisten-Aktivität auch "Roter Gürtel" genannt, sind die Armen deshalb inzwischen überzeugt, dass sie nur noch mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen und ihre Heimat verteidigen können.

Seit Jahren nehmen sich hier bei Grundbesitzern verschuldete Bauern das Leben, weil sie ihre Familien nicht mehr ernähren können, junge Männer kehren verzweifelt aus den Städten zurück, wo sie vergeblich nach einem besseren Leben gesucht haben. Viele dieser Menschen sehen in den Naxaliten die Rächer der Armen. Sie lassen sich auch nicht von Berichten in indischen Zeitungen abschrecken, wonach die Maoisten in Wirklichkeit nur ein totalitäres Regime anstreben und in jenen Dörfern, die sie bereits beherrschen, angebliche Verräter in Schauprozessen verurteilen und öffentlich hinrichten.

Der Hass der Naxaliten auf die Regierung ist so groß, dass deren Anführer Mupalla Laxman Rao, der in einem Dschungelversteck lebt, Premierminister Singh und Innenminister Chidambaram in einem Interview mit dem Wochenmagazin "Open" kürzlich seinerseits als "Terroristen" bezeichnete. "Die Menschen werden unter unserer Führung wie ein Tornado über das Land fegen und die reaktionären, blutsaugenden Vampire, die derzeit unser Land regieren, fortjagen." Den "Haien in der Regierung" gehe es nur darum, die "Menschen auszubeuten und die Ureinwohner aus ihren Stammesgebieten zu vertreiben".

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