Präsidentschafts- und Parlamentswahl Warum starben in Indonesien Hunderte Wahlhelfer?

Ihren Einsatz als Helfer bei der Wahl in Indonesien haben vermutlich Hunderte Menschen mit dem Leben bezahlt. Wahlbeobachter berichten von den Umständen.
Wahllokal im indonesischen Yogyakarta

Wahllokal im indonesischen Yogyakarta

Foto: BOY TRIHARDJANTO/ EPA-EFE/ REX

Morgens um sieben Uhr öffneten am 17. April die meisten Wahllokale in Indonesien. Es war ein normaler Tag, um die 28 Grad Celsius, keine außergewöhnliche Temperatur in dem südostasiatischen Land. Zum ersten Mal wurden dort zeitgleich Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgehalten - ein riesiger logistischer Aufwand.

Sechs Millionen Menschen waren als Wahlhelfer dabei, um das Votum zu beobachten, Zettel einzusammeln und die Stimmen anschließend auszuzählen. Zwei Wochen später sind mehr als 300 dieser Helfer tot, Tausende krank geworden. Was genau ist da passiert?

Andreas Harsono war als Wahlbeobachter für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in zwei Wahllokalen in der Hauptstadt Jakarta dabei. Er sagt, es gebe zwei Theorien zu den Todesfällen: "Die einen sagen, es sei normal, dass in einer Gruppe aus sechs Millionen einige Hundert sterben, etwa aus Altersgründen, oder weil sie ohnehin schon an Diabetes oder Asthma erkrankt waren." Vor allem ältere Mitarbeiter aus ländlichen Gegenden seien gestorben, in großen Städten wie Jakarta habe es weniger Vorfälle gegeben.

Es gebe aber auch andere Einschätzungen. Demnach hätte die Anstrengung des Jobs als Wahlhelfer unmittelbar in Zusammenhang mit ihrem Ableben gestanden. "Die andere Seite sagt: Selbst wenn die Menschen schon Vorerkrankungen hatten und alt waren, wären sie vielleicht nicht gerade jetzt gestorben, sondern zu einem anderen Zeitpunkt", so Harsono.

Fest steht: Der Einsatz muss enorm erschöpfend gewesen sein. "Viele haben einen Tag lang fast durchgearbeitet, mindestens 18 Stunden am Stück", sagt Harsono. In den ländlichen Gegenden mussten die Stimmzettel noch an eine offizielle Stelle transportiert werden, das habe noch mal mehrere Stunden Reisezeit für die Helfer bedeutet.

Haeril Halim arbeitet bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Indonesien. Er sagt, die Wahlhelfer hätten schon drei Tage vor der Abstimmung mit ihrer Arbeit begonnen und am 17. April oft bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet. Dabei seien sie in drei verschiedenen Bereichen eingesetzt worden:

  • Als Leiter der Wahllokale,
  • als normale Helfer
  • und als Sicherheitspersonal.

Es habe drei Pausen für sie am Wahltag gegeben. "Schon Tage zuvor haben viele gesagt: Das wird hart", sagt Harsono. Welche Auswirkungen die hohe Arbeitsbelastung hatte, darauf sei dennoch niemand gefasst gewesen.

Wahlhelfer mit Wahlurnen in einem Fluss nahe Maros in der Provinz Südsulawesi

Wahlhelfer mit Wahlurnen in einem Fluss nahe Maros in der Provinz Südsulawesi

Foto: DAENG MANSUR/ EPA-EFE/ REX

Todesursache: Erschöpfung durch Überarbeitung

Der Chef der Wahlkommission habe als Todesursache Erschöpfung durch Überarbeitung ausgegeben, sagt Halim von Amnesty. Davon seien vor allem die normalen Helfer in den Wahllokalen betroffen gewesen. Auch Angehörige des Militärs und der Polizei, die als Sicherheitskräfte eingesetzt worden waren, jedoch nicht selbst abstimmen durften, seien an Erschöpfung gestorben.

Umgerechnet etwa 35 bis 50 Dollar hätten die Wahlhelfer für ihre Arbeit erhalten, sagt Harsono. Das entspricht etwa einem Fünftel des durchschnittlichen monatlichen Einkommens in Indonesien. Das Geld sei aber nicht die einzige Motivation gewesen: "Sie haben es für die Demokratie getan." Die Regierung hat bereits zugesichert, die Familien der Opfer finanziell unterstützen zu wollen. Umgerechnet mehr als 2500 Dollar soll den Angehörigen Medienberichten zufolge jeweils ausgezahlt werden. Halim zufolge hat die Regierung zudem zugesichert, dass Krankenhauskosten für betroffene Wahlhelfer übernommen würden.

Die Zusammenlegung der Präsidentschafts- mit der Parlamentswahl sei vor allem aus Kostengründen entschieden worden, sagt Harsono. Die Wahl verschlinge einen Milliardenbetrag, die Regierung habe diesen nicht zwei Mal ausgeben wollen. Die Wähler mussten deshalb gleich fünf Zettel ausfüllen - einen für den gewünschten Präsidenten, Vertreter im Senat und drei für Parlamente auf den nationalen und lokalen Ebenen. Ihre Stimme geben die Indonesier ab, indem sie mit einem Nagel ein Loch in das Papier stechen. Die Stimmzettel müssen im Anschluss händisch ausgezählt werden.

"Ich mache nicht die Wahlkommission dafür verantwortlich, was passiert ist", sagt Harsono. Vielmehr seien die rechtlichen Änderungen zur Zusammenlegung fatal gewesen. "Die neue Regierung, die bald gebildet wird, muss die Gesetze so schnell wie möglich wieder ändern", sagt er.

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