Indonesien 18.000 Inseln, 193 Millionen Wähler - und abgestimmt wird per Nagel

Ein früherer Möbelhändler und ein Ex-General kämpfen um den Spitzenposten im größten muslimischen Staat der Welt. Die logistischen Herausforderungen sind gewaltig. Der Überblick zur Wahl in Indonesien.

Transport von Wahlurnen in Indonesien
DAENG MANSUR/EPA-EFE/REX

Transport von Wahlurnen in Indonesien

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Wofür Indien sechs Wochen braucht, das schafft Indonesien an einem Tag: Während sich die Parlamentswahl in der größten Demokratie der Welt noch bis zum 19. Mai hinzieht, wählt die drittgrößte Demokratie der Welt am Mittwoch das Parlament und den Präsidenten. Knapp 193 Millionen Menschen sind in Indonesien zur Wahl aufgerufen.

Wie ist die aktuelle Lage in Indonesien?

Indonesien gilt als bevölkerungsreichster muslimischer Staat der Welt, fast 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Lange stand das Land für eine tolerante Form des Islam. Doch in den vergangenen Jahren haben fundamentalistische Kräfte deutlich an Einfluss gewonnen. Jakartas christlicher Ex-Gouverneur, genannt Ahok, verlor wegen angeblicher Verhöhnung des Korans nicht nur sein Amt, sondern musste auch ins Gefängnis. (Mehr zum Fall Ahok lesen Sie hier.)

Präsident Joko Widodo bei einem Wahlkampftermin auf Java
Tatan Syuflana/ AP

Präsident Joko Widodo bei einem Wahlkampftermin auf Java

In der Provinz Aceh gilt seit einigen Jahren im Strafrecht die Scharia. Hier werden unter anderem unverheiratete Paare wegen verbotenen Körperkontakts öffentlich mit Stockschlägen bestraft.

Hinzu kommen Anschläge von Islamisten auf Kirchen: Im Mai vergangenen Jahres wurden bei Attacken auf drei Kirchen in Surabaya 13 Menschen getötet. Die Taten gingen auf das Konto von drei Familien. Sie missbrauchten sogar ihre eigenen Kinder als Selbstmordattentäter.

Wer steht zur Wahl?

Indonesiens Präsident Joko Widodo, auch bekannt als "Jokowi", tritt erneut für die Demokratische Partei des Kampfes Indonesiens an. Seit 2014 hat er seinen Posten inne. Damals war er mit dem Versprechen angetreten, sich vor allem für die Indonesier mit geringem Einkommen einzusetzen. Er gilt als volksnaher Politiker, als "Obama Indonesiens", der es vom Möbelhändler zum Präsidenten gebracht hat. Nun scheint sogar eine zweite Amtszeit wahrscheinlich: In den bisherigen Umfragen liegt Jokowi teils mit einem Vorsprung von 20 Prozentpunkten vorn.

Jokowi mit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2016 in Berlin
Michael Sohn/ AP

Jokowi mit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2016 in Berlin

Seine Kritiker werfen ihm allerdings vor, sich zu wenig für Menschenrechte in seinem Land eingesetzt zu haben. Mehrere Hinrichtungen in Indonesien wurden zuletzt trotz internationaler Proteste vollstreckt, zudem nimmt die Stimmungsmache gegen Homosexuelle wieder zu. Auch Korruption ist nach wie vor weit verbreitet, obwohl Jokowi den Kampf dagegen zu einem seiner wichtigsten Ziele ausgerufen hatte.

Wer tritt gegen ihn an?

Ein alter Rivale: Prabowo Subianto, der ihn schon im Präsidentschaftswahlkampf 2014 herausforderte. Damals sorgte Subianto für Aufsehen, als er in einem Wahlkampfspot einen Sänger in Heinrich Himmlers SS-Uniform auftreten ließ, der forderte "Indonesien erwache!".

Als ehemaliger General, stets den Peci auf dem Kopf, die traditionelle Mütze der Indonesier, ist der 67-Jährige fast der Gegenentwurf zu Jokowi. Zudem war Prabowo Schwiegersohn des ehemaligen Diktators Suharto und gehört als strikter Nationalist zur militärischen Elite im Land.

Prabowo Subianto beim Wahlkampfauftritt in Jakarta
REUTERS

Prabowo Subianto beim Wahlkampfauftritt in Jakarta

Wie wird die Wahl ablaufen?

Allein die Logistik ist in dem Land, das aus knapp 18.000 Inseln besteht, eine Herausforderung: Am Mittwoch werden mehr als 800.000 Wahllokale geöffnet sein. Dabei sollen sich die Indonesier nicht nur für einen Präsidentschaftskandidaten entscheiden, sondern auch die neuen Parlamentsmitglieder sowie lokale Vertretungen bestimmen. Insgesamt sind mehr als 20.000 Posten offen, es haben sich etwa 245.000 Kandidaten aufstellen lassen. Mitglieder von Polizei und Militär dürfen ihre Stimme allerdings nicht abgeben. Das ist eine Konsequenz aus der langen Militärdiktatur im Land, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis Ende der Neunzigerjahre. Die Wahlen am Mittwoch sind daher erst die vierten in der indonesischen Geschichte, die als frei und fair bezeichnet werden können.

Der Wahlvorgang selbst ist ebenfalls ungewöhnlich. Die Wähler stanzen mit einem Nagel an insgesamt fünf Stellen ein Loch in den Wahlzettel. Das indonesische Wort für wählen heißt wörtlich übersetzt etwa "schlagen". Wahlbeobachter halten anschließend den Zettel in die Höhe, um zu prüfen, ob Licht durch die kleinen Löcher scheint. Anschließend wird ein Finger der Wahlberechtigten mit Tinte markiert. In manchen sehr ländlichen Gebieten stimmen die Anwohner auch nach dem sogenannten "Noken-System" ab. Dabei sammeln die Vorsteher einer Gemeinde die Stimmen in einer traditionellen Tasche - der Noken - ein und wählen anschließend nach dem Mehrheitsentscheid.

Welche Rolle hat die Religion im Wahlkampf gespielt?

Die Rolle des Islams in Politik und Gesellschaft war eines der bestimmenden Themen des diesjährigen Wahlkampfs. Jokowi gilt eigentlich als Vertreter eines moderaten Islam, doch er hat sich einen sehr konservativen Mitstreiter ausgesucht. Maruf Amin ist ein mächtiger Kleriker im Land und hat eine entscheidende Rolle im Fall Ahok gespielt. Wenn Jokowi erneut gewinnt, wird er ihn zu seinem Vize machen - ein Versuch, die konservativen Muslime im Land zu erreichen. Gleichzeitig könnte Jokowi damit aber auch Unterstützung aus dem moderaten Lager verlieren.

Joko Widodo (l.) mit seinem Kandidaten für den Vize-Posten, Maruf Amin
AP

Joko Widodo (l.) mit seinem Kandidaten für den Vize-Posten, Maruf Amin

Amin vertritt öffentlich die Meinung, das größte Problem im Land sei eine Krise des Glaubens, mehr noch als die schlechte Infrastruktur. Er werde mit Jokowi das Land wie bei einem "Badminton-Doppel" regieren, sagte er dem "Economist" zufolge. Immer wenn Jokowi einen Schritt nach links mache, werde er sich rechts davon aufstellen.

Auch Herausforderer Prabowo machte den Glauben zum Wahlkampfthema. Er versprach unter anderem mehr Geld für islamische Schulen und bekam im Gegenzug die Unterstützung der größten islamistischen Partei im Parlament für seine Kandidatur.

Welche Rolle spielen soziale Medien und "Fake News" bei der Wahl?

Mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten in Indonesien sind zwischen 17 und 35 Jahre alt. Zudem hat Indonesien die vierthöchste Nutzungsrate von Facebook weltweit. Das bedeutet, dass ein großer Teil der Wähler in den sozialen Netzwerken erreicht werden kann. Prabowo hat sich bereits im Wahlkampf die Unterstützung von Influencern und YoutTubern gesichert. Gleichzeitig registrierte die indonesische Organisation Mafindo, die Falschinformationen im Netz ausfindig machen will, in den vergangenen Monaten einen deutlichen Anstieg von "Fake News" in den sozialen Netzwerken. Dies berichtet unter anderem "The Diplomat".

Ein großer Teil der falschen Darstellungen sollen sich dabei mit Präsident Jokowi befassen und ihn als anti-islamischen Christen und Kommunisten bezeichnen. Septiaji Eko Nugroho von Mafindo sagte dem "Economist", eines der größten Probleme sei, dass die demokratische Wahl an sich in Zweifel gezogen werde. "Wenn der Wahlprozess angegriffen wird, dann werden die Menschen, ganz egal wer der Gewinner ist, dem Resultat nicht trauen. Dann droht Chaos."

Mitarbeit: Christoph Sydow



insgesamt 2 Beiträge
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sandeq 17.04.2019
1. 'Tusuk' ...
... das umgangssprachliche Wort fuer 'Wahlzettel ausfuellen' heisst eigentlich 'stechen' - und 'gestochen' wird mit einem vergleichsweise dickem Nagel. Das damit gemachte Loch ist so immer ganz gut sichtbar, und wird nach der Schliessung der Wahllokale dem interessierten Wahlvolk auch gezeigt: An den Wahllokalen werden Stimmen oeffentlich ausgezaehlt, und interessiert Buerger und NGOs machen sich Notizen zu den Ergebnissen, die sie dann spaeter mit den veroeffentlichten Gesamtsummen abgleichen. Auch die Rekapitulation der Gesamtstimmen der Wahlbezirke etc ist den Waehlern zugaenglich und wird gar im Internet veroeffentlcht. Damit ist Wahlbetrug nicht leicht - so hat man z.B. letztes Jahr bei einer Kommunalwahl in Makassar, einer Grosstadt in Sulawesi, Versuche zur Manipulation der summierten Stimmen in einigen Wahlbezirken lautstark verhindern koennen. Ja, Indonesien ist eine Demokratie, und in zumindest der Organisation der Wahlen eine sehr demokratische.
ciumanhanuman 18.04.2019
2. Indonesien: Demokratischer oder muslimischer Staat ?
Indonesien ist eine Demokratie wie Tusuk richtig schreibt und nicht der"größte muslimische Staat der Welt" oder der "bevölkerungsreichste muslimische Staat" wie die Autorin in fälschlicher sowie widersprüchlicher Weise zu Ihren eigenen Ausführungen als "drittgrößte Demokratie der Welt" darstellt. Nur weil die Mehrheit der Bevölkerung sich zum muslimischen Glauben bekennt, macht es den Staat oder das Land nicht zu einem muslimischen. Irland, Polen oder Italien sind ja auch keine katholischen Staaten nur weil sich die Bevölkerungsmehrheit zum katholischen Glauben bekennt. So gesehen ist Indonesien die größte Demokratie weltweit mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Neben dieser grundlegenden o.g. Fehleinstufung ist der Artikel m.E. oberflächlich, überwiegend nichtssagend, einer unkritischen wie unpolitischen Haltung und nur von wenig Sachkenntnis getrübt.
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