Inhaftierte Französin Iran lässt Clotilde Reiss gegen Kaution frei

Frankreich atmet auf: Gegen eine Kaution wurde die französische Sprachlehrerin Clotilde Reiss aus iranischer Haft entlassen. Sie ist offenbar bei "guter Gesundheit" und hat bereits mit Präsident Nicolas Sarkozy telefoniert.


Paris - Sie geriet zum Spielball des iranischen Regimes: In einem Schauprozess in Teheran wurde Clotilde Reiss in den vergangenen Wochen vorgeführt. Doch jetzt ist die 24-jährige Französin nach mehr als sechs Wochen im Gefängnis offenbar freigekommen. Gegen eine Kaution sei Reiss aus der Haft entlassen worden, teilte der Elysée-Palast am Sonntagabend mit. Es gehe ihr gesundheitlich gut.

Staatspräsident Nicolas Sarkozy habe bereits mit Reiss telefoniert, hieß es aus dem Elysée-Palast weiter. Die Universitätslektorin befinde sich in der französischen Botschaft in Teheran und werde dort auf ihr Urteil warten. Dieses könnte nach Angaben von Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner bereits in den kommenden acht Tagen fallen. Frankreich hat die iranischen Behörden aufgefordert, alle Vorwürfe gegen die junge Frau fallenzulassen.

Reiss' Vater sprach von einer gezahlten Kaution von "mehreren hunderttausend Euro". Außenminister Kouchner wollte die Zahl nicht bestätigen. Ihm zufolge handelt es sich bei dem von Frankreich hinterlegten Geld nicht um eine große Summe.

Vor einigen Tagen hatte die iranische Justiz bereits angedeutet, Reiss gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen zu können. Sie habe aber "keinesfalls das Recht, das Land zu verlassen, bis das Urteil verkündet ist". Die iranische Justiz wirft Reiss die Gefährdung der nationalen Sicherheit, das Sammeln von Informationen und das Anstacheln von Krawallmachern vor. Ihr wird zur Last gelegt, Berichte über die Demonstrationen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom 12. Juni verfasst und Fotos davon per E-Mail verschickt zu haben. Sie war am 1. Juli bei der Ausreise am Flughafen Teheran festgenommen worden.

Auch eine Mitarbeiterin der französischen Botschaft in Teheran war inhaftiert worden, weil sie in E-Mails über die Demonstrationen berichtet hatte.

Die Botschaftsmitarbeiterin war vor knapp einer Woche freigelassen worden.

Beide Frauen hatten Anfang August zusammen mit mehr als hundert weiteren Demonstranten vor Gericht gestanden - sie gehören zu jenen Männer und Frauen, denen in Iran ein Schauprozess gemacht wird.

Reiss schrieb ihre Magisterarbeit über das iranische Bildungssystem und Schulbücher seit der Revolution 1979. Sie reiste mehrfach durchs Land, bevor sie zu Jahresanfang einen Posten als Französisch-Dozentin an der Universität Isfahan antrat. Der Vertrag sollte über zwei Jahre gehen, doch dann gab es Probleme mit dem Arbeitsvisum. Reiss plante, Iran Ende Juni zu verlassen, als am 12. Juni die Wahlen und ihr umstrittenes Ergebnis das Land in Aufruhr versetzten.

Die Polizei und islamische Milizen sind massiv gegen die größten Demonstrationen in Iran seit der Revolution von 1979 vorgegangen. Dutzende Menschen starben, Tausende wurden vorübergehend eingesperrt. Mindestens 200 von ihnen befinden sich noch in Haft.

Republik Iran
Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
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Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
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Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).

kgp/AFP/AP/Reuters

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Seite 1
Betonia, 17.07.2009
1.
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Die letzten Demonstrationen und das Verhalten der Machthaber hat bei der Bevölkerung etwas losgetreten. Das wird schwer zu stoppen sein.
Die_Geistwurst, 17.07.2009
2.
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Meine Einschätzung ist, dass die Regierung ihre Macht mit allen Mitteln verteidigen wird.
iranrevolution2009 17.07.2009
3. Es gibt nur noch zwei Wege
Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
Zarathustra, 17.07.2009
4. Was in den letzten Tagen geschah:
• ِDie beiden Großayatollahs Montazeri und Zanjani haben in einem ungewöhnlich scharfen Ton, ohne Namen zu nenne, die Führung angegriffen • Ayatollah Ostadi, der Hauptprädiger in der religiösen Statdt Qom, hat seinen Streik für die nächsten Wochen bekannt gegeben. D.h. er wird auf das Predigen im Freitagsgebet verzichten. Dafür hat er von 19 weiteren Religionsgelehrten aus Ghom Unterstützung und Zuspruch bekommen. • Mohsen Rezai (der vierte Kandidat) sieht die Zukunft des Systems als sehr schwarz. • Revolution und Widerstand der Frauen: Nicht nur junge Frauen, sondern auch ältere und Frauen mit Tschador machen bei den Protesten mit • Erfinderischer Widerstand: jedes Mal, wenn man im staatlichen Fernsehen die Führung oder irgendein Interview mit einem Inhaftierten zeigen will, setzen die Menschen sämtliche Elektrogeräte ein und legen so die Stromversorgung für eine bestimmte Zeit lahm. • Rausschmiss von zwei Ahmadi nahe stehenden Mitgliedern des Schlichtungsrates, der von Rafssanjani geleitet wird. • Ahmadi in Mashhad http://www.bazyab.ir/index.php?option=com_content&task=view&id=46155&Itemid=1 Dieser Mensch hat angeblich über 24 Millionen stimmen erhalten und wird bei seinem ersten Besuch nach den Wahlen in der heiligen Stadt Mashhad von gerade einigen hunderten Menschen bejubelt.
Betonia, 17.07.2009
5.
Zitat von iranrevolution2009Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
Wobei mir nicht ganz klar ist, was die Mehrzahl der Menschen im Iran wollen. 1. Eine islamische Republik mit ein paar Änderungen und etwas weniger Drangselei von oben. 2. Oder wollen sie eine demokratische - sprich westliche -Form der Regierung, in der Religionen und deren Vorschriften Privatsache sind.
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