Inhaftierter Friedensnobelpreisträger Menschenrechtler bangen um Lius Ehefrau

Ihr Mobiltelefon ist abgeschaltet, selbst enge Verwandte wissen nicht, wo sich Liu Xia befindet: Nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo sorgen sich chinesische Menschenrechtler um dessen Ehefrau. "Sie ist verschwunden", sagt Lius Anwalt.

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und Frau Liu Xia (undatiertes Archivbild): "Diese Nummer ist nicht vergeben"
REUTERS

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und Frau Liu Xia (undatiertes Archivbild): "Diese Nummer ist nicht vergeben"


Peking - Eigentlich hatte Liu Xia gehofft, ihren Ehemann am Samstag im Gefängnis besuchen zu können, um ihm - vermutlich als Erste - davon zu berichten, dass er am Vortag mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden ist. Der chinesische Dissident Liu Xiaobo sitzt seit Dezember 2008 etwa 500 Kilometer von Peking entfernt in Haft. Der 54-Jährige muss wegen seiner federführenden Mitarbeit an der Menschenrechtscharta 08 eine insgesamt elfjährige Gefängnisstrafe verbüßen.

Lius Anwalt Shang Baojun sorgt sich jedoch um das Schicksal Liu Xias, zu der seit Samstagvormittag (Ortszeit) kein Kontakt mehr besteht. Auch ihre Mutter versuchte vergeblich, die Ehefrau Lius zu erreichen. "Sie ist verschwunden", sagte Shang der Nachrichtenagentur AP, "wir machen uns Sorgen um sie." Auch SPIEGEL ONLINE versuchte, mit Liu Xia zu telefonieren, doch ihr Mobiltelefon ist offenbar abgeschaltet: "Diese Nummer ist nicht vergeben", lautet die Ansage des Mobilfunkbetreibers, wenn man Lius Handy anwählt.

Nach Berichten vom Samstag soll die Polizei Liu Xia in die Stadt Jinzhou im Nordosten des Landes gebracht haben, wo sich das Gefängnis befindet, in dem Liu Xiaobo eingesperrt ist. Der Bürgerechtler Wang Jinbo, ein Freund der Familie, schrieb im Internetkurznachrichtendienst Twitter, Liu Xia sei "in Begleitung der Polizei" unterwegs zum Gefängnis von Jinzhou. Er berief sich auf Liu Xias Bruder, der bei ihr sei. Sie sollten demnach noch am Samstag in Jinzhou ankommen.

Die chinesischen Behörden hatten Liu Xias Bewegungsfreiheit bereits vor der Bekanntgabe des Nobelpreisträgers eingeschränkt und ihr angeboten, am Freitag ihren Mann in Haft zu besuchen. Sie hatte dies jedoch abgelehnt und wollte nach der Bekanntgabe eine Pressekonferenz geben. Die Polizei ließ jedoch nicht zu, dass sie ihre Wohnung verließ. Am Freitagabend erklärte Liu Xia, sie verhandele mit den Behörden über die Bedingungen für einen Besuch bei ihrem Mann, um ihm von der Ehrung zu berichten. Danach riss der Kontakt zu ihr ab. Shang und chinesische Menschenrechtsaktivisten befürchten nun, Liu könne in Polizeigewahrsam genommen worden sein, um sie von öffentlichen Auftritten abzuhalten. Die Praxis ist nicht unüblich: Die Pekinger Regierung ist bekannt dafür, prominente Dissidenten und Bürgerrechtler vor allem vor signifikanten Gedenktagen in Gästehäuser zu sperren und zum Teil für Tage oder Wochen aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Polizei habe am Freitagabend in Peking und anderen Städten bei Feiern anlässlich der Auszeichnung des inhaftierten Dissidenten mehrere Dutzend Teilnehmer abgeführt, sagten Menschenrechtler der Nachrichtenagentur AFP am Samstag. Die Nobelpreisvergabe an Liu "verursacht der Regierung große Kopfschmerzen", sagte der bekannte Menschenrechtsanwalt Teng Biao. "Sie will nicht, dass die Menschen von dieser Geschichte erfahren. Nichts davon wird in der Presse berichtet."

Auch Beth Schwanke, Sprecherin der Menschenrechtsorganisation Freedom Now in Washington DC, die als internationaler Rechtsbeistand für Liu Xiaobo agiert, sorgt sich um Lius Ehefrau: "Wir befürchten, dass die Regierung dies als Vorwand nutzen könnte, um sie zu inhaftieren", sagte sie der Agentur AP mit Bezug auf die Vergabe des Nobelpreises am 10. Dezember in Oslo. Liu Xia hatte der Hoffnung Ausdruck verliehen, anstelle ihres Mannes nach Norwegen reisen zu können, um die Ehrung in Empfang zu nehmen. Verlässliche Informationen über den Verbleib Lius gibt es jedoch nicht. Nach Informationen einer Menschenrechtsorganisation in Hongkong sei sie angeblich am Samstag in der nordostchinesischen Provinz Liaoning eingetroffen, wo ihr Mann inhaftiert ist, meldet die Agentur AFP.

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Die Regierung in Peking hat die Entscheidung des norwegischen Nobelkomitees am Freitag scharf verurteilt und jede Berichterstattung darüber unterbunden. Auch im Internet waren in China zu dem Thema kaum Informationen zu finden. Am Samstag äußerte sich kein Politiker zu der Auszeichnung für den Dissidenten und Bürgerrechtler Liu. Lediglich in einem Kommentar der staatlichen Zeitung "Global Times" hieß es auf Englisch, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises solle China verärgert werden. Dies werde jedoch keinen Erfolg haben, "im Gegenteil, das Komitee hat sich blamiert". In der chinesischen Ausgabe der Zeitung wurde die Verleihung als "arrogantes Anschauungsprojekt westlicher Ideologie" bezeichnet.

Auch im Internet sind Kommentare rar gesät. Ein chinesischer Zeitungskarikaturist veröffentlichte am Freitag in seinem Blog die Zeichnung einer Nobelpreismedaille hinter Gittern. Und ein weiterer bekannter Blogger, Ran Yunfei, schrieb am Samstag, es sei "hoffnungslos dummes Verhalten" der Regierung, in einer Zeit, in der das Internet Informationen jedem zugänglich mache, den Versuch zu unternehmen, den Chinesen die Nachricht von Lius Ehrung vorzuenthalten. Einige Anwälte, die in Kontakt zu Dissidenten stehen, wurden am Samstag unter Hausarrest gestellt, darunter auch Pu Zhiqiang, der gegenüber AP sagte: "Die Regierung weiß nicht, wie sie auf die Nachricht aus Oslo reagieren soll. Sie sind nervös, ängstlich und agieren chaotisch."

bor/AP/AFP

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Öhrny 09.10.2010
1. Es...
Zitat von sysopIhr Mobiltelefon ist abgeschaltet, selbst enge Verwandte wissen nicht, wo sich Liu Xia befindet: Nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo sorgen sich chinesische Menschenrechtler um dessen Ehefrau. "Sie ist verschwunden", sagt Lius Anwalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722229,00.html
...ist zu befürchten, die beiden werden verschwunden bleiben. Vielleicht war der Nobelpreis ein Todesurteil, so richtig er auch war.
shi 09.10.2010
2. Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
Ich kann irgendwie auch nicht ganz nachvollziehen, wie ein Staat, der so offensichtlich nichts auf Menschenrechte gibt, ein Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sein kann. Und dann auch noch ein ständiges.
sprechweise, 09.10.2010
3. Gesicht zeigen
Zitat von sysopIhr Mobiltelefon ist abgeschaltet, selbst enge Verwandte wissen nicht, wo sich Liu Xia befindet: Nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo sorgen sich chinesische Menschenrechtler um dessen Ehefrau. "Sie ist verschwunden", sagt Lius Anwalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722229,00.html
Die chinesische Regierung nutzt die Gelegenheit um ihr kriminelles Gesicht zu zeigen. Mittelfristig wird es nur zwei Möglichkeiten geben a) Sie beginnen irgendwo mit einem Vorwand einen Krieg um auf innere Solidarität zu erregen. b) Oder die Führung erlaubt wenigstens ein bisschen mehr Menschenrechte und Demokratie. Letzteres müßte wohl auch mit Personalwechsel einhergehen
xtrigger 09.10.2010
4. Naja.
Zitat von shiIch kann irgendwie auch nicht ganz nachvollziehen, wie ein Staat, der so offensichtlich nichts auf Menschenrechte gibt, ein Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sein kann. Und dann auch noch ein ständiges.
Naja, Russland sitzt auch drin, und auch USA und Frankreich sind bzgl. Menschenrechte auch nicht völlig rein, siehe Guantanamo, Roma, Algerien, etc. Die Sache um Frau Liu ist jedoch mehr als bedauerlich...
atock 09.10.2010
5. die amerikaner und ihr moralmonopol.
liu selbstverständlich menschenrechtler,einer nation die wie keine andere auf diesem planeten wächst und eigentlich unsere letzte chance ist. kennt niemand.... er ist der nachfolger eines präsidenten dessen nation immernoch kriegstreiber nummer eins ist. 7 deutsche `terroristen` haben es wieder bewiesen wie degeneriert unsere von den usa manipulierten moralvorstellungen gediegen sind. die deutschen waren islamisten,das bedeutet für die drohne das todesurteil. aber um auf die wahl liu`s zurückzukommen. fällt es eigentlich niemanden auf,das es in der geschichte der friedensnobelpreisvergabe,niemand preisträger wurde der gegen das grössten globalen kriegstreiberlaender aller zeiten gekämpft hat? bischhof romero,allende,ghandi... fürmich ist die nobelpreisvergabe ein reines propagandainstrument der angloamerikanisch herrscherkaste.
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