Internationale Presse über Schröder "Nur Häme und Spott für Merkel"

Von einem Bruch mit der Tradition ist die Rede, von Sarkasmus und beißender Kritik: Die internationale Presse findet Gerhard Schröders Äußerungen unangemessen. Andere, wie Kanzlerin Merkel, kritisiert er scharf, er selbst ist sich jedoch keiner Schuld bewusst.


Berlin - Gerhard Schröder meldet sich wieder zu Wort: Ein Interview im aktuellen SPIEGEL, kurz vor der Präsentation seiner Memoiren am Donnerstag, nutzte der Exkanzler zum rhetorischen Rundumschlag. Dabei kritisierte Schröder auch die derzeitige Regierung: Kanzlerin Merkel unterstellte er "Führungsschwäche". Die internationale Presse ist darüber verwundert: Vor allem der Ton in Schröders Äußerungen sei unangemessen.

"The Independent", London

"Deutschlands ehemaliger Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat seine konservative Nachfolgerín im Amt, Angela Merkel, mit einer beißenden Kritik attackiert. Er wirft ihr "Führungsschwäche" vor und belächelt ihre Initiativen in der Außenpolitik (...) Schröder wurde angesprochen auf Angela Merkels erfolgreiche Bemühungen, die Irritationen in den Deutsch-Amerikanischen Beziehungen aus der Regierungszeit Schröders auszuräumen. Sarkastisch schob er das Thema beiseite: "Bitte schön!" (...) Der frühere Kanzler ist sich keiner Schuld bewusst wegen seines Engagements bei Gazprom:" Es wird behauptet, dass die Pipeline gegen deutsche Interessen sei, aber das Gegenteil ist wahr", sagte Schröder. "Ich hatte mit viel Lob für dieses Engagement gerechnet. Vielleicht hatte ich mir da zu viel versprochen."

"New York Times", New York

"In Deutschland ist es ungewöhnlich, dass ein ehemaliger Spitzenpolitiker seinen Nachfolger im Amt kritisiert. Gerhard Schröder, 62, brach nun mit dieser Tradition und ging sogar noch einen Schritt weiter: Für Frau Merkels Außenpolitik hatte er nur ein Lächeln übrig."

"Le Figaro", Paris

"Die Präsentation der Memoiren von Gerhard Schröder wird begleitet von einem einzigartigen Medienrummel. (...) Die ersten Auszüge, die auch im SPIEGEL nachzulesen sind, beinhalten aber keine verblüffenden Enthüllungen. Schröder rechtfertig darin seine Reformen als Kanzler, die ihm viele Sympathien gekostet haben. Auch die Entscheidung für ein Vorziehen der Wahlen ist laut Schröder richtig gewesen: Er habe keine andere Möglichkeit gesehen. (...) Wenig überraschend die Passage zu Vladimir Putin: Schröder wirbt für mehr Verständnis für den russischen Präsidenten. Schließlich habe dieser "einen der schwierigsten Berufe der Welt"."

"Jyllandsposten", Kopenhagen

"Knapp ein Jahr nach Schröders Abgang als deutscher Bundeskanzler, kritisiert Schröder seine Nachfolgerin Merkel und deren Große Koalition scharf. Auch wenn Schröders SPD mit in der Koalition sitzt - Schröder ist alles andere als beeindruckt, darüber, was die Regierung in ihrem ersten Jahr gezeigt hat. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel", eine Woche bevor Schröders Autobiographie erscheint, nennt der Exkanzler die umstrittene Gesundheitsreform der Großen Koalition ein bürokratisches Monstrum. Schröder lastet die schlechten Umfragergebnisse der CDU in der Bevölkerung Kanzlerin Merkel an. Es fehle ganz einfach an Führung."

"Der Standard", Wien

"Regelrechte Schröder-Festspiele finden diese Woche in Deutschland statt. In Windeseile hat der am 18. September 2005 abgewählte deutsche Ex-Kanzler Schröder seine Memoiren verfasst. (…) Häme und Spott kriegt vor allem Bundeskanzlerin Merkel ab. Führungsschwach sei sie, lästert Schröder und in den eigenen Reihen nicht unumstritten. (…) Schröder benennt auch diejenigen, denen er seiner Meinung nach den Verlust der Macht verdankt: den Linken und den Gewerkschaften. (…) Überraschend positiv beschreibt der Gegner des Irak-Kriegs sein Verhältnis zu US-Präsident George W. Bush. (…) Aber dennoch kommt immer wieder durch, dass der Deutsche die "Gottesfürchtigkeit" von Bush missbilligt, da dies nicht zu einer Demokratie passe. Auch seinem einstigen Gefährten Oskar Lafontaine widmet Schröder ein Kapitel und gibt zu, dass er es ein paar Mal umschreiben musste, um nicht als Racheengel dazustehen."

tob/ sop



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