Pressestimmen zur Griechenwahl "Jetzt liegt es an Merkel"

Was bedeutet der Wahlausgang in Athen für Europa? In den Leitartikeln internationaler Zeitungen überwiegt die Sorge um den Euro. In einem sind sich viele Blätter einig: Die Zukunft Griechenlands wird nicht in Athen, sondern in Berlin entschieden.
Wahlsieger Samaras in Athen: Europas Zeitungen nehmen nun Berlin in die Pflicht

Wahlsieger Samaras in Athen: Europas Zeitungen nehmen nun Berlin in die Pflicht

Foto: ANDREAS SOLARO/ AFP

Hamburg - Der Sieg der Konservativen bei der Wahl in Athen lässt Europa aufatmen: Es wird damit gerechnet, dass die Nea Dimokratia zusammen mit der sozialistischen Pasok eine proeuropäische Regierung formt. Doch in den Leitartikeln der europäischen Zeitungen überwiegt die Sorge vor der unklaren Zukunft Griechenlands. Viele Kommentatoren wollen die Bundesregierung stärker in die Pflicht nehmen.

  • Die konservative britische Zeitung "The Times" schreibt zur Wahl in Athen:

"In Griechenland ist wohl eine Blockade vermieden worden. Doch wir wissen immer noch nicht, ob die Zukunft des Landes in der Euro-Zone langfristig tragbar sein wird. Die Wahl hat zwar in Griechenland stattgefunden, doch in Wirklichkeit wird Deutschland über die Zukunft Griechenlands entscheiden. Doch die Unsicherheit über die Absichten Berlins belasten die Wirtschaft Europas, auch die deutsche. Das von Mrs. Merkel konzipierte EU-weite Sparprogramm hat die Lage nicht verbessert und häufig verschlimmert. Deutschland klärt nur sehr langsam seine Vorstellungen für die Weiterentwicklung der Gemeinschaftswährung. Die Griechen haben nun abgestimmt. Jetzt liegt es an Mrs. Merkel, den Ausgang der Wahl mitzugestalten."

  • Auch die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" sieht jetzt Berlin in der Pflicht:

"Nur schwerlich wird Deutschland weiterhin immer nur Nein sagen können. Die einzige wirkliche Gefahr nach der Antwort der Griechen an den Wahlurnen ist, dass Berlin sich nun der falschen Hoffnung hingibt, den x-ten Notstand überwunden zu haben, und glaubt, sich noch Zeit lassen zu können. Die Zeit ist überfällig, das haben am Sonntag die griechischen Wähler erklärt. Und das werden jetzt auch die Regierungschefs der G-20-Länder klarmachen, allen voran die Amerikaner. Beim nächsten EU-Gipfel am 28. Juni wird es dann an Draghi, Monti und Hollande sein, es der Kanzlerin begreiflich zu machen. Das wird nicht einfach sein, ein Scheitern kann man sich aber nicht erlauben."

  • Die "Neue Zürcher Zeitung" sieht Griechenland als ein tief zerrissenes Land:

"Auch eine Regierung mit den Konservativen an der Spitze ist noch keine Gewähr dafür, dass Griechenland in der Euro-Zone verbleiben kann. Der Chef der Nea Dimokratia, Antonis Samaras, verlangt ebenso wie die Pasok eine Aufweichung des von den Geldgebern verordneten strengen Sparkurses, der Griechenland zerstöre. Er fordert neue Verhandlungen. Die entscheidende Frage wird sein, wie groß der Spielraum wirklich ist. Das allerdings wird nicht in Athen entschieden. Wie immer die neue Regierung aussehen wird - grundlegende Strukturreformen sind unerlässlich für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Für eine grundlegende Erneuerung des Staates müsste ein Ruck durch die ganze Nation gehen. Doch ist das Land heute zerrissener denn je."

  • Der belgische "De Standaard" kommentiert:

"Es ist deutlich geworden, dass Griechenland kein Druckmittel mehr für Neuverhandlungen hat. Es kann nur noch auf Gnade hoffen. Die Griechen müssen unter das Joch. Sich weiter widerspenstig zu geben, hätte den Zahlmeistern einen Vorwand geliefert, eine neue Euro-Zone ohne Griechenland zu schaffen. Das ist es, was die Euro-Krise mit Ländern und Völkern macht: sie haben nur noch die Wahl zwischen Unterwerfung oder finanziellem Untergang. Der Schaden ist größer als die verbrannten Milliarden. Die Idee der Einigung Europas ist fatal untergraben. Die Schicksalsverbundenheit, die wir Schritt für Schritt aufgebaut hatten, scheint nur noch eine Fassade zu sein. Die Unterschiede in den Ansichten zu Politik und Wirtschaft, ja zum Leben selbst, sind nicht bloß Nuancen, sondern unüberbrückbare Widersprüche."

  • Die sozialdemokratische schwedische Tageszeitung "Aftonbladet" schreibt:

"Für die Griechen stand die Euro-Zusammenarbeit auf dem Spiel. Sowohl die konservative Nea Dimokratia wie die Sozialdemokraten (als künftige Regierungsparteien) stehen hinter der bisherigen Sparpolitik. Das Problem ist, dass sie nicht funktioniert. (...) Deshalb liegt es im Interesse von ganz Europa, dass die Bedingungen für Kredithilfen neu verhandelt werden. (...) Die künftige Regierung hat nur begrenzten Spielraum im Parlament und ein schwaches Mandat. So lange Europa und vor allem Angela Merkel an ihrem bisherigen Kurs festhalten, kann die Regierung ihre Aufgabe fast nicht lösen."

fab/dpa
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