Internet-TV in Kiew Wie man Janukowitsch wegsendet

Die großen TV-Stationen der Ukraine werden von der Regierung kontrolliert. Ein kleiner Internetsender schafft es aber doch, über die Proteste gegen Präsident Janukowitsch zu berichten - ohne Zensur. Über eine Million Zuschauer schalten ein.

SPIEGEL ONLINE

Aus Kiew berichtet


Kiew, ein Außenbezirk, vierter Stock eines Bürogebäudes. Quietschendes Linoleum auf hundert Quadratmetern, Dachschräge, verbrauchte Luft: Das ist die Redaktion von Hromadske.tv ("Öffentliches TV"), einem Internet-Sender, der zum Zentralorgan des Aufstands gegen Präsident Wiktor Janukowitsch geworden ist.

Mehr als 1,5 Millionen Nutzer schalteten Hromadske.tv an, als am Sonntag Hunderttausende in der Ukraine auf die Straße gingen. Eine Gruppe von Journalisten hat den Sender aufgebaut. Die meisten haben früher für die großen TV-Stationen des Landes gearbeitet, aber sie waren die Gängelung leid, die Zensur durch die Regierung und die Besitzer der Sender, die mächtigen Oligarchen. Das ist das Erfolgsrezept von Hromadske.tv: wenig Geld, aber viel Know-how.

Ein Tisch in der Ecke, das ist das Studio. Daneben stehen eine Handvoll Monitore für die Techniker. Von hier wird zu den Großdemos auf dem Maidan geschaltet, zu den Polizeiketten um das Parlament. Die Reporter berichten live von den Orten des Aufstands. Die Redaktion hat ein paar iPhones angeschafft, die Korrespondenten filmen damit selbst und übertragen ihre Aufnahmen direkt ins Studio. Eine App macht das möglich.

2000 Dollar Miete zahlt der Sender für das Studio unter dem Dach des Business-Zentrums "Vector". In einer Ecke diskutiert Tatjana Danilenko mit Gästen. Danilenko ist 30 und eigentlich Starmoderatorin der Nachrichten beim 5. Kanal, es geht um den Angriff mit einem Bulldozer auf die Präsidentenkanzlei. Die Gäste sind sich einig, dass die Attacke wohl auf das Konto von Provokateuren geht. Die Regierung habe sie bezahlt, um die Gewalt dann den Demonstranten in die Schuhe zu schieben.

Seit Anfang der Revolte ist der Sender 24 Stunden auf Sendung

Als der Kanal vor ein paar Wochen erstmals on Air ging, war eigentlich nur eine Sendung pro Woche geplant. Knapp zwei Dutzend Mitarbeiter waren am Aufbau beteiligt. Heute tummeln sich - die vielen freiwilligen Helfer mitgezählt - mehr als 100 Menschen beim "Öffentlichen TV". Seit Anfang der Revolte ist der Sender 24 Stunden auf Sendung, sieben Tage die Woche. Der Kanal hat Posten überall in der Stadt positioniert, sie melden die Bewegungen von Demonstranten und Polizeikolonnen.

Gehen die Menschen in der Ukraine für eine Annäherung an die EU auf die Straße? "Es ist eine Kombination von Gründen", sagt Ludmila Jankina. "Zorn auf die Polizei, die Bürger wie Feinde behandelt, Ärger über schlechte Straßen und Korruption und natürlich die Hoffnung auf Europa."

Jankina ist keine Journalistin, sie arbeitet hauptberuflich als Beraterin einer Firma in Kiew. Ihr Chef hat ihr frei gegeben, damit sie das Heer der Freiwilligen beim Rebellen-Sender koordinieren kann. "Die Leute schauen uns, weil sie uns vertrauen", sagt sie. Jede Nachricht werde überprüft. Als unter den Demonstranten Unruhe aufkam, weil Gerüchte kursierten, in denen die Rede war von Panzern, die per Zug nach Kiew verlegt würden, schwärmten Freiwillige des Senders aus. Sie klapperten die Bahnhöfe und Gleisstränge rund um Kiew ab und gaben Entwarnung: Kein Hinweis auf Panzer, meldete Hromadske.tv.

Der einzige Mann im Raum mit Hemd und Jackett stellt sich vor: Sergej Andruschko, 35, Parlamentskorrespondent. Wie die meisten bei Hromadske.tv kommt er von einem etablierten ukrainischen Sender: große Reichweite, großes Budget, wenig Freiheit.

Zuletzt hat er für TVi gearbeitet. Den Kanal hat mal ein russischer Oligarch gegründet, aber TVi stand lange für unabhängigen Journalismus und Kritik an der Regierung. Bis der Sender Ende April übernommen wurde von einem Geschäftsmann, einem Vertrauten des Energieministers. Sergej Andruschko und 30 weitere Reporter reichten kurz darauf ihre Kündigung ein, aus Protest gegen Versuche, die Berichterstattung zu beeinflussen. Sie bilden heute den Kern des Hromadske-Teams.

Das Problem von Hromadske.tv sind die Finanzen

TVi ist kein Einzelfall. Die großen Fernsehsender des Landes sind seit langem Spielball von Regierung und undurchsichtigen Geschäftsleuten. Der populärste Kanal Inter gehört dem Oligarchen Dmitrij Firtasch und Janukowitschs Kanzleichef Sergej Ljowotschkin. Davor hatte der Chef des Geheimdienstes Inter kontrolliert. Der "5. Kanal" gehört dem Milliardär und ehemaligen Wirtschaftsminister Pjotr Poroschenko. "Ich weiß, dass die Chefredakteure der Sender regelmäßig von der Regierung einbestellt werden", sagt Sergej Andruschko.

Das Problem von Hromadske.tv ist das Geld. Um nicht in die Abhängigkeit der Oligarchen zu geraten, gibt es keine Werbung. Der Sender finanziert sich durch Spenden aus dem In- und Ausland. Die US-Botschaft und die Niederlande haben für die Anschubfinanzierung gesorgt, Zuschauer spendeten bislang 30.000 Euro. Das reicht für die Miete, die iPhones und ein paar Kameras.

Ein Gehalt bekommt bislang aber keiner der Journalisten. Die meisten halten sich mit anderen Jobs über Wasser. Andruschko schreibt nebenher Artikel, unter anderem für das Webportal "Ukrainska Prawda".

Er hofft, dass der Sender über den Aufstand gegen Janukowitsch hinaus Erfolg hat und zur Keimzelle wird für einen neuen Fernsehjournalismus in der Ukraine. Er will die Kanäle der Milliardäre herausfordern. "Die Zuschauer lieben uns", sagt Andruschko, bevor er sich verabschiedet. "Wir leiten ihn ein, den Untergang der TV-Monster der Oligarchen."

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rigo-de-hain 05.12.2013
1. Mehr muss man nicht sagen:
"Der Sender finanziert sich durch Spenden aus dem In- und Ausland. Die US-Botschaft und die Niederlande haben für die Anschubfinanzierung gesorgt..." Natürlich mischt sich das Ausland in fremde Angelegenheiten ein. Alles Heuchler auf dieser Welt!
blindepassagiere 05.12.2013
2. Sicher wie beim Verkehrsunfall...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie großen TV-Stationen der Ukraine werden von der Regierung kontrolliert. Ein kleiner Internetsender schafft es aber doch, über die Proteste gegen Präsident Janukowitsch zu berichten - ohne Zensur. Über eine Million Zuschauer schalten ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/internet-tv-in-kiew-der-anti-janukowitsch-sender-a-937224.html
...da bleiben auch viele stehen und schauen. wollen sie deshalb etwas damit zu tun haben?
bayern2004 05.12.2013
3. Ukraine
Und so ein Land/Regierung wird von der EU umworben, Mitglied zu werden! Ich kann es einfach nicht glauben!!!
gaddafi_2011 05.12.2013
4. Wegsenden?
Warum muss man einen demokratisch gewählten Präsidenten überhaupt wegsenden?
marcway 05.12.2013
5. 1 Mio schauen
... ist doch fein, wenn es Anschubfinanzierer gibt. In der UA gibt es 5 Mio DSL Anschlüsse. Davon werden 20% für diesen Sender genutzt. Da ist er doch gleich viel mehr als eine "Keimzelle" gegen die Milliardäre. Hat man keine Berichte mehr über angebliche "Massendemos", greift man eben zu Keimzellen. Die Filmer aller TV-Stationen sollten aufpassen, dass sie nicht mal aus Versehen zu weit herauszoomen aus der riiiiiesigen Masse der Demonstranten. Sonst könnte ein ganz falscher Eindruck entstehen. Einigen Sendern ist das tatsächlich schon passiert...
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