SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. Dezember 1999, 10:48 Uhr

Interview

"Beitritt der Türkei erst in 50 Jahren"

Die EU hat der Türkei nach jahrelangem Warten den Status eines Beitrittskandidaten gegeben. Zuvor hatte Ishak Alaton, einer der einflussreichsten Unternehmer der Türkei, im Interview mit SPIEGEL ONLINE gefordert, dass sich erst die Mentalität seines Volkes ändern muss, bevor die Türkei der EU beitreten kann.

Ishak Alaton
SPIEGEL ONLINE

Ishak Alaton

SPIEGEL ONLINE:

Nach dem Luxemburger Gipfel 1997, bei dem die EU der Türkei demonstrativ die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, waren die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei lange Zeit frostig. Hat die rot-grüne Regierung daran etwas ändern können?

Ishak Alaton: Helmut Kohl hat damals gesagt: 'Nehmt die Türkei nicht in die Liste auf.' Das haben ihm die Türken sehr verübelt. Vor dem Besuch von Außenminister Fischer im Juli war die Türkei auf eine negative Einstellung seinerseits gefasst. Das traf aber überhaupt nicht zu: Fischer hat viel dazu beigetragen, vorhandene Spannungen abzubauen und die Beziehungen wieder ins Lot zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Chancen für die Türkei, beim Helsinki-Gipfel in die Riege der Beitrittskandidaten aufgenommen zu werden?

Alaton: In Luxemburg hat sich die EU selbst in den Fuß geschossen und das weiß sie. Ich bin sicher, dass Europa diesmal ein Interesse daran hat, der Türkei den Kandidatenstatus anzubieten. Denn nur durch die Vergabe der Kandidatur können die Reformkräfte in der Türkei gestärkt werden. Diese hätten dann ein Druckmittel, um die Regierung zu Veränderungen im System zu bewegen. Nur wenn es zu einer Reorganisation der Gesellschaft kommt, gibt es eine Chance, kritiklose Regimebewunderer im Parlament loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise sollte es doch umgekehrt sein: Zuerst erfüllen die EU-Anwärter Kriterien wie Demokratie und Menschenrechte, dann haben sie erst Anspruch, an die EU gebunden zu werden.

Alaton: Europa macht hier einen grundlegenden Denkfehler. Wenn Sie den demokratischen Wechsel zur Bedingung machen, wird dieser nie stattfinden, weil es keinen Anreiz gibt. Wenn die EU den Türken die Kandidatur anbietet, werden sie bereit sein, etwas zu verändern. Andersherum ist es nicht möglich, weil viele Kräfte im Regime gar nicht nach Europa wollen. Die große Mehrheit der Bürger denkt darüber aber ganz anders. Was das Regime will und was das Volk will - das ist wie Feuer und Wasser in der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, die EU-Staatschefs bieten der Türkei beim Helsinki-Gipfel den Kandidatenstatus an: Wie lange wird es dauern, bis das Land Vollmitglied der EU wird?

Alaton: Das wird sehr lange dauern - ich schätze, zwischen 10 und 50 Jahre. Man muss erst einmal die Mentalität der Türken ändern und ihnen beibringen, was Demokratie ist und dass der Staat keineswegs unantastbar, heilig und jenseits aller Kritik ist. Man muss den Leuten klarmachen, dass der Staat eine Institution von Bürgern für Bürger ist - und dazu da, der Bevölkerung zu dienen. Wir müssen den Staat entmystifizieren. Doch dieser Prozess braucht Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Hält die EU die Türkei vielleicht auch aus Angst davor hin, dass die Türkei bei einem Beitritt zuviel Macht erlangen könnte?

Alaton: Wir haben ja eine Bevölkerung von 65 Millionen. Da gibt es sicher so eine unterbewusste Angst in Europa, dass die Türkei ein "ziemlich harter Brocken" ist. Aber wer weiß, wie es in der Türkei in zehn bis 50 Jahren aussehen wird - und wie in Europa. Dann könnte die EU ja immer noch entscheiden, dass die Türkei aus den oder den Gründen nicht in Frage kommt - dieses Recht bleibt ja. Die Türkei als Kandidaten ernennen, heißt noch nicht, dass sie Mitglied werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Braucht die Türkei Europa überhaupt?

Alaton: Wir führen diese Diskussionen seit vielen Jahren, und wir kommen immer wieder zu dem Schluss, dass eine Partnerschaft mit Russland, den zentralasiatischen Staaten, dem Mittleren Osten und Israel zwar gut ist, aber dass sie kein Ersatz für Europa sein kann. Europa ist bereits seit 200 Jahren unser politisches Ziel. Es ist nicht erst die Idee von Atatürk gewesen, die Integration der Türkei in Europa voranzutreiben.

SPIEGEL ONLINE: Was wird passieren, wenn die EU der Türkei in Helsinki nicht den Kandidatenstatus anbietet?

Alaton: Wenn sich die EU von der Türkei abwendet und sie mit ihren Problemen alleine lässt, wird es einen Aufruhr geben, der auch nach Deutschland überschwappen wird - immerhin wohnen dort 2,5 Millionen Türken. Deshalb ist es immens wichtig, dass die EU die Türkei einlädt, natürlich mit gewissen Regeln. Sie soll die Türkei doch ins Vorzimmer ihres Tennisclubs hineinlassen und zu ihr sagen: 'Wenn Du Tennis spielen willst, zieh deine Stiefel aus, nimm ein paar Gummischuhe und einen Schläger. Tennis kann man nicht mit einem Schwert spielen - nimm einen Schläger! Na los!'

Das Interview führte Nicole Adolph in Istanbul

URL:


© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung