Interview mit Ahmed Rashid "Pakistan bleibt die weltweite Drehscheibe für Terrorismus und al-Qaida"

Pakistan wird immer wieder als Rückzugsstätte für Terroristen verdächtigt. Zuletzt fiel der Verdacht nach den Anschlägen von London auf das Land. Ahmed Rashid ist Journalist und Buchautor. Er glaubt, dass die Regierung Musharraf nicht konsequent genug gegen Extremisten vorgeht.


Ahmed Rashid: "Kein Ende der Militanz absehbar"

Ahmed Rashid: "Kein Ende der Militanz absehbar"

Die Ermittlungen zu den Bombenanschlägen in London ergaben schnell, dass es Verbindungen nach Pakistan gibt. Aber welche Rolle spielt das von General Pervez Musharraf geführte Land bei den Terrorangriffen? SPIEGEL ONLINE sprach mit Ahmed Rashid über das Zutrauen seines Landes gegenüber extremistischen Guppen, radikale Koran-Schulen und den Grund, warum Osama Bin Laden mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch in Pakistan ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rashid, schon kurz nach den Anschlägen hatte die britische Polizei herausgefunden, dass die meisten Täter britische Staatsangehörige pakistanischer Herkunft sind, und dass sie nach Pakistan gereist sein könnten, um dort Anweisungen zu erhalten und ein Training zu absolvieren. War das eine Überraschung für Sie?

Rashid: Die Menschen in Pakistan waren nach den Attentaten sehr besorgt, aber die Verbindung zu ihrem Land kam nicht unerwartet. Es war klar, dass die pakistanische Gemeinde in London in der Lage sein würde, einen solchen Anschlag zu verüben. Es ist bestens bekannt, dass die dortige muslimische Gemeinde sehr radikal ist - zumindest einige von ihnen. Und die Leute wussten auch, dass viele von ihnen Verbindungen nach Pakistan hatten.

SPIEGEL ONLINE: In Pakistan gab es zahlreiche Verhaftungen in den vergangenen Tagen. Lagen die Wurzeln des Terrors in Großbritannien oder in Pakistan?

Rashid: Die Wurzeln lagen in England. Es gab eine enorme Radikalisierung der britischen Muslime in den vergangenen Jahren, besonders nach dem 11. September. Es gibt radikale Prediger, auch radikale Moscheen. Es gibt viele Schulen, die den Schülern am Freitagnachmittag den Koran lehren und sie zur gleichen Zeit radikalisieren. An ideologischem Training herrscht in England keinen Mangel.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Rolle, die Pakistan im internationalen Terrorismus spielt?

Rashid: Pakistan bleibt die globale Drehscheibe für den Terrorismus und für die Überbleibsel von al-Qaida, die hier immer noch sehr stark sind. Tatsache ist: Nach dem 11. September haben wir es immer noch nicht geschafft, die militanten Gruppen in Pakistan effektiv auszuschalten - obwohl es viele Razzien gab. Der Grund dafür ist, dass diese Gruppen sehr enge Kontakte in die Außenpolitik der Militärs haben, speziell in Bezug auf Kaschmir und Afghanistan. Die militanten Gruppen wurden nicht zerschlagen, und wenn die Medressen nicht geschlossen werden - und sie kontrollieren eine beachtliche Anzahl dieser Religionsschulen - ist kein Ende der Militanz in diesem Land absehbar.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Entgegen den Behauptungen von Musharraf, den Terrorismus zu bekämpfen - Behauptungen, die er in seiner Ansprache an das pakistanische Volk vor zehn Tagen wiederholte - unternimmt er nicht genug. Ist es das, was sie sagen wollen?

Rashid: Wenn es Razzien gibt, dann sind sie nicht effektiv. 300, oder sogar 2000 Menschen werden aufgegriffen und bis zu 90 Tagen festgehalten. Dann werden sie freigelassen, sobald die Aufmerksamkeit und der Druck des Westens nachlassen. Es hat nie einen organisierten Feldzug gegeben, um die militanten Gruppen in Pakistan zu bekämpfen. Dieser Feldzug hat nie stattgefunden.

SPIEGEL ONLINE: In seiner Ansprache redete Musharraf eine Zeit lang über die Anschläge vom 7. Juli in London. Was war die Hauptbotschaft, die er dem Volk zu vermitteln versuchte?

Rashid: Seine wichtigste Botschaft war sehr positiv. Er sagte, dass wir Extremismus bekämpfen und einen Dschihad gegen den Radikalismus beginnen müssen. Er forderte, dass die Menschen sich einsetzen und nicht weiter für Radikale stimmen, und so weiter. An solchen Reden gab es nie einen Mangel. Die Hauptfrage ist, inwiefern ihnen bedeutsames Handeln folgt.

SPIEGEL ONLINE: Musharraf hat außerdem betont, dass die Attentäter in England geboren und aufgewachsen sind. Als ob er damit die Schuld von Pakistan zu nehmen suchte. Was möchte er damit sagen?

Rashid: Die Botschaft war, dass man nicht nach Pakistan kommen muss, um ein Fanatiker zu werden. Man kann in Yorkshire, Leeds oder irgendwo sonst in England ein Fanatiker werden, weil es dort ebenfalls genug Extremismus gibt. Darauf hat er angespielt.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwähnten zuvor, dass es noch eine Menge zu tun gäbe, um den Extremismus in Pakistan zu zerschlagen. Aber was kann der Westen tun, um den Druck auf das Land und Musharraf aufrechtzuerhalten, der ihn zur energischen Bekämpfung von Fanatismus und Terrorismus zwingt?

Rashid: Der größte Fehler, den der Westen seit dem 11. September mit Pakistan gemacht hat, war das Streben nach Geheimdiplomatie. Es ist nie öffentlich gemacht worden. Der Westen sollte klar aussprechen, was er sich von Pakistan und dem Regime erwartet. US-Präsident George W. Bush, der britische Premierminister Tony Blair und Bundeskanzler Gerhard Schröder, sie alle werden nicht müde, Pakistan zu loben. Sie sagen, Pakistan würde einen guten Job bei der Jagd nach den Taliban und al-Qaida machen, aber hinter den Kulissen weht ein ganz anderer Wind. Der Westen braucht eine Politik, die jedem frei einzusehen ist. In dem Fall würde die pakistanische Öffentlichkeit darauf bestehen, dass Musharraf diesen Wünschen auch nachkommt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Musharraf ist doch bereits unter großem Druck. Er versucht, auf dem schmalen Grat zwischen der Allianz mit dem Westen im Krieg gegen den Terror und den mächtigen radikalen und extremistischen Interessengruppen in der Gesellschaft zu gehen.

Rashid: Aber das war auch schon der Konflikt der vergangenen vier Jahre. Fakt ist, dass Musharraf immer noch da ist, er hat immer noch sehr viel Macht und gegen den Extremismus wurde absolut nichts unternommen. Es ist offensichtlich, dass Musharraf sehr politische Ziele verfolgt. Er möchte 2007 wiedergewählt werden und bis 2012 im Amt bleiben. Dafür braucht er Wählerstimmen. Trotzdem versucht er gleichzeitig, ein guter Partner des Westens zu sein. Aber seine politischen Ziele gewinnen Vorrang vor dem Einsatz im Kampf gegen Extremismus und Terrorismus. Ein Armee-General kann nicht gleichzeitig politische Ziele verfolgen, während er zu selben Zeit hart gegen den Terrorismus durchgreifen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Ein Grund, warum der Westen Musharraf nicht zu sehr unter Druck setzt, ist, dass er fürchtet, was nach ihm kommen könnte. Musharraf war schon zweimal Ziel von Anschlägen in seinem eigenen Land. Was würde passieren, wenn sein Regime beseitigt oder Musharraf getötet würde?

Rashid: Ich hätte keinen Zweifel, dass die Armee erneut die Macht ergreift. Die Leute haben Angst, weil das Land Atomwaffen hat und sie denken, das Land könnte auseinander fallen. Ich glaube, nichts von dem wird geschehen. Es gäbe Kontinuität.

SPIEGEL ONLINE: Seit den Anschlägen vom 7. Juli richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Medressen als Brutstätte für Terrorismus und Radikalismus. Welche Rolle spielen diese religiösen Schulen in Pakistan?

Rashid: Die Attentäter von London kamen nach Pakistan. Aber man sollte nicht glauben, dass sie kamen, um eine Medresse zu besuchen. Ich glaube, sie kamen hierher, um Kontakte mit militanten Gruppen zu knüpfen. Und wahrscheinlich, um ein Training zu absolvieren. Die Mehrzahl der Medressen in Pakistan, ungefähr 80 Prozent, nimmt eine sehr traditionelle Rolle ein. Das bedeutet, sie lehren den Koran und stellen Mullahs oder religiöse Führer - so wie Religionsschulen in jeder anderen Religion auch. In Pakistan wurden aber einige dieser Schulen von militanten Gruppen übernommen. Diese Medressen wurden zu Rekrutierungs-Stützpunkten für die extremistischen Gruppen. Es ist schwierig sie zu schließen, weil sie von jenen militanten Gruppen geführt werden, die Musharraf in anderen Bereichen seiner Außenpolitik braucht.

SPIEGEL ONLINE: Es wird vermutet, dass Osama Bin Laden auf der Flucht ist oder sich irgendwo in Pakistan versteckt. Welche Rolle spielt er immer noch im internationalen Terrorismus?

Rashid: Er ist auf der Flucht. Für ihn hat es momentan Vorrang, einfach nur am Leben zu bleiben. Er ist höchstens in der Lage, einige strategische Direktiven über seine Unterstützergruppe zu verbreiten. Aber er ist nicht mehr in der Position, um täglich Aktionen zu leiten.

SPIEGEL ONLINE: Manch einer sagt, dass bin Laden in Pakistan ist und dass der pakistanische Geheimdienst weiß, wo er sich aufhält. Man könne ihn kriegen, aber es gebe keinen Willen, das auch zu tun.

Rashid: Er ist bestimmt in Pakistan, weil Pakistan traditionell die beste Infrastruktur für al- Qaida hat. Ich glaube nicht, dass das pakistanische Militär weiß, wo er ist. Aber sie suchen auch nicht sorgfältig genug nach ihm, weil sie glauben, dass die amerikanische Unterstützung verloren geht, sobald Osama Bin Laden gefangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Der indische Premierminister Manmohan Singh war neulich in Washington, und Busch versprach eine engere Zusammenarbeit - sogar Unterstützung für das zivile Atomprogramm Indiens. Was bedeutet das für Pakistan?

Rashid: Die größte Angst des pakistanischen Militärs sind die neuen Beziehungen zwischen Amerika und Indien. Die Tatsache, dass die Amerikaner sogar bereit sind, mit Indien im Bereich des Atomprogramms zusammenzuarbeiten - etwas, was sie nie mit Pakistan machen würden - lässt das Militär sehr nervös werden. Sie wollen die Amerikaner an Bord halten. Aber die Pakistaner wissen, dass die langfristigen Interessen Amerikas in Indien liegen. Das Ziel der Militärs ist es deshalb, die USA so lange wie möglich an ihrer Seite zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen sie Pakistan in zehn Jahren?

Rashid: Das Land hat eine Menge Potential, und es gibt auch demokratische Kräfte hier. Aber die Hauptmächte im Land sind momentan ohne Zweifel das Militär und die Fundamentalisten.

Das Interview führten Matthias Gebauer und Charles Hawley. Übersetzung: Sebastian Christ



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