Interview mit Asien-Experte Köllner "Die Angst des Westens ist Nordkoreas Trumpf"

Nordkorea droht den USA unverhohlen mit der Atombombe. Nach Einschätzung des Nordkorea-Experten Patrick Köllner fehlt Pjöngjang das technische Knowhow für den Zündmechanismus - noch. Die größte Gefahr sieht er darin, dass Nordkorea eines Tages die Bombe an sogenannte Schurkenstaaten verkaufen könnte.


SPIEGEL ONLINE:

Wie weit ist Nordkorea mit der Entwicklung von Atomwaffen fortgeschritten?

Patrick Köllner: Das ist schwer einzuschätzen. Aber die Russen, die das ursprüngliche Knowhow nach Nordkorea geliefert haben, sagen, dass dort noch keine Atomwaffen gebaut werden. Aber Nordkorea verfügt auf jeden Fall über das notwendige Plutonium.

SPIEGEL ONLINE: Woran fehlt es dann noch?

Köllner: Um eine Atombombe abzuschießen, braucht man eine Trägerrakete. Für weit entfernte Ziele Langstreckenraketen. Die hat Nordkorea noch nicht, die werden derzeit erst entwickelt. Bislang verfügen die Nordkoreaner lediglich über Kurz- und Mittelstreckenraketen mit einer maximalen Reichweite von 1300 bis 2000 Kilometer. Das würde gerade ausreichen, um Japan zu treffen oder Südkorea, wo allerdings auch jeweils amerikanische Soldaten stationiert sind. Allerdings muss man ja eine solche Bombe auch zur Explosion bringen, und Nordkorea verfügt noch nicht über das technologische Knowhow für einen Zündmechanismus. So weit sind sie noch nicht, sagen die Geheimdienste.

SPIEGEL ONLINE: Kann man so etwas kaufen?

Köllner: Man kann nicht alles auf dem internationalen Waffenmarkt kaufen. Ab wenn es Nordkorea gelingt, die Technologie für einen Zündmechanismus zu erwerben oder zu entwickeln, dann wird es nur noch eine Frage von Monaten sein, bis sie eine einsatzfähige Atomwaffe hätten.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, dass der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Il tatsächlich Atomwaffen einsetzt?

Im Innern des nordkoreanischen Atomreaktors von Yongbyon - hier entsteht waffenfähiges Material
REUTERS

Im Innern des nordkoreanischen Atomreaktors von Yongbyon - hier entsteht waffenfähiges Material

Köllner: Meiner Einschätzung nach geht die Bedrohung eher davon aus, dass Nordkorea Atomwaffen verkaufen könnte. In den vergangenen Jahren hat sich Pjöngjang als Lieferant von Kurzstreckenraketen in Krisengebiete wie Pakistan, Libyen oder Irak hervorgetan und dabei Hunderte von Millionen Dollar verdient - Waffen sind zur wichtigsten Devisenquelle Nordkoreas geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was will das Land damit erreichen, dass es so unverhohlen mit der Atombombe droht?

Köllner: Nordkorea ist in flagranti bei der Arbeit am Atomprogramm erwischt worden. Der US-Sondergesandte James Kelly hat Beweise vorgelegt, die von einem nordkoreanischen Überläufer stammen, der an dem Projekt mitgearbeitet hatte. Jetzt versucht Pjöngjang sich aus dieser misslichen Lage herauszuwinden und möglichst den Status von vorher wieder zu erlangen, also bevor das Rüstungsprogramm entdeckt wurden. Was die nordkoreanische Regierung am liebsten sehen würden, wäre eine Fortführung des amerikanisch-nordkoreanischen Vertragswerkes von 1994 über den Bau von Leichtwasserreaktoren. Also Unterstützung bei der Entwicklung und Lieferung von schwerem Heizöl für die Überbrückungszeit. Deshalb versucht sie durch Drohung und durch Drehen an der Konfliktspirale die USA unter Druck zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso diese verbale Aggression?

Köllner: Das ist ein bisschen tricky. Es gehört zum normalen nordkoreanischen Repertoire, dieses Säbelrasseln, diese Drohgebärden. Damit spielt die Regierung immer. Die Angst des Westens und der Nachbarländer ist ihre Trumpfkarte. Bei denen schwingt immer die Sorge mit, dass sich Nordkorea irgendwann doch so in die Ecke gedrängt fühlt, dass es in einer Panikreaktion die militärische Option wählt. Wobei den Nordkoreanern völlig klar ist, das das ihr eigenes Ende wäre. Sie reagieren aus einer Position der Schwäche heraus, und die Drohung mit den Atomwaffen ist wirklich das Einzige, was sie haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte der Ausweg aus dieser Krise aussehen?

Köllner: Wichtig wäre jetzt, dass das Thema aus den öffentlichen Kanälen verschwindet. Die Verhandlungen müssen auf diplomatischer Ebene weitergeführt werden.

Das Interview führte Lisa Erdmann



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