Interview mit Avi Primor "Wir haben die Syrer mehrfach gewarnt"

Nach dem israelischen Angriff auf eine syrische Radarstation macht man sich überall auf der Welt Sorgen über eine neue Eskalation des Nahost-Konfliktes. SPIEGEL ONLINE sprach mit Avi Primor, dem langjährigen Botschafter Israels in Deutschland.


SPIEGEL ONLINE:

Waren Scharons Angriffe auf die Hisbollah im Libanon richtig?

Primor: Auf jeden Fall. Wir sind ratlos, weil wir dachten, die Hisbollah würde uns nur bekämpfen, solange sich Israel im Südlibanon aufhält. Jetzt sind wir ja nicht mehr da.

SPIEGEL ONLINE: Hat Scharon die volle Unterstützung Israels und seines Kabinetts?

Primor: Sogar bekannte Tauben aus der Arbeiterpartei und dem gemäßigten Lager unterstützen Scharon.

SPIEGEL ONLINE: Aber für Schimon Peres gilt das nicht?

Primor: Er ist die Ausnahme. Der Außenminister ist diesbezüglich mit seiner Meinung völlig isoliert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Syrien?

Primor: Uns ist klar, dass der Libanon keine Verantwortung für die Hisbollah-Aktivitäten übernehmen will. Ohne Unterstützung Syriens kann die Hisbollah nicht agieren. Nur Damaskus kann für die Angriffe verantwortlich sein. Wir haben die Syrer mehrfach gewarnt. Wenn sie tatsächlich die Drahtzieher sind: Was kann Israels anderes tun als die Syrer anzugreifen?

SPIEGEL ONLINE: Syriens junger Staatschef Assad gilt als unerfahren. Wie wird er reagieren?

Primor: Wir kennen ihn eigentlich gar nicht, wissen nicht, wie er reagieren könnte. Hat er die Zügel tatsächlich in der Hand? Folgen die Streitkräfte ihm? Syrien hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Hisbollah zu kontrollieren und ihnen das Handwerk zu legen - oder aber eine weitere Eskalation mit uns zu riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr einer Eskalation?

Primor: Sie ist nicht auszuschließen. Für uns Israelis gibt es keine Alternative zur Verteidigung, weil wir ohnehin von der Hisbollah permanent angegriffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten die Uno und der Westen tun? Können sie überhaupt noch etwas bewirken?

Primor: Das ist fraglich. Sie sollten zusammen mit den gemäßigten arabischen Politikern wie Jordaniens König Abdallah und Ägyptens Staatschef Mubarak Druck auf Assad ausüben. Dann könnte es statt Kämpfen wieder einmal Verhandlungen geben.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass moderate Staaten wie Ägypten und Jordanien dem Druck der anderen arabischen Staaten Stand halten?

Primor: Erstaunlicherweise gibt es nicht nur in Ägypten und Jordanien, sondern sogar in libanesischen regierungsnahen Zeitungen Artikel, die die Angriffe der Hisbollah hart verurteilen. Alle wissen, dass eine weitere Eskalation verheerend sein wird.

Das Interview führte Alwin Schröder



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.