Interview mit Chavez' Chefberater "Venezuelas Opposition ist nicht Mutter Teresa"

Venezuelas Präsident Hugo Chávez spaltet Lateinamerika: Im Namen eines "modernen Sozialismus" krempelt er den Ölstaat um. Chefberater José Vicente Rangel erläutert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Verstaatlichung, den Umgang mit der Opposition - und warum Krieg mit Kolumbien droht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rangel, Präsident Hugo Chávez will die Revolution beschleunigen. Was soll das heißen?

José Vicente Rangel: Unsere Gesetze haben mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten. Das wollen wir ändern. Wir heben nicht das Privateigentum auf, aber es wird eben nicht die einzige Form von Eigentum sein. Die Inhaber von kleinen Geschäften haben nichts zu befürchten. Nur die großen Monopole und Eigentum an Produktionsmitteln wird es nicht mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Venezuela will also dem doch reichlich diskreditierten kubanischen Modell folgen?

Rangel: Wir wollen vor allem Freiheit und Demokratie vorantreiben. Die Opposition behauptet zwar, hier gebe es eine Diktatur, dabei zieht sie jeden Tag ungestraft über den Präsidenten her.

SPIEGEL ONLINE: Aber gegen kritische Medien geht die Regierung immer härter vor. Chávez hat 34 unabhängigen Radios die Sendelizenz entzogen. Er droht, auch den regierungskritischen Fernsehsender Globovisión zu schließen.

Rangel: Viele Konzessionen für Radio und Fernsehen sind abgelaufen, wir wollen sie einfach neu ausschreiben. Globovisión verbreitet Propaganda und betreibt seit zehn Jahren die Destabilisierung der Institutionen. Dennoch glaube ich nicht, dass die Konzession entzogen wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es keinen Dialog mit der Opposition?

Rangel: Viele Bürgermeister und Gouverneure nutzen ihr Amt als eine Art Schützengraben, um die Regierung zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung ist auch nicht zimperlich. Chávez-Anhänger verprügeln Journalisten und Regierungsgegner.

Rangel: Es ist die Opposition, die bewaffnete Schlägertrupps beschäftigt, nicht die Regierung. Wenn die angreifen, verteidigen sich unsere Leute. Diese Opposition ist nicht die Mutter Teresa von Kalkutta. Sie ist zutiefst antidemokratisch.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie etwa einen Staatsstreich?

Rangel: Für mich war der Putsch in Honduras ein Versuchsballon. Das kann Konsequenzen in Paraguay, Bolivien oder Ecuador haben. Die Situation in Lateinamerika spitzt sich immer mehr zu.

SPIEGEL ONLINE: Chávez hat starken Einfluss auf die gesamte lateinamerikanische Linke. Kritiker werfen ihm vor, dass er sich auch in Honduras eingemischt hat. Will er die Revolution exportieren?

Rangel: Das ist Unsinn, Evo Morales in Bolivien und Rafael Correa in Ecuador sind aus eigener Kraft an die Macht gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die venezolanische Regierung die kolumbianische Guerilla-Organisation Farc unterstützt, wie die Regierung in Bogotá ihr vorwirft?

Rangel: Wir mischen uns nicht in Kolumbien ein. Das ist ein heikles Thema, deshalb sind wir sehr vorsichtig. Wir sind Opfer des kolumbianischen Konflikts, die Guerilla hat auch in Venezuela viele Menschen umgebracht. Wenn die kolumbianische Regierung nicht mit der Guerilla fertig wird, ist das nicht unser Problem.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Chávez hat die diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien eingefroren…

Rangel: Kolumbien gehört zwar geografisch zu Südamerika, aber ideologisch hängt es total von den USA ab. Es ist das Israel von Lateinamerika.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Streit mit Kolumbien zu einem Krieg eskalieren?

Rangel: Der kolumbianische Geheimdienst behauptet, die Guerilla unterhalte Stützpunkte auf venezolanischem Staatsgebiet. Wenn Kolumbien sich einen Angriff erlaubt, wird Venezuela militärisch antworten.

Das Interview führte Jens Glüsing

insgesamt 172 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
irazu, 01.09.2009
1. Totalitär
Das ist die Sprache, die man so gut kennt, sozusagen aus dem "Handbuch zur Verteidigung totalitärer Regime", das von extrem Rechten wie von extrem Linken gleichermaßen gerne genommen wird. Der Herr "Chefberater" beantwortet keine unangenehme Frage wirklich klar, schuld sind natürlich immer die bösen anderen. Dabei sind die Beweise für Chavez Unterstützung der FARC überwältigend, der tägliche Terror gegen die noch nicht völlig eingeschüchterte Opposition ist mit Händen zu greifen, der willkürliche Umgang mit Rechten wie Pressefreiheit und Privateigentum schändlich. Zuletzt wurden die Häfen verstaatlicht, natürlich ohne Begründung oder gar Entschädigung der Eigentümer, eine einsame Entscheidung eines diktatorisch regierenden Staatschefs mt komödiantischen Qualitäten. Das finden viele der deutschen Linken gut, man wird sehen, ob sie das auch noch finden, wenn Venezuela tatsächlich in allen Aspekten eine brutale Diktatur nach kubanischem Vorbild sein wird.
ralphofffm 01.09.2009
2. Chavez ist verrückt....
...nach Aufmerksamkeit , und spielt den Rächer der Entrechteten. Dabei kann er nur aufgrund der Ölmilliarden die Spendierhosen anziehen. Tatsächlich sind es auch da wieder die aremen Leute die im Falle eines Krieges die Knochen hinhalten dürfen. Aber die Oppostition um die reichen Familien darf sich nicht wundern, wenn man jahrzehntelang das Land auspresst laufen die Menschen eben zu so einem "Messias" über. Kann auch in Deutschland passieren, ist es ja schon einmal.
gg art 5 01.09.2009
3. Wer spaltet ist die USA
Zitat von sysopVenezuelas Präsident Hugo Chávez spaltet Lateinamerika: Im Namen eines "modernen Sozialismus" krempelt er den Ölstaat um. Chefberater José Vicente Rangel erläutert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Verstaatlichung, den Umgang mit der Opposition - und warum Krieg mit Kolumbien droht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,646072,00.html
Schon die Frage ist suspekt. USA hat Lateinamerika längere Zeit in Ruhe gelassen. Warum? Weil die Militärdiktaturen von "Menschen" wie Pinochet, Videla, Banzer, usw vom Volk niedergerungen wurden. Dann hatte USA seine Augen auf´s Erdöl von Irak und die Pipeline (Kontrolle über Asien) in Afghanistan und den Krieg dort vom Zaun gebrochen.Damit waren sie ausgelastet. Daher hoffe ich dass es dort noch lange Zeit weiter geht mit soviel EU/US Toten wie möglich. Sind die damit beschäftigt, werden sie nicht wieder Lateinamerika unterwerfen wollen und mit Militärdiktaturen überziehen. Zur Frage ob Chavez spaltet.Wer solch eine Frage stellt versteht überhaupt nichts von Lateinamerika. Man will dort keine faschischtischen Militärdiktaturen mehr. Daher der leichte Schwung zur Linken der nach erlebten Faschismus eigentlich normal ist. Wer spalten will ist die USA. Will man aus ganz Lateinamerika einen Puff wie Mexico machen? 100%ig abhängig sogar in Lebensmittel von der USA (nicht das "tortilla" Problem vergessen). Nein, raus USA aus Lateinamerika. Dieses mal wird es nicht so lange dauern bis die Montoneros und andere ihres gleichen auftauchen um Faschischten zu bekämpfen, die Vergangenheit ist noch zu frisch. Nunca mas!!
Pelayo, 01.09.2009
4. !
Zitat von sysopVenezuelas Präsident Hugo Chávez spaltet Lateinamerika: Im Namen eines "modernen Sozialismus" krempelt er den Ölstaat um. Chefberater José Vicente Rangel erläutert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Verstaatlichung, den Umgang mit der Opposition - und warum Krieg mit Kolumbien droht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,646072,00.html
Südamerika wird viel stärker von den im Interview angesprochenen US-Basen in Kolumbien gespalten. Niemand will diese Basen, außer Kolumbiens Präsident Uribe, der sein Land damit in die völlige Isolation treibt.
hanz4 01.09.2009
5. Hugo Chávez
Zitat von sysopVenezuelas Präsident Hugo Chávez spaltet Lateinamerika: Im Namen eines "modernen Sozialismus" krempelt er den Ölstaat um. Chefberater José Vicente Rangel erläutert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Verstaatlichung, den Umgang mit der Opposition - und warum Krieg mit Kolumbien droht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,646072,00.html
er will sein land vor den USA beschützen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.