Interview mit Cohn-Bendit "Die Nato soll Israels Grenzen sichern"

Daniel Cohn-Bendit hat Ex-Außenminister Joschka Fischer als Sonderbeauftragten im Nahost-Konflikt empfohlen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schlägt der grüne Fraktionschef im Europaparlament zudem vor, dass die Nato die Grenzen zwischen Israel und seinen Nachbarn sichern könnte.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Ihren Parteikollegen und ehemaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer eine Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt gefordert. Warum wäre er der richtige Mann?

Daniel Cohn-Bendit (Archiv): "Es gibt historische Momente, wo man über seinen Schatten springen muss"
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Daniel Cohn-Bendit (Archiv): "Es gibt historische Momente, wo man über seinen Schatten springen muss"

Cohn-Bendit: Weil Fischer ein hohes Ansehen sowohl bei den Palästinensern, in den arabischen Ländern als auch in Israel genießt. Das sind die Bedingungen, die es erlauben würden, einen unmittelbaren Waffenstillstand auszuhandeln. Und damit es für die Region eine neue Perspektive gibt, könnte zudem längerfristig die Road Map runderneuert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sollte ein Mann etwas bewirken, was die Uno seit Jahrzehnten nicht hinbekommt?

Cohn-Bendit: Grundsätzlich scheitert vieles zuerst, was dann später doch noch gelingt. So ist Politik. Es muss eine diplomatische Lösung gefunden werden. Allerdings mit einer Sicherheitsgarantie. Und die müsste ein Uno-Auftrag an die Nato sein. Das Bündnis müsste das Gebiet an den Grenzen zwischen Israel, dem Libanon und dem Gaza-Streifen sichern.

SPIEGEL ONLINE: Die Nato?

Cohn-Bendit: Ja, ein Uno-Mandat an die Nato. Sie ist momentan die einzige militärische Kraft, die so etwas machen könnte. Es gibt ja bereits Uno-Soldaten im Libanon, aber die sind zu schwach. Und die Nato könnte das.

SPIEGEL ONLINE: Unter deutscher Beteiligung?

Cohn-Bendit: Ja, natürlich. Warum sollen sich die Deutschen nicht unter internationaler Beteiligung an einer Sicherheitsmaßnahme für den Libanon und Israel beteiligen?

SPIEGEL ONLINE: Für eine solche Entscheidung müsste der Wunsch wohl doch erstmal aus der Region kommen.

Cohn-Bendit: Sicher, aber deshalb muss man das ja auch diplomatisch aushandeln - aufzwingen geht nicht. Das wäre eben auch ein Auftrag, den ein EU- oder Uno-Beauftragter aushandeln könnte.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht der amtierende deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier?

Cohn-Bendit: Weil der keine Zeit hat. Das ist ein Vollzeitjob. Der Vermittler fliegt da nicht einmal hin. Er würde in den kommenden drei, vier Monaten in einer permanenten Pendeldiplomatie zwischen den Palästinensern, den Ägyptern, dem Libanon, den Israelis, zum Teil der Hisbollah, Fatah und weiteren Gruppierungen ständig hin und her pendeln. Deshalb hat man ja Sonderbeauftragte in Krisensituationen. Steinmeier hätte dazu noch nicht das Ansehen in der Region.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollte sich Fischer ins Private zurückziehen. Sie sind eng mit ihm befreundet. Ist der Vorschlag mit ihm abgestimmt?

Cohn-Bendit: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Gar nicht gefragt: 'Joschka hör mal'?

Cohn-Bendit: Nein. Es gibt einfach mal historische Momente, wo man über seinen Schatten springen muss.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen Sie jetzt in Richtung Fischer?

Cohn-Bendit: Ja. Und in Richtung Angela Merkel. Die Kanzlerin hätte das schon beim G-8-Gipfel am Wochenende vorschlagen können. Dort wurde schließlich bereits nach einer Lösung gesucht, wenn auch hilflos.

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine Vermittlungsrolle Fischers Rückkehr in die aktive Politik bedeuten?

Cohn-Bendit: Nein. Eben nicht. Das sind ja Aufgaben, die Politiker übernehmen sollten, die nicht mehr im Tagesgeschäft sind.

Das Interview führte Lars Langenau



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