Interview mit dem Historiker Frederick Taylor "Schröder hat sein Selbstvertrauen verloren"

Weil beide ihre Visionen von einer Europäischen Union verteidigen, hat sich der Streit zwischen Großbritanniens Premier Blair und Kanzler Schröder verschärft. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem britischen Historiker Frederick Taylor über Deutschlands Liberalismus-Ängste, britische Europa-Skepsis und über die Notwendigkeit einer neuen europäische Vision.


Tony Blair: Misstrauen gegenüber Schröder
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Tony Blair: Misstrauen gegenüber Schröder

SPIEGEL ONLINE:

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Großbritanniens Premier Tony Blair haben in den vergangenen Tagen heftig gestritten. Aber es ist noch nicht lange her, da schienen die beiden auf derselben Seite zu sein, wenn es um die Europäische Union ging. Was ist passiert?

Taylor: Schröder hat sein Selbstvertrauen verloren. Die Reaktionen in Deutschland auf seine Agenda-Politik und auf Teile seiner EU-Politik haben ihn dazu gebracht, sich zu mäßigen. Er hat gesagt, Blair habe ihn im Stich gelassen, indem er zu weit gegangen sei. Blair spürt jetzt, dass sich Schröder nicht von dem Sozialmodell lösen kann, dass Blair für reformbedürftig hält. Und dann war da noch die Bundestagswahl, in der Schröder seine Anti-Irakkrieg-Haltung für seine Zwecke eingesetzt hat. Das hat Misstrauen gesät. Die Probleme haben sich seit längerer Zeit entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, Schröder hat sich mehr von Blair entfernt als umgekehrt?

Taylor: Nicht unbedingt. Blair hat gehofft, Schröder zu weiteren Schritten zu bewegen als dieser zu gehen bereit war. Von Großbritannien aus betrachtet sind die deutschen Reformen eher bescheiden - den meisten Briten erscheint das deutsche Sozialsystem nach den Reformen wie das Paradies.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Deutschland so viel Angst vor dem britischen Modell?

Taylor: Das hat viel mit der Reaktion auf die ökonomischen Bedingungen in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu tun. Großbritannien steckte ungefähr zur selben Zeit wie Deutschland in einer Depression, die Lage war extrem schwierig, aber nicht politisch katastrophal wie in Deutschland mit dem Zusammenbruch der Weimarer Republik, dem Aufkommen der Nazis und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Deshalb ist klar, dass die Briten nicht mit so viel Horror an diese Phase des ökonomischen Zusammenbruchs zurückdenken wie die Deutschen. In Deutschland gibt es eine tief verwurzelte Angst, wenn über Einschnitte ins Sozialsystem gesprochen wird.

SPIEGEL ONLINE: Reagieren die Deutschen deshalb so stark auf Blairs neoliberale Visionen von Europa?

Taylor: Blair ist weit davon entfernt, ein Neoliberaler zu sein. Es gibt politische Gründe, um Blairs Positionen in Deutschland übertrieben darzustellen. Blair und sein Schatzkanzler Gordon Brown haben den Kurs von Margaret Thatcher verändert und dem Land eine stärkere sozialdemokratische Ausrichtung gegeben. Ich glaube nicht, dass Blair ein amerikanisch geprägtes Kapitalismusmodell im Stil "Den-letzten-beißen-die-Hunde" unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die britische Euro-Skepsis?

Taylor: Schauen Sie sich zunächst die Geographie an: Großbritannien ist eine große Insel, die Jahrhunderte frei von fremdem Handel gelebt hat. Aber die Briten fühlen sich wie Europäer - zumindest die jüngere Generation. Wenn Deutschland in einer ähnlichen Lage wäre wie die Briten - wenn es nämlich rund 400 Millionen Menschen auf der Welt gäbe, die als Muttersprache Deutsch sprechen -, dann wären die Deutschen auch etwas weniger eurozentriert. Das heißt nicht, dass die Briten Europa ablehnen. Es bedeutet nur, die Notwendigkeit dazuzugehören, ist geringer.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheiden sich britische Interessen so fundamental von denen des restlichen Europa?

Frederick Taylor: "Der Briten-Rabatt ist lächerlich"

Frederick Taylor: "Der Briten-Rabatt ist lächerlich"

Taylor: Blair spürt, dass Großbritannien zwischen den Vereinigten Staaten, dass viel Geld und viele Waffen hat, und der Dritten Welt vermitteln kann. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Blair die EU-Agrarsubventionen reformieren will. Sie schaden der Dritten Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Briten-Rabatt?

Taylor: Der Briten-Rabatt ist lächerlich. Blair hat bei den Budget-Verhandlungen auf dem EU-Krisengipfel in Brüssel hart gefeilscht, aber als die Gespräche beendet waren, hat er seinen Ton ein stückweit geändert. Blair sieht den Rabatt als ein Mittel zum Feilschen. Großbritannien ist reich und es gibt eine Reihe anderer Länder, die diese Geld benötigen.

SPIEGEL ONLINE: Und die EU-Verfasssung? Ist sie tot, wie es die britische Labour-Abgeordnete Gisela Stuart in dieser Woche in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt hat?

Taylor: Blair hat nicht die Schadenfreude einiger seiner Kollegen geteilt, als die Verfassung in Frankreich und den Niederlanden scheiterte. Irgendwann in der Zukunft wird es wieder so etwas wie eine Verfassung geben. Aber sie dürfen es nicht Verfassung nennen - es wird etwas anderes sein, abgeschwächt und nicht von einem Franzosen geschrieben. Das ist mein Tipp (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wie hängt die derzeitige Krise mit den zahlreichen scharfen EU-Debatten der Vergangenheit zusammen?

Taylor: Denken Sie an den 60. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkrieges: Allmählich verschwindet die Generation, die sich an den Krieg erinnert. Und damit verblasst auch eine der entscheidenden Motivationen für die Gründung der EU. Die derzeitige Krise hängt damit zusammen. Wir müssen die EU jetzt wirklich wollen und entscheiden, wofür sie stehen soll. Sonst besteht die Gefahr des Zerfalls. Vielleicht sind wir nicht imstande, eine ökonomische und politische Union zu erreichen, wie es sich Deutschland und andere Länder des Kontinents wünschen. Aber die meisten Menschen wollen ein Europa, das positiv in die Zukunft schaut.

Das Interview führte Charles Hawley



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