Interview mit "Echo Moskwy" "Putin schätzt diese Loyalität"
SPIEGEL ONLINE:
Wie haben Sie von dem Gazprom-Angebot an Schröder erfahren?
Wenediktow: Ich habe einfach gute Kontakte in die russischen Ministerien. Viele Menschen in der Regierung wussten von dem Angebot. Ich kann lediglich sagen, dass es nicht von Gazprom direkt kam.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Offerte an Schröder eine Belohnung Putins? Schließlich hat der deutsche Kanzler den Kreml-Chef in Europa hoffähig gemacht.
Wenediktow: Schröder hat Putin immer unterstützt. Nicht umsonst hat er ihn als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet. Bei allen Problemen, die der Kreml-Chef in Europa oder in der G8-Gruppe hatte, im Tschetschenien-Krieg oder beim Thema Pressefreiheit hat Schröder zu ihm gehalten oder im besten Falle einfach keine Kritik geäußert. Putin schätzt diese Loyalität. In Russland vergibt er gern privilegierte Posten an Menschen, die ihm gegenüber loyal sind.
SPIEGEL ONLINE: Ist dieser Job also ein Geschenk?
Wenediktow: Im Grunde ist es doch nicht überraschend. Schröder war von Anfang an ein großer Befürworter des Pipeline-Projekts. Bereits früher war abzusehen, dass Schröder auf diesem Posten nützlich sein könnte, wenn er die Wahl verliert. Aus Sicht von Gazprom ist dieser Deal absolut richtig. Schröder hat gute politische und wirtschaftliche Kontakte. Seitens Russlands spielte natürlich die Dankbarket eine Rolle. Schwer zu sagen, was überwiegt: die Dankbarkeit oder die geschäftlichen Perspektiven.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommt Schröders Engagement in Russland an?
Wenediktow: Die russische Presse ist sich nicht einig: Einerseits begrüßt man die geschäftlichen Möglichkeiten, die mit Schröder entstehen. Andererseits wird über die ethische Seite dieser Geschichte diskutiert. Wenn Putin nach seiner Präsidentschaft auch zu Gazprom wechselt, dann wir die Diskussion darüber vom neuen beginnen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Putin diese Pläne?
Wenediktow: Ich kann über die Absichten von Wladimir Wladimirowitsch nichts sagen. Ich nehme aber an, wenn der nächste Präsident Russlands einer von Putins Leuten sein wird, dann wird er selbst zu Gazprom wechseln. Er hatte diesen Wunsch schon lange vor seiner Präsidentschaft, er hat davon bereits 1997 gesprochen. Putin verfolgt die Personalentwicklung bei Gazprom und mischt sich da auch ein. Ich gehe stark davon aus, dass er die Führung von Gazprom übernehmen will. Dann wird er mit Schröder in einer Organisation sein.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland werfen einige Politiker Schröder Vetternwirtschaft und Korruption vor. Sehen Sie das auch so?
Wenediktow: Es ist auf jeden Fall eine sehr dubiose Angelegenheit. Wenn herauskommen sollte, dass Schröder seinen neuen Job vorbereitet hat, während er noch Kanzler war, dann wird es den ehemaligen Kanzler sicherlich nicht schmücken. Die finanzielle Entschädigung für diesen Posten ist offenbar recht gut. Schließlich muss man hier auch bedenken, dass Schröder in ein ausländisches Unternehmen wechselt, das auch noch in den Händen eines anderen Staates ist. Die ganze Geschichte ist einfach unangenehm.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Oktober von Schröders Zukunftsplänen als erster berichtet. Sein Sprecher stritt alles ab, sagte der Informationsgehalt der Meldung von "Echo Moskwy" sei gleich null. Freuen Sie sich heute?
Wenediktow: Es waren ja hysterische Reaktionen aus Schröders Umfeld. Damit wurden aber unsere Informationen eigentlich nur bestätigt. Nachdem nun alles klar ist, hat mein Stellvertreter vorgeschlagen, dass wir Schröder in die Geschäftsführung von "Echo Moskwy" holen - schließlich gehören wir zur Gruppe Gazprom-Medien.
Das Interview führte Viktor Funk