Interview mit "Iraq Today"-Chefredakteur Sinjari "Das sind Furcht erregende Leute"

Hussein Sinjari, Chefredakteur der englischsprachigen Bagdader Zeitung "Iraq Today", spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über den Aufstand der Milizen des schiitischen Hasspredigers Muktada al-Sadr, die künftige Rolle der Uno und die Aussichten für demokratische Wahlen im Irak.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Sinjari, rutscht der Irak gerade ab in einen Bürgerkrieg?

Sinjari: Nein, ich glaube nicht, dass ein Bürgerkrieg droht. Wir haben ernsthafte Probleme, aber keinen Bürgerkrieg. Muktada al-Sadr ist jung, und er hat viele Anhänger vor allem unter den Armen und Ungebildeten. Er sucht nach einer politischen Rolle. Er möchte in der Führung der Schiiten eine Rolle spielen, aber ist dort praktisch ausgeschlossen. Also zeigt er seine Muskeln.

SPIEGEL ONLINE: Treibt al-Sadr allein der Ehrgeiz an, oder stehen noch andere hinter ihm?

Sinjari: Ich bin überzeugt, dass er finanziell, moralisch und politisch von Iran unterstützt wird. Es gibt zurzeit eine Art iranische Invasion, wie ich es nenne - zu Tausenden kommen Iraner in den Irak. Sie spielen in Kerbela Polizei, sie haben viele Schlüsselpositionen übernommen und kaufen zum Beispiel auch Land und Immobilien.

SPIEGEL ONLINE: Erleben wir also eher einen Putschversuch als einen Aufstand?

Sinjari: Es ist kein Aufstand, keine Intifada, auch kein Putsch. Ich glaube es ist eher eine Demonstration von Unzufriedenheit und Widerspruch. Mehr als alles andere ist es ein Spielen mit den Muskeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Amerikaner gegen al-Sadr und seine Milizen?

Sinjari: Es ist viel zu spät gekommen. Die Amerikaner haben so viele Sachen falsch gemacht, und diese auch. Bisher haben sie nur wenige Sachen hinbekommen. Sie haben zugelassen, dass Iran al-Sadr finanziert und groß gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Haltung der Iraker in dem Konflikt zwischen Besatzern und radikalen Schiiten?

Sinjari: Der Mann auf der Straße unterstützt Muktada al-Sadr nicht. Die Mehrheit der Schiiten unterstützt ihn nicht, die Kurden nicht und die Christen auch nicht. Er hat nur den Mob auf seiner Seite. Diese Schlägertypen lassen ihren Gefühlen freien Lauf, weil sie nichts zu verlieren haben. Es ist auch ein Problem der schiitischen Führung, die zulässt, dass ein junger Mann, der ungebildet und praktisch Analphabet ist, für Schiiten spricht.

SPIEGEL ONLINE: Am 30. Juni soll die Regierungsgewalt im Zweistromland an die Iraker zurückgegeben werden. Gefährden die Ereignisse der vergangenen Tage diesen Schritt?

Sinjari: Wir wissen nicht, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickelt. So wie es heute aussieht, glaube ich nicht, dass dieser Termin gehalten wird.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Vereinten Nationen in absehbarer Zeit überhaupt eine nennenswerte Rolle im Irak spielen können angesichts der derzeitigen Sicherheitslage?

Sinjari: Ich glaube, die Akzeptanz ist jetzt größer als zuvor. Ein Uno-Engagement wird eher willkommen geheißen als noch vor kurzem. Aber die Iraker haben Angst vor der Gewalt auf den Straßen. Dies sind beängstigende Zeiten, Muktada al-Sadr ist eine beängstigende Figur und seine Anhänger sind ebenfalls Furcht erregende Leute.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Chefredakteur der einzigen englischsprachigen Zeitung im Irak, "Iraq Today". Wie ist derzeit die Lage der Medien im Irak?

Sinjari: Wir Medienleute haben natürlich Probleme; alle, die sich für eine Demokratisierung einsetzen, haben Probleme. Leider helfen weder die Besatzungsmächte noch der Regierungsrat den Medien und den anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen besonders viel. Wir sind allein, niemand unterstützt uns; es gibt sehr, sehr, sehr wenig Hilfe. Wie ich sagte: Viele Dinge im Irak sind ziemlich schief gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird der Irak reif für demokratische Wahlen sein?

Sinjari: Die Leute erwarten, dass es bis Ende des Jahres Wahlen gibt. Meine Frage ist nur: Was für eine Wahl wird das, wenn die unabhängigen Medien so schwach sind und es noch nicht einmal Irak-weite politischen Parteien gibt? Und wie können wir eine landesweite Abstimmung durchführen ohne volle Bewegungsfreiheit für internationale Beobachter, wenn die Angstmacher ohne weiteres liberale Iraker bedrohen können? Wie will man Wahlen abhalten, wo es noch gar keine demokratischen Institutionen gibt? Selbst wenn es Wahlen geben wird, glaube ich nicht, dass sie frei und sauber sein werden.

Das Interview führte Hans Michael Kloth

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