Interview mit Isaf-Chef von Heyst "Nicht den Kopf einziehen"

Der deutsche Drei-Sterne-General Norbert van Heyst ist der Chef der Friedenstruppen in Afghanistan (Isaf). Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die steigenden Risiken für die Sicherheit seiner rund 5000 Soldaten in Afghanistan durch den Irak-Krieg und die Taliban.

SPIEGEL ONLINE:

Die Zeichen stehen auf Krieg im Irak. Das wird auch in Afghanistan nicht ohne Folgen bleiben. Ist der jüngste und erste tödliche Anschlag auf eine Isaf-Patrouille bereits ein Indiz für neu erstarkte Kräfte der Taliban und al-Qaida?

Norbert van Heyst: Dieser Anschlag hat tatsächlich eine neue Qualität. Er war sorgfältig vorbereitet, highly sophisticated. Wir glauben, dass das Nadelstiche sind, um Unsicherheit zu verbreiten. Zu mehr sind die Unruhestifter derzeit nicht fähig. Unsere Reaktion heisst deshalb: Nicht den Kopf einziehen, sondern "show the flag".

SPIEGEL ONLINE: Was kommt mit dem Krieg auf Sie zu?

van Heyst: Demonstrationen könnten hier in Kabul in Gewalt umschlagen, die Feindseligkeiten gegen Fremde könnten zunehmen. Und natürlich haben Taliban und der Guerillaführer Hekmatjar die Absicht, hier irgendwann die Macht wieder zu übernehmen. Aber derzeit fehlen ihnen die Mittel zu größeren Anschlägen. Wir haben dennoch ein gutes Gefühl. 98 Prozent der Bevölkerung sind auf unserer Seite, und die bewegt nicht der Irak-Krieg, sondern die Frage, wo schlafe ich, was esse ich, wo bekomme ich frisches Wasser her.

SPIEGEL ONLINE: Wie gesichert sind die Informationen über ein mögliches Wiedererstarken von Hekmatjar und Taliban?

van Heyst: Ich zapfe natürlich alle verfügbaren Quellen an und fühle mich da, soweit das in diesem Land überhaupt möglich ist, gut informiert. Danach gibt es Treffen der Kommandeure der fundamentalistischen Gruppen auf operativer Ebene. Sie haben ihre Taktik geändert, bilden in mobilen Camps aus und arbeiten in kleinen Teams, um von den Amerikanern, der Task Force 180, nicht entdeckt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Nachrichtendienste haben zur Zeit jede Menge schlechte Botschaften. Wie reagieren Sie?

van Heyst: Ich werde mit Detailmeldungen zugeschüttet und habe mir angewöhnt, sie ernst zu nehmen, mich aber nicht verrückt machen zu lassen. Man muss Entscheidungen treffen und nicht selten ins Ungewisse handeln.

SPIEGEL ONLINE: Achtmal wurde der deutsche Standort "Camp Warehouse" mit Raketen beschossen. Wie schützen Sie Ihre Soldaten?

van Heyst: Gerade haben wir die unbemannte Aufklärungsdrohne Luna bekommen. Das ist ein großer Gewinn an Sicherheit. Ansonsten überwachen wir die Region, aus der die Angriffe kommen, nachts über Radar. Die Niederländer verfügen außerdem über ein Radarsystem, das noch während des Abschusses Flugbahn und Einschlagort eines Geschosses berechnet. Und die starke Präsenz der Patrouillen macht es den Unruhestiftern unmöglich, größere Abschussrampen aufzubauen. Isaf-Soldaten fahren da alle zwei Stunden durch, soviel kann da also nicht einsickern. Trotzdem ist es einfach unmöglich, jeden Anschlag zu verhindern. Wir befinden uns in der risikoreichsten Mission, die die Bundeswehr bisher mitgemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wann wäre für Sie die Schmerzgrenze erreicht, wann würden Sie Ihre Truppen aus Afghanistan abziehen?

van Heyst: Unser Auftrag lautet, den Aufbau der afghanischen Sicherheitsstrukturen zu unterstützen. Falls wir hier herausgehen müssen, ist dies eine politische Entscheidung. Kommt es allerdings zu einer Situation, in der ich die Sicherheit meiner Soldaten nicht mehr garantieren kann, würde ich anfangen nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: In der Truppe gibt es Zweifel daran, dass ein schneller Rückzug noch möglich ist, wenn die Lage in Afghanistan eskaliert und die Amerikaner ihre Flugzeuge womöglich selbst benötigen.

van Heyst: Ich bin seit 40 Jahren Soldat und habe stets eng mit den Amerikanern zusammengearbeitet. Was die Amerikaner versprochen haben, halten sie auch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Planungen gibt es für einen raschen Abzug?

van Heyst: Am besten wäre es, geordnet über den örtlichen Kabul International Airport auszufliegen. Geht das nicht mehr, müssten wir über den US-Stützpunkt in Bagram raus. Die Amerikaner haben den Transport von dort zugesagt, auch, den Weg dorthin mit Luftpatrouillen zu sichern.

Das Interview führte Susanne Koelbl

Mehr lesen über