Interview mit kubanischem Botschafter "Ein schmutziges Manöver"

In einem ARD-Film hat der deutsche Regisseur Wilfried Huismann die kubanische Regierung beschuldigt, den Mord an US-Präsident John F. Kennedy in Auftrag gegeben zu haben. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE äußert sich der kubanische Botschafter in Berlin zu dem Vorwurf.


Berlin - Es hat etwas gedauert, bis Vertreter der kubanischen Regierung auf den Dokumentarfilm "Rendezvous mit dem Tod" reagierten, der vergangenen Freitag in der ARD seine Premiere erlebte. In dem Film werden neue Zeugen und Dokumente vorgelegt, die die These erhärten, dass der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald im Auftrag des kubanischen Geheimdiensts gehandelt habe.

Von der kubanischen Regierung in Havanna gibt es auch weiterhin keine offizielle Stellungnahme. Doch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE weist der kubanische Botschafter in Deutschland, Gerardo Penalver, die Vorwürfe zurück. "Ich würde über diesen unprofessionellen Film lachen, wenn die Sache nicht so ernst wäre", sagt er. Es sei "unverantwortlich", eine Regierung zu beschuldigen, einen amerikanischen Präsidenten umgebracht zu haben, ohne dafür Beweise zu liefern.

"Huismann liefert nicht einen Beweis", kritisiert Penalver. "Dafür ignoriert er sämtliche Gegenbeweise". So seien unter anderem zwei US-Kommissionen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Castro-Regierung mit Kennedys Tod nichts zu tun hatte. In dem Film werde nicht ein Experte aus diesen Untersuchungsausschüssen befragt, bemängelt der Botschafter.

Die Zeugen, die Huismann in seinem Film vorführt, bezichtigt Penalver der "Falschaussage". Auch der Kronzeuge, ein angeblicher ehemaliger kubanischer Geheimdienstagent namens Oscar Marino, der behauptet, seine Organisation habe den Attentäter Oswald angeheuert, liefere keine glaubwürdigen Beweise. "Alles, was ich sehe, ist ein Mann, der sein Gesicht nicht zeigt und mit mexikanischem Akzent spricht", sagt Penalver.

Die Frage nach dem mexikanischen Akzent war auch bei der Pressevorführung des Films gestellt worden. Huismann hatte darauf hingewiesen, dass Marino seit über 20 Jahren in Mexiko lebe.

Allerdings will der Botschafter weder bestätigen noch dementieren, dass Marino damals in Diensten der Castro-Regierung gestanden hat. "Die kubanische Regierung hat sich zu der Identität dieses Mannes noch nicht geäußert", lautet die Sprachregelung hierzu.

Penalver fühlt sich durch die Rezensionen des Films in der deutschen Presse bestätigt. Es seien hohe Erwartungen geweckt worden, aber am Ende seien viele Kommentatoren nicht überzeugt gewesen. "Die These fällt im Laufe des Films in sich selbst zusammen", sagt er.

Der Botschafter spricht von einem "schmutzigen Manöver". Huismann sei ein "bloßes Instrument, ein Bauer in einem weltweiten Schachspiel", um Fidel Castro zu diskreditieren.

Mit identischen Worten hatte bereits vor einigen Tagen der Chefredakteur des kubanischen Regierungsorgans "Granma" auf den Film reagiert. Es handele sich um eine "Verschwörung in Hamburg", wütete Gabriel Molina in einem langen Leitartikel auf der Titelseite.

Huismann hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Castro werde eine "Desinformationskampagne" starten, prophezeite er vergangene Woche im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Carsten Volkery



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