Interview mit libanesischem Patriarch "Der Papst inspirierte alle, die das Gute wollen"

Auch die maronitische Kirche im Libanon trauert um den verstorbenen Papst, den sie als Oberhaupt anerkennt. Zugleich sind die Christen im Libanon verstärkt Ziel von Anschlägen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Patriarch Nasrallah Sfeir über seine Erinnerungen an den Papst, die Hizbollah und den neuen Libanon.


Patriarch Nasrallah Sfeir
AFP

Patriarch Nasrallah Sfeir

SPIEGEL ONLINE:

Eure Exzellenz, gestern ist Papst Johannes Paul II. gestorben, den auch Ihre Kirche, die maronitische, als Oberhaupt betrachtet. Wie empfinden Sie den Verlust?

Nasrallah Sfeir: Es ist ein schwerer Schlag für die gesamte Welt. Papst Johannes Paul II. war ein großer Mann, der das letzte Jahrhundert entscheidend mitgeprägt hat. Er war ein rastloser Kämpfer für Demokratie, Menschenrechte und die Kirche. Er war sicherlich einer der größten Päpste der Geschichte. Und er hat auch dem polnischen Volk sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kannten den Papst auch persönlich. Was wird Ihnen in besonderer Erinnerung bleiben?

Sfeir: Natürlich werde ich nicht vergessen, dass er uns im Libanon besucht hat. Er kam 1997 hierher und hat sich sehr für unser Land interessiert. Er hat sich auch während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 eingemischt, zum Beispiel Briefe an alle katholischen Bischöfe geschrieben, um herauszufinden, was im Libanon vorgeht. Er war sehr entschlossen, unserem Land zu helfen. Ich habe den Papst viele Male getroffen. Und ich habe stets gespürt, dass er die Macht hatte, all jene zu inspirieren, die das Gute wollten.

SPIEGEL ONLINE: Heute, fünfzehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, befindet sich der Libanon wieder in einer chaotischen Lage. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Sfeir: Wir gehen gerade durch eine sehr schwierige Phase, keine Frage. Wir haben zurzeit nicht einmal eine Regierung. Eine neue zu formen, ist aussichtslos, weil unsere Parlamentarier in zwei Lager gespalten sind. Ich setze jetzt darauf, dass möglichst bald Wahlen stattfinden und es ein neues Parlament gibt. Das könnte dann eine neue Ära einläuten.

Mosaik an maronitischer Kirche: Johannes Paul II. war hier
SPIEGEL ONLINE

Mosaik an maronitischer Kirche: Johannes Paul II. war hier

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Regierung würden Sie denn für die Zwischenzeit bevorzugen? Im Moment führt noch eine pro-syrische Regierung kommissarisch die Geschäfte. Die Opposition setzt auf die Wahlen und einen Machtwechsel und will sich nicht beteiligen.

Sfeir: Es ist erst einmal unsere vornehmliche Aufgabe, die Wahlen zu organisieren. Und es wäre gut, wenn wir bis dahin zumindest eine kleinere Regierung hätten - zurzeit haben wir 30 Minister. Ich meine, sechs bis acht wären genug für die Übergangsregierung, die wir jetzt einsetzen müssen. Eine möglichst neutrale Übergangsregierung wäre wünschenswert. Aber ich weiß, dass es Widerspruch dagegen gibt.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zwei Wochen gab es vier Bombenanschläge in christlichen Vierteln von Beirut. Sind Sie besorgt? Wer, glauben Sie, steckt dahinter?

Sfeir: Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist. Aber die Attacken zeigen, dass einige Menschen an Frieden und Ruhe im Libanon nicht interessiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Drohen durch die Anschläge neue Spannungen zwischen den vielen verschiedenen Religionsgemeinschaften im Land? Offensichtlich ist das ja das Ziel der Bombenbauer...

Sfeir: Das glaube ich nicht. Das läge nicht im Interesse der Libanesen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass es nicht dazu kommt.

SPIEGEL ONLINE: Die Opposition ist sich nicht einig in der Frage, wie man mit der schiitischen Hizbollah-Miliz umgehen sollte. Insbesondere die Frage, ob und wann sie entwaffnet werden muss, ist umstritten. Was meinen Sie?

Sfeir: Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Aber eines ist klar: Niemand kann die Hizbollah entwaffnen, wenn sie nicht mitzieht. Es liegt also an ihnen. Ich führe selbst keine direkten Gespräche mit der Hizbollah, um mich abzustimmen. Aber es gibt natürlich Leute aus meinem Lager, die als Unterhändler agieren.

Ziel von Anschlägen: Maronitische Christen nach dem Sonntagsgottesdienst
SPIEGEL ONLINE

Ziel von Anschlägen: Maronitische Christen nach dem Sonntagsgottesdienst

SPIEGEL ONLINE: Die Hizbollah verweigert eine Entwaffnung, solange der schmale Landstrich um die Scheba-Farmen noch von Israel besetzt ist. Wäre die Zeit nach einem eventuellen Abzug Ihrer Ansicht nach am besten geeignet?

Sfeir: Ja, das wäre vielleicht am besten.

Das Interview führte Yassin Musharbash in Beirut



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