Interview mit Osteuropa-Experten Segbers "Das ist Putins bisher schwerste Krise"

Das blutige Ende des Geiseldramas in Nordossetien wirft ein Schlaglicht auf den Tschetschenien-Konflikt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Klaus Segbers, 49, Politikwissenschaftler an der FU Berlin und Osteuropaexperte, über die Hintergründe der Tat, das Ziel der Terroristen und die Folgen für Putins Präsidentschaft.


Politikwissenschaftler Klaus Segbers: "Putin hat sehr viel versucht"

Politikwissenschaftler Klaus Segbers: "Putin hat sehr viel versucht"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Segbers, die Schule in Beslan ist gestürmt worden. Haben Sie ein gewaltsames Ende erwartet?

Klaus Segbers: Für mich war es eindeutig, dass es heute in irgendeiner Form zu einer Zuspitzung kommen musste. Es ist unrealistisch, dass die Kinder mehr als 48 Stunden ohne Trinkwasser und Nahrungsmittel in der Schule ausgehalten hätten.

SPIEGEL ONLINE: Hatte der russische Präsident Wladimir Putin eine Alternative?

Segbers: Ich denke, er hat sehr viel für eine friedlichen Lösung versucht. Es gab Verhandlungsversuche durch den Kinderarzt Leonid Roschal und durch andere Kräfte vor Ort wie die regionalen Gouverneure. Alles ist jedoch von den Geiselnehmern abgelehnt worden - selbst die Versorgung der Geiseln. Stattdessen legten sie Forderungen nach: erst den Rückzug der russischen Truppen aus Tschetschenien, und heute die Unabhängigkeit des Landes.

SPIEGEL ONLINE: Ist Putin mit seiner Tschetschenien-Politik gescheitert?

Segbers: Allen Beobachtern ist im Moment unklar, wie eine Lösung für das Land aussehen könnte. Die Konflikte im Baskenland und in Nordirland sind ähnlich. Auch dort wird seit Jahrzehnten ohne Erfolg versucht, den Konflikt zu lösen. Die Taten kommen allerdings zu einer sehr ungünstigen Zeit für Putin. Er versucht derzeit zum ersten Mal Sozialreformen in Russland durchzuführen, viele Vorteile für Pensionäre und Veteranen sollen gestrichen werden. Erstmals zeigt die Popularitätskurve des Präsidenten nach unten - und nun diese Terrorakte. Es ist die schwerste Krise seiner Amtszeit.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Unterschied zu der Geiselnahme im Herbst 2002 in dem Moskauer Musical-Theater?

Putin bei seiner gestrigen TV-Ansprache: "Die schwerste Krise seiner Amtszeit"
AP / NTV

Putin bei seiner gestrigen TV-Ansprache: "Die schwerste Krise seiner Amtszeit"

Segbers: Damals war das ein relativ isolierter Fall, die Mehrzahl der Russen hatte keinerlei Sympathie für die Geiselnehmer, und Putin konnte sich geborgen fühlen in einer generellen Zustimmung. Innenpolitisch spürte er keinen Gegenwind, den er nun aber fühlt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Beispiel, wo sich die russische Führung auf Verhandlungen eingelassen hat?

Segbers: Zumindest hat Putins Vorgänger Boris Jelzin 1995 bei der Erstürmung eines Krankenhauses im russischen Budjonnowsk verhandelt und den freien Abzug der Geiselnehmer garantiert. Heute stehen aber die verschiedenen Terroristengruppen weltweit in Konkurrenz. Ein Primärziel ist nun ihr Kampf um die Medienöffentlichkeit. Die Anschläge auf zwei Flugzeuge vergangene Woche, dann der Terrorakt vor der U-Bahnstation in Moskau und nun die Geiselnahme haben nicht nur eine russische Dimension. Wir erlebten auch den Hamas-Anschlag in Israel und weitere Anschläge in Pakistan und Malaysia.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die Geiselnehmer in Nordossetien wissen, was in Israel passiert?

Ende der Geiselnahme in Beslan: "Die Terroristen wollen die Medienagenda dominieren"
AP

Ende der Geiselnahme in Beslan: "Die Terroristen wollen die Medienagenda dominieren"

Segbers: Sie wissen zumindest über CNN und al-Dschasira, welche Aktionen im Vordergrund stehen und wie effektiv sie gewesen sind. Und nach dieser Logik müssen sich die Terroristen mit ihren Aktionen immer weiter steigern, um zumindest für eine gewisse Zeit die Medienagenda dominieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben sich die Terroristen gerade Nordossetien ausgesucht für ihre Aktion?

Segbers: Anlass waren ja die Präsidentschaftswahlen am vergangenen Sonntag in Tschetschenien. Aber es ist denen eigentlich egal, ob es Nordossetien, Dagestan oder Inguschien ist. Sie haben es nur aus logistischen Gründen gewählt. Das Risiko, Waffen und Attentäter nach Moskau zu schaffen, wäre höher. Es ist sehr viel einfacher, sich in einer der Nachbarrepubliken Tschetscheniens ein weiches Ziel auszusuchen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Geiselnehmer haben tatsächlich daran geglaubt, die Unabhängigkeit Tschetscheniens durch ihre Aktion zu erreichen?

Segbers: Kurzfristig nicht - als mittel- und langfristiges Ziel vielleicht.

SPIEGEL ONLINE: Und dafür würden die Täter ihr Leben opfern?

Segbers: Ja, aber man muss mehrere Gruppen unterscheiden. Die einen werden getragen von Menschen, die Familienangehörige verloren haben - seien es Väter oder Söhne. Bei ihnen ist Blutrache ein tragendes Element. Andere wollen einen Gottesstaat etablieren und agieren grundsätzlich gegen ein plurales, weltliches System. Eine dritte Gruppe sind ganz ordinäre Kriminelle, die über Morde und Geiselnahmen ihre Kriegskasse auffüllen wollen. Das ist eine Melange, die es auch so schwierig macht, Verhandlungen mit ihnen aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt Russland nicht einfach Tschetschenien auf?

Segbers: Neben emotionalen und sentimentalen Gründen gibt es andere Punkte: Geschichtlich gehörte das Land zur Sowjetunion, und nach dem Fall des Systems haben sich alle ehemaligen Unionsmitglieder und Satellitenstaaten abgelöst. Nun will man nicht auch noch die russischen Teilrepubliken aufgeben. Außerdem könnte eine erfolgreiche Abspaltung ein Vorbild für Inguschien und Dagestan werden. Ich bin auch sicher, dass sich die Geiselnehmer und ihre Unterstützer nach einer möglichen Unabhängigkeit nicht zur Ruhe setzen würden und versuchen würden, gottesstaatsähnliche Gebilde auch in der Nachbarschaft zu etablieren. Schließlich müssen diese Gruppen nicht über Geldmangel klagen - finanziert werden die Kämpfer im Nordkaukasus von frommen Stiftungen aus Jemen und Saudi-Arabien.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Endpunkt oder der Auftakt einer Terrorserie?

Segbers: Weder noch, es wird immer mal wieder kulminieren. Ich rechne damit, dass wir nun ein paar Monate erst mal nichts hören werden und es dann zu neuen Aktionen kommen wird.

Das Interview führte Lars Langenau



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.