Interview mit Ex-Diktator Musharraf "Ich will Pakistan vom Terror befreien"

Pakistans Ex-Diktator Musharraf will aus dem Exil in seine Heimat zurückkehren, um bei den Wahlen im Mai anzutreten. "Ich möchte Pakistan vor dem Niedergang retten", sagt er vor seiner Abreise im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er habe keine Angst - weder vor dem Galgen noch vor den Todesdrohungen von Terroristen.

Pakistans Ex-Präsident Musharraf: "Das Glück ist mit den Mutigen"
DPA

Pakistans Ex-Präsident Musharraf: "Das Glück ist mit den Mutigen"

Aus Dubai berichtet


Sein Verschwinden aus Pakistan war eine Schmach: Nach fast einem Jahrzehnt Herrschaft stahl sich Pervez Musharraf, 69, im Jahr 2008 aus Pakistan - aus Angst vor einer Amtsenthebung als Präsident, weil er den Obersten Richter des Landes abgesetzt und unter Hausarrest hatte stellen lassen. Eine mächtige Bewegung der Juristen brachte den Richter wieder ins Amt, Musharraf musste fliehen. Er fand zunächst Unterschlupf bei Freunden in London. Dort kaufte er sich eine eher bescheidene Wohnung und richtete sich außerdem ein herrschaftliches Haus in Dubai ein.

Die fünf Jahre im selbstauferlegten Exil haben ihn geschmerzt, sagt der pensionierte General. Er habe gesehen, wie sein Land "niedergewirtschaftet" wird, "zerfressen von Korruption", zerrissen von Terroristen. Auch die Beziehungen zu den USA, mit denen er als Präsident enge Kontakte pflegte als Anti-Terror-Partner, seien auf einem Tiefpunkt. "Das schadet Pakistan", befindet er.

Doch er findet auch kritische Worte für Washington - und ärgert sich vor allem über den heimlichen Kommandoeinsatz in Abbottabad, um Osama Bin Laden zu töten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erläutert er kurz vor seinem Abflug in die Heimat, was die größten Probleme Pakistans sind, was er als Erstes anpacken und anders machen würde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Musharraf, in Pakistan sollen im Mai Wahlen stattfinden, Sie wollen antreten. In der Bevölkerung genießen Sie nicht gerade hohes Ansehen nach Ihren zehn Jahren Herrschaft. Warum wollen Sie also zurück?

Musharraf: Zwei Dinge liegen mir am Herzen: Pakistans Wirtschaft muss unbedingt wieder auf Erfolgskurs gebracht werden, und wir müssen Terrorismus und Extremismus bekämpfen. Beides wurde von der letzten Regierung nicht ausreichend bearbeitet. Pakistan war zu meiner Zeit ein wirtschaftlich erfolgreiches Schwellenland. Und Terrorismus war kein so großes Problem, wie es das jetzt ist. Ein Erfolg auf diesen beiden Politikfeldern ist der Schlüssel, um Pakistan zu einem stabilen, gesunden Land zu machen. Ich möchte Pakistan auf den Weg zu Wohlstand bringen und vom Terror befreien.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Bevölkerung traut Ihnen kaum zu, diese Probleme zu lösen. Im Gegenteil, man wirft Ihnen vor, an der Macht geklebt und den Übergang zur Demokratie, den Sie nach Ihrem Putsch 1999 versprachen, immer wieder verzögert zu haben. Sie gelten als Mann von gestern.

Musharraf: Meine Beliebtheit bis 2007 lag bei 78 Prozent. Ich war also acht Jahre lang sehr erfolgreich. Alle sozialen und ökonomischen Indikatoren zeigten an, dass Pakistan ein aufstrebendes Land war. Was auch immer schiefgelaufen sein mag unter meiner Führung, ist also 2007 passiert. Acht erfolgreiche Jahre stehen also einem vielleicht nicht so erfolgreichen Jahr gegenüber. Die vergangenen fünf Jahre demokratischer Regierung waren dagegen ein Versagen auf ganzer Linie.

SPIEGEL ONLINE: Die Beziehungen zu den USA sind derzeit auf einem Tiefpunkt, nachdem ein CIA-Agent zwei Pakistaner erschoss, die USA in einem mit Pakistan nicht abgesprochenen Einsatz Osama Bin Laden aufspürten und töteten und bei einem US-Luftangriff mehrere pakistanische Soldaten ums Leben kamen. Was wollen Sie anders machen in der Politik gegenüber den USA, als deren Freund Sie gelten?

Musharraf: In der Tat sind die Beziehungen sehr schlecht. Aber sie waren nicht schlecht während meiner Regierungszeit. Damals gab es immer ein gegenseitiges Vertrauen. Ich will daran arbeiten, das wiederherzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß ja nach der Tötung Bin Ladens, Sie hätten den USA schon kurz nach 9/11 eine Blankovollmacht ausgestellt, um Terroristen in Pakistan zu jagen. Demnach würde Pakistan zwar öffentlich protestieren, es aber insgeheim dulden.

Musharraf: Wer auch immer so etwas behauptet, redet Unsinn. So eine Absprache hat es nie gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Warum verurteilen Sie eigentlich regelmäßig den US-Einsatz gegen Bin Laden? Es war immerhin ein erfolgreicher Schlag gegen den weltweit meistgesuchten Terroristen, der mehrere Jahre unentdeckt in Pakistan lebte. Soll das von dieser Schande ablenken?

Musharraf: Ich habe meine Zweifel, dass Bin Laden fünf Jahre lang in diesem Haus lebte, wie es berichtet wird. Ehrlich gesagt, glaube ich das nicht, und ich habe meine guten Gründe dafür. Die USA sind bislang einen Beweis schuldig geblieben, dass es tatsächlich so war. Ich gehe eher davon aus, dass er nur gelegentlich in Abbottabad war.

SPIEGEL ONLINE: Ja, etwa einen Kilometer Luftlinie von der angesehenen Militärakademie der pakistanischen Armee entfernt. Wie konnte so etwas unentdeckt bleiben?

Musharraf: Er hat dicht an der Militärakademie gelebt. Ihre Aufgabe ist es, junge Offiziere auszubilden, nicht Geheimdienstarbeit zu leisten. Welche Militärakademie auf dieser Welt weiß schon, wer im Umfeld von ein paar Kilometern lebt?

SPIEGEL ONLINE: Sie halten also an Ihrer Kritik an den USA fest, Bin Laden in Pakistan getötet zu haben?

Musharraf: Die Art und Weise war nicht in Ordnung. Kein Land darf ein anderes in seiner Souveränität so verletzen, wie die USA es in diesem Fall getan haben. Pakistans Autorität wurde verletzt, wie kann ich das gutheißen?

SPIEGEL ONLINE: Aber dass Bin Laden erwischt wurde, finden Sie schon lobenswert, oder?

Musharraf: Das war sicher ein Erfolg, aber diesen Erfolg hätten pakistanische Sicherheitskräfte erzielen können.

SPIEGEL ONLINE: Die waren doch angeblich ahnungslos, wie hätten sie das also machen sollen?

Musharraf: Die USA hätten Pakistan informieren müssen. Wir sind immerhin ihr Anti-Terror-Partner. Und apropos ahnungslos: Als 19 Männer Monate vor 9/11 begannen, sich auf Terrorangriffe vorzubereiten, hat die CIA versagt. Als sie vier Flugzeuge entführten, hat die CIA wieder versagt. Als zwei Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert wurden, traf es die CIA unvorbereitet. Ebenso, als ein Flugzeug ins Pentagon krachte. Die CIA hat so oft versagt. Kann man uns wenigstens verzeihen, dass wir nur einmal versagt haben?

SPIEGEL ONLINE: Der CIA wird man - im Gegensatz zum pakistanischen ISI - wohl kaum Komplizenschaft mit Extremisten vorwerfen.

Musharraf: Pakistans Armee und Geheimdienst Komplizenschaft vorzuwerfen, ist Unsinn. Man kann uns Fahrlässigkeit vorwerfen, aber keine Komplizenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zu den US-Drohnenangriffen, mit denen sie schon einige hochrangige Terroristen getroffen haben und die laut US-Botschaftsdepeschen mit heimlicher Zustimmung Pakistans erfolgen?

Musharraf: Ich bin gegen diesen Drohnenkrieg. Er ist ebenfalls eine Verletzung unserer Souveränität. Wenn die USA wollen, dass Terroristen per Drohnen bekämpft werden, sollen sie uns die entsprechende Technologie zur Verfügung stellen, damit wir sie bekämpfen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Taliban hassen Sie, sie haben gerade wieder betont, Sie "zur Hölle" zu schicken. Außerdem sähen mehrere Politiker und Richter Sie am liebsten am Galgen. Haben Sie auch Angst vor Ihrer Rückkehr nach Pakistan?

Musharraf: In den vergangenen zwölf Jahren haben Terroristen mehrmals versucht, mich zur Hölle zu schicken. Ohne Erfolg. Sie werden es auch künftig nicht schaffen. Meine Erfahrung als Offizier ist, dass die meisten Gefahrensituationen nicht so schlimm sind, wenn man sich einmal mittendrin befindet. Dann wird einem klar: Die waren nur dazu da, um einem Angst zu machen. Außerdem weiß ich: Das Glück ist mit den Mutigen.

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Seite 1
athrejou 23.03.2013
1.
so schlimm das klingt,aber im grunde kann man länder,in denen die islamisten die einwohner drangsalieren und unterdrücken nur mit eiserner hand in den griff bekommen,sprich als diktator. es gibt kein land,in dem islamisten für unterdrückung sorgen,oder die regierung stellen,in dem die leute in ruhe gelassen werden...überall nur gewalt und hass.
pauschaltourist 23.03.2013
2. Peinlich
Zitat von sysopDPAPakistans Ex-Diktator Musharraf will aus dem Exil in seine Heimat zurückkehren, um bei den Wahlen im Mai anzutreten. "Ich möchte Pakistan vor dem Niedergang retten", sagt er vor seine Abreise im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er habe keine Angst - weder vor dem Galgen noch vor den Todesdrohungen von Terroristen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-pakistans-ex-praesident-pervez-musharraf-a-890562.html
Der Zeitpunkt dieses Spiegel-"Interviews" ist eine Schande. Seit Jahren sitzt Musharraf in London und ich kann mich in der Berichterstattung über ihn seit dem an lediglich einen kurzen Spiegel-Artikel erinnern. Die im Spiegel vor 30 Jahren verantwortliche Redaktion hätte ihn, im sicheren GB sitzend und nach seiner Abdankung problemlos erreichbar, regelmäßg besucht und Insider-Informationen aus erster Hand über die Verstrickungen des pakistanischen Systems, Terror-Entwicklung, Taliban und, besonders von Interesse, dem nuklearen Ausblick in Sicht auf die Dauerkonfrontation mit Indien aus der Nase gezogen. Alleine aus Verärgerung über die dortigen Umwälzungen und der ihm gegenüber erbrachten Missachtung hätte er sich in einigen dieser Punkte mit Sicherheit sehr redselig gezeigt.
HenryFromWob 23.03.2013
3.
Warum verteidigt Musharraf diese Kollegialität, die offenbar zwischen aktuellen pakistanischen Regierungsvertretern und den Taliban herrscht? Wäre es zu einer Absprache zwischen amerikanischem und pakistanischem Geheimdienst gekommen, wäre die ganze Mission sicher gescheitert.
HoffX 23.03.2013
4. Terrorismusbekämpfung,
da müsste er in der eigenen Armee und im Geheimdienst aufräumen. Dazu hat er lange Jahre Gelegenheit und hat versagt.
ukijai 23.03.2013
5. Bemerkenswert demokratisch für einen
Ein Land, das so vom Chaos und Terror zerfressen ist wie Pakistian, war unter der Ägide von Musharraf bemerkenswert demokratisch, zumal für eine "Diktatur". Warum soll ein Diktator per Definition immer böse sein, wenn eine Demokratie noch lange nicht Freiheit und das Gute bedeuten?...
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