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Pakistan: Das Leid der Christen

Foto: ASIF HASSAN/ AFP

Christenverfolgung in Pakistan "Sie haben kaum Chancen im Leben"

Pakistans Christen werden häufig der Blasphemie beschuldigt, viele leben in bitterer Armut. Der Katholik Paul Bhatti, Sonderberater der Regierung für "nationale Harmonie", zeichnet im Interview auch für die Zukunft ein düsteres Bild.

Paul Bhatti wäre gern in Italien geblieben. Der gebürtige Pakistaner hat in Padua Medizin studiert und dort eine Klinik betrieben. Es ging ihm gut dort. Wenn er denke, tue er das auf Italienisch, sagt er. Bhatti trägt einen feinen italienischen Anzug, dazu eine Seidenkrawatte. Er ist Katholik und gehört damit zu einer Minderheit in Pakistan, wo Schätzungen zufolge etwa drei Millionen Christen leben, bei einer Gesamtbevölkerung von 185 Millionen Menschen.

Doch im Frühjahr 2011 erschossen bis heute nicht gefasste Täter seinen Bruder Shahbaz Bhatti, Minderheitenminister in der pakistanischen Regierung. Er hatte sich für eine wegen angeblicher Blasphemie zum Tode verurteilte Christin eingesetzt und öffentlich eine Änderung, in Hintergrundgesprächen auch eine Abschaffung des Blasphemiegesetzes gefordert. Die Regierung bot der Familie Bhatti an, den Posten aus ihrem Kreis neu zu besetzen. So kam Paul Bhatti als Sonderberater des Premierministers zurück nach Pakistan.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat ihn für Anfang Mai zum Kirchentag nach Hamburg eingeladen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zieht er eine ernüchternde Bilanz, hält sich jedoch mit Kritik am Blasphemiegesetz zurück.

SPIEGEL ONLINE: Christen in Pakistan werden häufig der Blasphemie bezichtigt und zum Tode verurteilt, kürzlich brannte in Lahore ein ganzes Wohnviertel. Können sie noch ein sorgenfreies Leben in Pakistan führen?

Bhatti: Das kommt darauf an, in welcher Schicht sie leben. Ärzte, Ingenieure oder Geschäftsleute zum Beispiel haben ein gutes Leben. Die Christen am unteren Rand der Gesellschaft haben es dagegen schwer. Außerdem hängt es davon ab, ob sie in der Stadt leben oder auf dem Land, ob sie einer großen christlichen Gemeinde angehören oder ob sie sich in einer mehrheitlich muslimischen Gegend zurechtfinden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Christen in Pakistan sind aber arm, arbeiten als Hausangestellte und leben in Ghettos.

Bhatti: Das ist leider richtig. Sie haben kaum Chancen im Leben. Man lässt sie spüren, dass sie in der Hierarchie ganz unten stehen. Und leider werden sie deswegen herabwürdigend behandelt, aber nicht, weil sie Christen sind.

SPIEGEL ONLINE: Nach dieser Argumentation müssten auch arme Muslime verfolgt werden.

Bhatti: Arme Menschen werden grundsätzlich schlecht behandelt in Pakistan. Ich will nur sagen, dass die Diskriminierung selten mit Religion zu tun hat. Nehmen Sie zum Beispiel den islamischen Geistlichen, der in seiner Dorfmoschee über die Christen in seinem Ort herzieht. Derselbe Mullah würde sehr, sehr freundlich zu einem Christen mit hochrangigem Beruf sein, zum Beispiel wenn ihn der US-Botschafter in Pakistan einlädt. Ich selbst habe viele Jahre in Italien gelebt, habe dort Medizin studiert und als Arzt gearbeitet. Hier in Pakistan werde ich von allen Menschen respektiert, ich wurde nie schlecht behandelt, nur weil ich Christ bin.

SPIEGEL ONLINE: Aber Millionen von Christen stehen in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht oben. Sie waren Sonderberater der Regierung für religiöse Minderheiten, welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus dieser miserablen Lage?

Bhatti: Man muss zwei Dinge tun: Armut bekämpfen und für Bildung sorgen. Viele der Streitereien, die zu Gewalt führen, finden in ärmlichen Gegenden statt. Wirtschaftliche Entwicklung wäre ein geeignetes Mittel dagegen. Und was Bildung angeht, gibt es Verbesserungsbedarf in der gesamten Gesellschaft. Christen könnten auf diese Weise ihren Lebensstandard erhöhen. Und Muslime, insbesondere die Prediger, könnten ihre eigene Religion besser verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Geistliche nutzen das Blasphemiegesetz als Waffe, um missliebige Menschen zu diskreditieren. Wer wie Ihr Bruder dagegen ist, wird bedroht. Was halten Sie von diesem Gesetz?

Bhatti: Diese Mullahs haben keine Ahnung, was Blasphemie wirklich ist. Sie hören von einem vermeintlichen Fall, regen sich auf, hetzen die Menschen gegeneinander auf, aber sie fragen sich nicht, was tatsächlich passiert ist. Christen haben darunter in der Tat oft zu leiden, aber auch Muslime, denen zu Unrecht Blasphemie vorgeworfen wird. Und da sind wir wieder bei der Bildung: Diejenigen, die den Vorwurf erheben, sind ungebildet. Und diejenigen, denen Blasphemie vorgeworfen wird, sind ebenso ungebildet und können sich nicht angemessen wehren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie gegen das Blasphemiegesetz?

Bhatti: Es geht nicht darum, für oder gegen dieses Gesetz zu sein. Wenn man es innerhalb der vom Islam vorgegebenen Grenzen anwendet, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber man muss es sich sehr genau anschauen, ob es in der heutigen Form den Lehren des Islam entspricht. Es gibt zum Beispiel die Lehrmeinung, wonach dieses Gesetz nicht auf Nicht-Muslime angewendet werden darf. Selbst islamische Gelehrte sagen, dass man Menschen nicht töten darf, nur weil sie eine andere Meinung vertreten. Das Blasphemiegesetz wird oft bei Streitereien als Waffe missbraucht. Das müssen wir verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Damit ist Ihre Regierung aber in den vergangenen fünf Jahren gescheitert. Intoleranz und Extremismus haben dramatisch zugenommen. Es gibt Gewalt nicht nur gegen Christen, sondern auch gegen andere Minderheiten wie Schiiten, Ahmadis, Hindus. Wie erklären Sie dieses Scheitern?

Bhatti: Die Lage in Pakistan insgesamt hat sich verschlechtert, und zwar nicht erst seit dem Antritt dieser Regierung vor fünf Jahren. Ich befürchte, dass es auch in Zukunft abwärts gehen wird. Terror nimmt zu, die Wirtschaft stürzt ab. Wenn ein Land instabil ist, wenn es keinen echten Fortschritt in der Wirtschaft oder im Bildungsbereich gibt, leiden Minderheiten mehr als andere.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll sich das ändern, wenn sich heute kein einziger Politiker traut, offen gegen das Blasphemiegesetz zu sein? Die Extremisten haben längst die Köpfe der Menschen erobert. Wäre es nicht an der Zeit, laut und deutlich gegen diese Radikalen zu protestieren?

Bhatti: Leider haben wir viele Koranschulen, die über Jahre den Menschen etwas Falsches beigebracht haben. So viele wurden einer Gehirnwäsche unterzogen und darauf vorbereitet, im Namen der Religion zu töten. Es ist uns nicht gelungen, diese Mentalität zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie dagegen?

Bhatti: Wir müssen mit allen Geistlichen und Predigern reden und den Dialog suchen. Das ist der einzige Weg, den wir gehen können.

SPIEGEL ONLINE: Extremisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie beanspruchen, über die absolute Wahrheit zu verfügen. Damit ist alles andere, was nicht ihrer Sichtweise entspricht, unwahr. Wie wollen Sie solche Leute überzeugen?

Bhatti: Ich bin mir sicher, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenleben können. Und was Islam und Christentum angeht, sind diese beiden Religionen sich sehr nah. Natürlich glaubt jeder Mensch, sein Glaube sei die richtige, die wahre Religion. Und natürlich hängt jeder an seinen Überzeugungen und verteidigt sie. Das liegt in der menschlichen Natur. Aber niemand darf einem anderen den eigenen Glauben aufzwingen oder Gewalt anwenden. Wir müssen Glaubensfreiheit durchsetzen, und das bedeutet eben auch Respekt vor Andersgläubigen. Wir werden deshalb ein Institut schaffen, in dem Vertreter aller Religionen miteinander ins Gespräch kommen können.

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