Interview mit Pakistans Wahlgewinner Qazi "Wir haben hier eine Revolution!"

Fast die Hälfte der Stimmen konnte das Islamistenbündnis MMA bei der Wahl in Pakistan für sich verbuchen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Führer der Jamiat-ulema-Islami (Gesellschaft islamischer Gelehrter), Hussain Ahmed Qazi, über die Gründe des Wahlerfolgs und seine politischen Ziele für das Land.


Hussain Ahmad Qazi ist der klare Gewinner der Wahl in Pakistan, der Führer der Partei Jamiat-ulema-Islami (JI) gewann mit dem von ihm geleiteten Bündnis aller islamistischen Parteien (MMA) fast die Häfte der Stimmen. Mit dieser Macht kann Qazi der Partei des bisherigen Militär-Präsidenten Pervez Musharraf für eine mögliche Regierungsbildung mehr als nur Bedingungen stellen
REUTERS

Hussain Ahmad Qazi ist der klare Gewinner der Wahl in Pakistan, der Führer der Partei Jamiat-ulema-Islami (JI) gewann mit dem von ihm geleiteten Bündnis aller islamistischen Parteien (MMA) fast die Häfte der Stimmen. Mit dieser Macht kann Qazi der Partei des bisherigen Militär-Präsidenten Pervez Musharraf für eine mögliche Regierungsbildung mehr als nur Bedingungen stellen

SPIEGEL ONLINE:

Herr Qazi, Ihre islamistische Bewegung hat bei den Wahlen dramatische Gewinne verzeichnen können. Fast die Hälfte aller Stimmen fiel auf Sie. Was sind Ihre politischen Ziele?

Hussain Ahmad Qazi: Pakistan ist von Beginn an auf der islamischen Ideologie gegründet worden. Wir wollen nun, dass das Parlament seine Arbeit gemäß islamischen Regeln macht. Wir wollen eine Scharia-Gesetzgebung für dieses Land, aber natürlich sollen Menschenrechte dabei respektiert werden. Die Scharia bedeutet den Schutz der Würde des Menschen - nicht nur, wie im Westen oft missverstanden, das Abhacken von Händen oder das Steinigen von Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die neue Beliebtheit Ihrer Bewegung im pakistanischen Volk?

Qazi: Das Wahlergebnis kommt einer Revolution gleich. Viele haben die korrupten weltlichen Volksparteien satt. Gerade die Menschen in den Regionen an der afghanischen Grenze sind traditionell sehr religiös. Bei uns Paschtunen sind die Mullahs immer schon die Führer gewesen. Natürlich spielt auch die Solidarität mit unseren afghanischen Brüdern eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Das Wahlergebnis ist also auch ein Protest gegen Präsident Pervez Musharrafs Bündnis mit den USA gegen die bis dahin von Pakistan unterstützten Taliban?

Qazi: Ja. Das Bündnis mit US-Präsident George W. Bush ist Musharraf aus Angst eingegangen, nach extremem Druck aus Washington. Wir haben dagegen protestiert, dafür hat mich die Regierung vier Monate ins Gefängnis geworfen. Musharrafs pro-amerikanische Politik war und ist nicht in Pakistans nationalem Interesse. Die Bürger Pakistans sind nun mit den Folgen konfrontiert: Terroristen nehmen Rache an Pakistan, und Anschläge erschüttern das Land.

Gebannt verfolgten die Anhänger Qazis in Nowshera bei bei Peschawar den Ausgang der Wahlen
AP

Gebannt verfolgten die Anhänger Qazis in Nowshera bei bei Peschawar den Ausgang der Wahlen

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb einen extrem anti-amerikanischen Wahlkampf geführt?

Qazi: Anti-amerikanische Ressentiments werden täglich stärker in Pakistan. Nicht ohne Grund. Die Amerikaner haben nach dem 11. September unschuldige Zivilisten in Afghanistan getötet. Sie haben den Frieden in dem Land gestört. Es gibt keine Beweise, dass die Taliban irgendetwas mit den Anschlägen des 11. Septembers zu tun hatten. Amerika hat sich ohne Rücksicht auf internationales Recht als Staatsanwalt und Henker verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Amerikaner nicht vielmehr nach einem Angriff auf ihr Land verteidigt?

Qazi: Nein. Die USA machen nichts anderes als einen Feldzug gegen den Islam, gegen Muslime, in unserer Region. Sie wollen uns ihre Werte aufzwingen. Die Beispiele Israel und Irak zeigen doch ihre hegemonistische Politik. Als wir in den vierziger Jahren für die Unabhängigkeit von Großbritannien kämpften, blickten wir nach Amerika als Bastion der Freiheit. Heute verhalten sich die USA wie die schlimmsten Kolonialisten, nur mit ausgefeilteren Methoden. Aber wir werden keine amerikanischen Militärbasen in unserem Land hinnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden also in Pakistan ein Taliban-Regime errichten?

Jubel nach dem Wahlsieg: Hussein Ahmed Qazi vor seinen Getreuen am Freitag in Peschawar
AP

Jubel nach dem Wahlsieg: Hussein Ahmed Qazi vor seinen Getreuen am Freitag in Peschawar

Qazi: Nein, wir haben eine lange demokratische Tradition. Wir hatten immer Vorbehalte gegen die Politik der Taliban. Ihre feindselige Haltung etwa gegen das Fernsehen oder gegenüber Frauen teilten wir nicht. Aber wir haben die Taliban natürlich unterstützt, denn sie waren gerechte und ehrliche Menschen, die Frieden nach Afghanistan gebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Amerikanische Spezialeinheiten suchen gerade in den pakistanischen Grenzregionen verstärkt nach ehemaligen Taliban und Kämpfern der al-Qaida. Stimmen die Vorwürfe, dass Anhänger Ihrer Bewegung die Gesuchten bei sich verstecken?

Qazi: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin nicht einmal sicher, ob es die so genannte al-Qaida überhaupt gibt. Die Amerikaner haben ja auch Osama Bin Laden lange unterstützt, bevor er sich gegen ihren Kolonialismus wandte.

Das Gespräch führte Lutz C. Kleveman in Peshawar



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.