Ausnahmezustand in Ägypten "Ich habe noch nie so grauenhafte Bilder gesehen"

Die Gewalt in Kairo ebbt nicht ab. Ronald Meinardus, der das Büro der dortigen Naumann-Stiftung leitet, berichtet im Interview, wie er die blutigen Zusammenstöße erlebt - und wie in seinem Büro Liberale und Anhänger der Muslimbrüder versuchen zusammenzuarbeiten.

Stiftungs-Büroleiter Meinardus (mit einem Wächter im am Mittwoch aufgelösten Camp Rabaa): "Ans Arbeiten ist nicht zu denken"
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Stiftungs-Büroleiter Meinardus (mit einem Wächter im am Mittwoch aufgelösten Camp Rabaa): "Ans Arbeiten ist nicht zu denken"


SPIEGEL ONLINE: Herr Meinardus, wie haben Sie den blutigen Mittwoch in Kairo erlebt?

Meinardus: Noch nie in meinem Leben habe ich so grauenhafte Bilder gesehen, so viele blutüberströmte Leichen, entstellte Körper. Nicht im Original, das hätte ich nicht ertragen, sondern in den sozialen Medien. Hier findet wirklich alles über Facebook und Twitter statt, man bekommt alles mit.

SPIEGEL ONLINE: Das Büro Ihrer Stiftung liegt in den Außenbezirken Kairos. Was bekommen Sie dort unmittelbar von der Gewalt mit?

Meinardus: Aus dem Fenster habe ich in der Ferne die Rauchschwaden gesehen, unten sausten Krankenwagen vorbei. Man fährt abends nach Hause und sieht die Polizeistationen, die verbarrikadiert sind, aus Angst vor Attacken. Und man sieht, diesen Anblick gab es lange nicht, Menschen in Zivil mit schweren Waffen.

SPIEGEL ONLINE: Die Geheimpolizei?

Meinardus: Ja, die tritt gerade in Vierteln wie unserem, wo es viele Botschaften gibt, wieder in Erscheinung. In meinem Wohnviertel haben die Muslimbrüder nun ein neues Lager errichtet. Da hörte ich nachts Schüsse, Schlachtrufe. Das hat mich gewundert, denn eigentlich herrscht ja die Ausgangssperre.

SPIEGEL ONLINE: Was sehen Sie jetzt, am Tag danach?

Meinardus: Ich schaue mal aus dem Bürofenster: Auf der Corniche, der normalerweise verstopften Hauptstraße, fahren jetzt drei, vier Autos vorbei. Das ist eine eigentlich unmögliche Aussicht für Kairo.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn überhaupt weiterarbeiten?

Meinardus: Die ägyptischen Mitarbeiter habe ich freigestellt. Das sind politisierte Menschen, die sind ja Partei in diesem Konflikt. Wir sind im säkularen-liberalen Lager engagiert, doch wir haben auch Mitarbeiter im administrativen Bereich, die dem Lager der Muslimbrüder nahestehen. Es war gestern nicht mehr zu ertragen, ans Arbeiten ist nicht zu denken, alle schauen nur auf ihre Smartphones, telefonieren, um zu erfahren, was los ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Kampf zwischen den Lagern wird erbittert geführt. Ist Zusammenarbeit in Ihrem Büro dann überhaupt noch möglich?

Meinardus: Wir pflegen eine offene Atmosphäre. Man merkt die Spannungen unterschwellig, aber zu Konflikten ist es noch nicht gekommen. Ich hoffe inständig, dass es so bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in Ägypten aufgewachsen und seit 2006 für die Naumann-Stiftung wieder vor Ort. Hätten Sie mit solch einer Eskalation gerechnet?

Meinardus: Nein, ich fühle unheimliches Entsetzen. Ich habe die Ägypter, auch wenn das etwas stereotyp klingt, immer als sehr gutmütig wahrgenommen. Szenen wie die gestern hätte ich nie für möglich gehalten. Insofern hat sich mein Ägyptenbild auch geändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter für die Stiftung?

Meinardus: Wir beschäftigen uns weiterhin mit Themen, die mittel- und langfristig anlegt sind, mit Parteien, mit Menschenrechten.

SPIEGEL ONLINE: Da müssen die aktuellen Entwicklungen Sie doch deprimieren.

Meinardus: Im Moment gucken die Ägypter nicht über den Tellerrand hinweg. Sie sind damit beschäftigt zu positionieren, viele haben Angehörige verloren. Das ist eine hochemotionale Situation, da müssen wir mit unserem rationalen Ansatz erst einmal abwarten.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Meinardus: Jetzt kommt es auf das Militär an. Wenn es weiter zu Ausschreitungen kommt, fürchte ich eine Gewaltspirale, die sich immer schneller dreht. Verhandlungen sind im Moment unmöglich, es gibt keine neutrale Instanz mehr. Das ganze Land befindet sich in Schockstarre. Bis wieder ein Dialog stattfinden kann, werden noch Tage, wenn nicht Wochen vergehen.

Das Interview führte Fabian Reinbold.

Zur Person

Dr. Ronald Meinardus, 57 Jahre, leitet das Regionalbüro der Mittelmeerländer der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Er ist in Ägypten aufgewachsen und ist seit 2006 für die Stiftung in Kairo. Zuvor hat er auch als Journalist gearbeitet.

insgesamt 2 Beiträge
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seneca55 15.08.2013
1. Gutes Interview mit Herrn Meinardus
der kompetent und qualifizierten Urteilen die Situation vor Ort beschreibt. Warum werden so selten Insider-Interviews geführt?
mesopotamien00 15.08.2013
2.
Dann müssen sie mal die Bilder von Syrien sehen ... Seit drei Jahren sterben täglich 500-über tausend (Dunkelziffer liegt weit aus hoher) nur die Medien reden es klein ...144.000 (offiziell,inoffiziell vielleicht knapp 200.000) Menschen die durch Gewalt umkamen und seit einem halben Jahr reden sie nur von über 100.000 toten Ägypten wird die Zahl in 10 Jahren nicht übertreffen , und die Weltgemeinschaft guckt nur blöd zu
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