Interview mit Schriftsteller Meir Shalev Warum Israel von der Landkarte verschwinden könnte

2. Teil: Lesen Sie in Teil 2: Was Shalev von den Palästinensern erwartet


SPIEGEL ONLINE: Ehud Barak, Israels ehemaliger Premierminister und jetziger Verteidigungsminister, wurde 1999 gefragt, was er getan hätte, wenn er als Palästinenser auf die Welt gekommen wäre. Er antwortete: "Ich hätte mich früher oder später einer Terror-Organisation angeschlossen." Wie sehen Sie das?

Shalev: Natürlich würde ich für meine Unabhängigkeit und mein Land kämpfen, wenn ich ein Palästinenser wäre. Ich würde mich nicht in Restaurants oder Bussen in die Luft sprengen, aber ich würde kämpfen. Die Auswirkungen unseres Unabhängigkeitskrieges von 1948 sind sehr tragisch für die Palästinenser. Aber sie sind auch das Ergebnis ihrer eigenen Dummheit. Sie begannen einen Krieg, der uns vertreiben sollte, der aber damit endete, dass sie vertrieben wurden. Die Palästinenser haben bis heute nicht verstanden, dass ihre Vertreibung Konsequenz ihrer eigenen Politik war.

SPIEGEL ONLINE: In Europa herrscht manchmal eine gewisse Nahost-Müdigkeit. "Hört das denn nie auf", fragen sich die Menschen.

Shalev: Was die Leute in Europa vergessen haben, ist, dass sie in den vergangenen 1000 Jahren auch nonstop im Krieg gelebt haben. Auch dort gab es endlose Religionskriege, Kolonialismus, Unterdrückung. Erst seit 60 Jahren herrscht Frieden in Europa, und das auch nur, wenn man großzügig ist und den Balkan rausrechnet. Die Europäer haben es in zwei Generationen geschafft, Frieden als ewigen Urzustand für selbstverständlich zu halten. Wir wollen keinen 1000-jährigen Krieg im Nahen Osten, aber es wird eben noch eine Weile dauern, Frieden zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben sich als Linker, als nicht-religiöser Mensch. Trotzdem sprechen Sie davon, dass das Heilige Land dem jüdischen Volk von Gott versprochen wurde und daraus ein Anspruch resultiert. Wie passt das zusammen?

Shalev: Ich denke, dass das jüdische Volk wie jedes andere auch das Recht auf einen eigenen Staat hat. Es hat seine spirituelle Beziehung zum Land seiner Vorväter über Jahrtausende aufrecht erhalten, das gab ihm das Recht, zurück zu kehren. Aber das heißt nicht, dass den Juden das ganze biblische Heilige Land vom Irak bis Ägypten zusteht: Es ist an unserer Generation, die Grenzen des jüdischen Staates zu definieren. Genauso ist es mit den Palästinensern, die oft anführen, sie wollten ihr Land zurück, so wie es die Juden nach 2000 Jahren wiederbekommen hätten. Sie sollen es wieder haben, aber eben auch nicht alles. Manchmal denke ich allerdings, dass es für uns Juden auch sinnvoll hätte sein können, anderswo zu siedeln. Wenn es mit dem Aufkommen des Zionismus ein wirklich menschenleeres Gebiet auf diesem Planeten gegeben hätte, wäre es vielleicht eine gute Idee gewesen, dorthin zu gehen und von dort aus ein Mal im Jahr die Heiligen Stätten im Nahen Osten zu besuchen.

Das Interview führte Ulrike Putz



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