Interview mit Sicherheitsexpertin Alyson Bailes "Die USA könnten umschwenken"

Die Europäer und die Uno drängen die USA, mit einem Krieg gegen den Irak zu warten. Welche Folgen hätte eine Verschiebung des Kriegsbeginns? SPIEGEL ONLINE sprach mit der Direktorin des Stockholmer Instituts für Friedensforschung, Alyson Bailes.

SPIEGEL ONLINE:

Mrs. Bailes, der Druck auf die USA wächst, einen Krieg gegen den Irak über den Februar hinauszuzögern. Werden die USA dem nachgeben?

Bailes: Das ist durchaus möglich. Aus den USA selbst kommen ja ganz unterschiedliche Signale. Das Nord-Korea-Problem wird in der Wahrnehmung immer wichtiger, und man will keineswegs zwei Krisen auf einmal bewältigen, schon gar nicht, wenn die USA isoliert handeln müssten. Für die Amerikaner ist es außerdem schwierig, Verbündete in der Region zu finden. Ein wenig mehr Zeit dafür könnte ihnen gelegen kommen. Außerdem macht Uno-Chefwaffeninspektor Hans Blix bisher einen exzellenten Job. Die US-Regierung könnte daher durchaus gewillt sein, ihm mehr Zeit einzuräumen. Ich halte es also aus verschiedenen Gründen für möglich, dass die USA ihren Kurs ändern.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Druck auf Saddam Hussein bei einer Verschiebung des möglichen Kriegsbeginns halten?

Bailes: Durchaus. Die Amerikaner werden weiterhin eine hohe Truppenpräsenz im Golf haben. Sie könnten relativ schnell jederzeit zuschlagen. Auch Blix ist hart genug, um den Irak auch weiterhin öffentlich an den Pranger zu stellen, wenn nötig.

SPIEGEL ONLINE: Im Sommer sind die Temperaturen in der Krisenregion unerträglich hoch. Könnte die US-Armee wirklich jederzeit zuschlagen?

Bailes: Ich bin kein General. Doch offiziell spielen die Temperaturen für die US-Regierung keine Rolle. Es gibt keine Deadline bezüglich des Klimas.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit der Amerikaner aus, wenn sie nicht bald angreifen?

Bailes: Die Kategorie der Glaubwürdigkeit ist doch nichts anderes als ein PR-Trick. Man kann sie doch nicht messen.

SPIEGEL ONLINE: Wird US-Präsident George W. Bush das Gesicht wahren können, nachdem er sich Wochen lang in Kriegsrhetorik erging?

Bailes: Bush ist noch immer relativ jung im Amt. Das heißt, man muss ihm ein gewisses Entwicklungspotenzial zusprechen. Bisher wurde er häufig dafür kritisiert, zu schnell zu handeln, nicht geduldig genug zu sein, auf Rat wenig zu hören. Nun hätte er eine Chance, sein schlechtes Image abzulegen. Er hat nichts zu verlieren. Selbst viele Republikaner und die Militärs stehen einem Irak-Krieg skeptisch gegenüber. Und die Demokraten könnten sich erst recht nicht über einen Schwenk in der Irak-Politik beschweren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wirkung hätte eine Unterbrechung der Kriegsspirale auf Saddam Hussein?

Bailes: Natürlich muss der Druck auf Saddam aufrecht erhalten werden. Das kann gelingen, solange die Uno-Inspektoren ihren Job weiterhin gewissenhaft tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange können sich die USA eine hohe Militärpräsenz im Golf leisten?

Bailes: Es fallen natürlich enorme Kosten an. Doch solange es zu keinem Krieg kommt, hätten die USA mehr Luft, sich stärker um die Bekämpfung des internationalen Terrorismus zu kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es für alle Beteiligten von Vorteil ist, einen Krieg zu verschieben, warum wird er nicht ganz abgeblasen?

Bailes: Solange man den Krieg nur verschiebt, hat man weiterhin die Option, anzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Das Drohpotenzial nimmt doch mit jedem verstreichenden Monat ab ...

Bailes: ... zudem kann sich der Irak immer besser auf einen Angriff vorbereiten. Daher: Je länger der Krieg hinausgeschoben wird, desto unwahrscheinlicher wird er. Das heißt, der Handlungsspielraum für eine friedliche Lösung wird größer.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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