Interview mit Vuk Draskovic "Wir werden ein unabhängiges Kosovo nicht anerkennen"

Serbiens Außenminister Vuk Draskovic warnt vor einer Unabhängigkeit des Kosovo. Diese werde den Balkan in einen "gefährlichen Brandherd" verwandeln. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sieht er zudem die Gefahr eines Rückfalls Serbiens in die Zeit vor dem Sturz von Diktator Milosevic.


SPIEGEL ONLINE: Herr Draskovic, Serbien wird zum Schrumpf-Staat. Sind Sie verbittert?

Draskovic: Ich hätte mir Serbien und Montenegro unter einem gemeinsamen Dach gewünscht. Aber wir akzeptieren die Realitäten. Damit ist der Zerfall des ehemaligen Jugoslawien beendet.

SPIEGEL ONLINE: Nicht unbedingt. Auch die Provinz Kosovo könnte in Kürze unabhängig werden.

Draskovic: "Wir haben Tausende Fehler gemacht"
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Draskovic: "Wir haben Tausende Fehler gemacht"

Draskovic: Dann sollen die Kontaktgruppe, der Uno-Sicherheitsrat und die Regierungen jener Staaten, die für die Unabhängigkeit des Kosovo plädieren, uns klipp und klar sagen: Die Serben haben im Kosovo kein Recht auf Schutz, weil sie Serben sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum ließen sich in einem unabhängigen Kosovo die Rechte der Serben nicht schützen – etwa durch die OSZE oder andere internationale Organisationen?

Draskovic: Das Gerede von der Multiethnik ist eine Farce. Seit dem Einzug der Nato im Kosovo wurden etwa 220.000 Serben und Nichtalbaner aus dem Kosovo vertrieben, 40.000 serbische Häuser zerstört und mehr als 1000 serbische Zivilisten getötet. Als Belohnung wollen die Albaner ihren eigenen Staat. Europa beruhigt mit seiner angeblichen Sorge um diese winzigen, serbischen Enklaven im Kosovo nur sein Gewissen. Fast 80 Prozent des Territoriums im Kosovo sind ethnisch rein.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde Belgrad reagieren, wenn es dennoch zur Unabhängigkeit des Kosovo käme?

Draskovic: Sollte es passieren, dass auf serbischem Territorium ein international anerkannter albanischer Staat formiert wird, dann werden wir diesen nicht anerkennen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hätte ein unabhängiges Kosovo für die Region?

Draskovic: Diese kriminelle Lösung würde die gesamte Region in einen gefährlichen Brandherd verwandeln und ein politisches Erdbeben in den Nachbarländern hervorrufen. Keine Autorität auf dieser Welt könnte den Serben in Bosnien dann erklären, warum sie kein Recht auf einen selbständigen Staat haben – die Albaner im Kosovo dagegen schon.

SPIEGEL ONLINE: Würde Russland dieses Szenario zulassen?

Draskovic: Der russische Präsident Wladimir Putin unterstützt ein unabhängiges Kosovo sicherlich nicht. Der Kontaktgruppe sagte er Ende Januar in London ohne Umschweife, dass es bei einer Unabhängigkeit des Kosovo keine Garantien mehr gäbe, dass sich auf diesen Präzedenzfall nicht auch Kaukasien, Karabach und zahlreiche andere Regionen berufen werden. Fraglich ist auch, wie der türkische Teil Zyperns darauf reagieren würde. Und was würde mit Katalonien, den Basken oder Schottland werden oder mit dem Status von Taiwan?

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr Maximal-Angebot bei den Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo?

Draskovic: Wir machen weitreichende Zugeständnisse. Wir sagen den Albanern: Regiert das Kosovo allein, ihr seid die Mehrheit. Ihr erhaltet eine interne Unabhängigkeit des Kosovo - doch innerhalb Serbiens. Ihr könnt euren eigenen Weg nach Europa gehen und direkt Mitglied internationaler Organisationen werden – außer in den Vereinten Nationen, der Nato und solchen Organisationen, die strikt internationale Unabhängigkeit symbolisieren. Die einzige Forderung wäre, dass die jetzigen serbischen Staatsgrenzen akzeptiert werden, der Schutz der dortigen Serben, ihrer Kirchen und Klöster sowie spezielle kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen der Kosovo-Serben zu Serbien.

SPIEGEL ONLINE: Ein solches Modell existiert nirgendwo auf der Welt …

Draskovic: … spezifische Situationen erfordern spezifische Lösungen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihre Gesprächspartner in den westlichen Regierungen zu diesem Vorschlag?

Draskovic: Die geben uns Recht, was das Recht auf die Unantastbarkeit der Grenzen betrifft. Sie wenden jedoch ein, dass die Albaner sehr unzufrieden mit dieser Lösung sein würden und sich möglicherweise zum Terror entschließen könnten. Doch ist es nicht absurd, wenn die Welt den Albanern auch noch gratuliert, nur weil sie ihr "Ehrenwort" geben, nach einer Unabhängigkeit die Rechte der Serben zu achten?

SPIEGEL ONLINE: Was leere Versprechen betrifft, da steht Belgrad den Kosovo-Albanern nicht nach. Finden Sie es nicht blamabel, wie die serbische Regierung die internationale Gemeinschaft mit ihrer angeblichen Suche nach Ratko Mladic an der Nase herumführt? Mittlerweile wurde offen eingestanden, dass dieser sich bis Ende 2005 in Belgrad aufhielt.

Draskovic: Ich habe keine Erklärung und keine Rechtfertigung dafür, dass Mladic immer noch in Freiheit ist. Aber ich nehme es Premier Vojislav Kostunica ab, dass Mladic mittlerweile sein Albtraum ist und dass er alles tun würde, um ihn zu verhaften. Mitte Juli wird Kostunica der EU einen Aktionsplan vorschlagen über eine bessere Zusammenarbeit mit dem Haager Kriegstribunal. Es wird einen radikalen Schnitt mit dem Erbe Milosevics geben - auf allen Gebieten. Europa soll uns dann sagen, wo es uns dabei helfen kann; vor allem bei der Ergreifung von Kriegsverbrechern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Mladics Unterstützung kommt überwiegend aus Armee, Polizei und Geheimdienst. Warum hat die jetzige Regierung diese gefährlichen Nester nicht ausgehoben, als sie Milosevic stürzte?

Draskovic: Wir haben viel Zeit verloren und unsere fatalen Fehler teuer bezahlt. Man hätte mit dem Sturz Milosevics die Volksstimmung nützen müssen, um dessen Geheimdienst zu vernichten, die Geheimdossiers zu öffnen und mit Hilfe von Experten aus Europa einen neuen Staatssicherheitsdienst aufzubauen. Die verbliebenen Milosevic-Kader haben unseren Premier Djindjic getötet und vorher zweimal versucht, mich zu ermorden.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber werden die Mörder weiter geschützt? Wenn Sie heute den schleppenden Fortgang des Prozesses gegen die Attentäter von Zoran Djindjic verfolgen, dann ist die Enttäuschung der Bevölkerung wohl verständlich.

Draskovic: Natürlich stimmt da etwas nicht. Es wird verschleppt und verhindert. Es scheint fast, als wolle man Zeit gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Zeit? Wofür?

Draskovic: Für die Rückkehr des Systems vor dem 5. Oktober 2000, vor dem Sturz Milosevics. Schauen Sie die Umfragen an. Wenn morgen Wahlen wären, könnten die Radikalen und die Sozialisten wieder an die Macht kommen. Das Volk vergisst schnell sein Unglück und die Schuldigen. Die Zeit für Demagogen ist wieder gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum bilden Sie angesichts der Gefahr einer Renaissance des Milosevics-Regimes keinen demokratischen Gegenblock, sondern zerstreiten sich innerhalb der Regierung?

Draskovic: Natürlich verdient die derzeitige Regierung nicht nur 100, sondern 1000 Kritiken und wir haben Tausende Fehler gemacht. Aber einen Fehler haben wir nicht gemacht: Wir haben nicht mit Menschenleben gespielt, keinen Krieg provoziert und niemand hat wegen unsere Politik sein Leben verloren. Doch Milosevic hat uns nicht nur eine staatliche Katastrophe hinterlassen - es wurden auch einige Millionen Menschen mental von seinem Regime geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Serbiens Bevölkerung heute überhaupt noch an einer EU-Mitgliedschaft interessiert?

Draskovic: Über 80 Prozent sind für einen EU-Beitritt, 60 Prozent für die Partnerschaft für Frieden. Sollte der Kosovo jedoch den Unabhängigkeitsstatus erhalten, dann könnte sich die proeuropäische Gesinnung schnell ändern. Dann würde sich unser Volk gedemütigt fühlen, und darauf baut man keine europäische Politik auf.

Das Interview führte Renate Flottau



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