Interview mit Wangari Maathai Bäume als Botschafter

Im Juli interviewte die Zeitschrift "Zenith" Afrikas bekannteste Grüne. Umweltministerin Wangari Maathai über die Anfänge ihrer Organisation, die Bedeutung von Sprache im Umweltschutz, die Schwierigkeiten des Regierens und mächtige Frauen.


Frage:

Frau Maathai, Ihr Green Belt Movement gilt als erfolgreichste Umweltorganisation Afrikas. Sie selbst wurden mit Preisen überhäuft. Hatten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet, als sie vor 27 Jahren mit ihrer Arbeit begannen?

Maathai: Nein, ich hatte keine Ahnung. Zuerst handelte ich mehr nach meinem Instinkt. Wenn ich Probleme erkenne, dann überlege ich mir, was man tun kann. Ich mag es nicht, lange über Probleme zu reden. Als ich also von den Frauen vom Land gehört habe, dass sie kein Feuerholz, kein Futter für die Tiere und kein sauberes Trinkwasser hatten, kam mir die Idee, Bäume zu pflanzen. Dadurch würden die Frauen Feuerholz, Futter für die Tiere und Baumaterial bekommen. Gleichzeitig könnte die Bodenerosion verhindert werden.

Frage: Wo begannen Sie damit, Bäume zu pflanzen?

Maathai: Die ersten Bäume setzten wir in Nairobi. Am 5. Juni 1977, dem Welt-Umwelttag, haben wir dort sieben Bäume gepflanzt. Nur zwei haben bis heute überlebt. Die sind allerdings ziemlich groß. Viele Leute ruhen sich in ihrem Schatten aus, Vögel machen ihr Nest in den Kronen. Sie stehen mitten in der Stadt in einer sehr belebten Gegend. Wenn ich zu meinen Bäumen will, dann muss ich mich an einer ganzen Menge Leute vorbeidrängen. Aber ab und zu gehe ich dorthin, um mich daran zu erinnern, wo und wie wir angefangen haben. Damals waren es sieben Bäume, heute sind es über 30 Millionen. Wir haben eine weite Strecke zurückgelegt.

Frage: War es leicht, die Leute von Ihrem Projekt zu überzeugen?

Maathai: Bäume sind etwas Tolles. Man pflanzt einen winzigen Setzling und der wächst zu einem großen Baum heran. Und bei uns in den Tropen wachsen die Bäume schnell. Kurze Zeit später hat man schon ein Wäldchen. Bäume sind daher sehr gute Botschafter in eigener Sache. Sehr schnell sprach sich herum, wie großartig es ist, Bäume zu pflanzen. Es war aber auch ein sehr wichtiger Anreiz, dass ich den helfenden Frauen ein wenig Geld geben konnte. Das Pflanzen wurde zu einer zusätzlichen Einkommensquelle. Mit Hilfe des Geldes konnten sie ihre mangelhafte Ernährung ergänzen, Schulgeld und andere Dinge bezahlen, die sie sich vorher nicht leisten konnten.

Frage: Woher hatten sie das Geld?

Maathai: Zuerst habe ich Leute gebeten, Patenschaften für einzelne Bäume zu übernehmen. Pro Baum kostete diese dreißig kenianische Schilling, das war damals etwas weniger als ein halber Dollar. Damit konnte ich den Frauen etwas bezahlen, einige Werkzeuge kaufen und meine Reisekosten begleichen. Schließlich musste ich prüfen, ob die Frauen tatsächlich die Bäume gepflanzt haben, wie sie es versprochen hatten. Später habe ich auch von Organisationen Gelder geworben. Zu den ersten, die mich unterstützt haben, zählten Danida, die dänische Entwicklungshilfeagentur, Unifem, die UN-Frauenbehörde und die deutsche Zeitschrift Brigitte.

Frage: Umweltschutz steckte in den 70er Jahren noch in den Kinderschuhen. Konnte die kenianische Öffentlichkeit überhaupt etwas mit ihren Plänen anfangen?

Maathai: Anfangs haben wir gar nicht über Umweltschutz geredet, es ging nur um die Grundbedürfnisse der Frauen. Allerdings wurde bereits 1972 das UN-Umweltprogramm UNEP gegründet, das sein Hauptquartier in Nairobi aufschlug. UNEP hat mir geholfen, einen tieferen Einblick in die Umweltprobleme zu erhalten und die Überzeugung zu festigen, dass Bäume Pflanzen keine so schlechte Sache ist ...

Frage: Nun untertreiben Sie aber.

Maathai: Es war vermutlich eine sehr gute Idee. Aber bis wir das Wort Umwelt benutzt haben, hat es lange gedauert. Auch danach haben viele Leute nicht so ganz verstanden, warum ich so sehr auf diesem Umweltthema herumritt. Anfänglich habe ich vermutlich eher Selbstgespräche geführt, weil keiner mir zuhören wollte. Heute allerdings haben wir erreicht, dass das Umweltbewusstsein in den Köpfen der einfachen Leute und in denen der politischen Entscheidungsträger stark verankert ist. Daher war es kein Zufall, dass ich von der neuen Regierung ins Umweltministerium geholt wurde.

Frage: Umweltprobleme machen an Grenzen nicht Halt. Konnten Sie ihren Erfolg auch in Nachbarländer exportieren?

Maathai: Wir haben es versucht und ein panafrikanisches grünes Netzwerk geschaffen. Wir wollen unsere Erfahrung teilen, wenn es darum geht, einfache, billige Mittel zu finden, um die Umwelt zu schützen. In Ostafrika waren wir einigermaßen erfolgreich, in West- und Zentralafrika dagegen weniger.

Frage: Stellt die Sprachbarriere ein Problem dar?

Maathai: Sprache ist in der Tat ein großes Problem in Afrika. Meist wird angenommen, dass alle Menschen dort Englisch und Französisch sprechen können. Das stimmt nicht. Die Leute in Westafrika z.B. sprechen Französisch, wir in Kenia aber lernen diese Sprache überhaupt nicht. Auch mit den lokalen Sprachen ist es schwierig. Menschen müssen die Informationen über ihre Umwelt in ihrer eigenen Sprache präsentiert bekommen, so dass sie diese mit ihren eigenen Erfahrungen verknüpfen können.

Frage: Können Sie uns erklären, wie Sprache und Umweltschutz zusammenhängen?

Maathai: Zur Zeit haben wir vom Green Belt Movement ein Programm zum Schutz von Vögeln laufen. Ich habe herausgefunden, dass Kinder, wenn sie die Namen von bestimmten Vögeln in ihrer Muttersprache nicht kennen, auch nicht in der Lage sind, sich den Namen auf Englisch zu merken. Wenn diese Vögel dann verschwinden, bekommen sie es gar nicht mit, weil sie nie über diese Vögel geredet haben. Als ich ein kleines Mädchen war, kam eine Vogelart immer in unseren Hof, um dort Hirsekörner zu picken. Wir haben diese Vögel die Hofvögel genannt. Ich habe mit meiner Mutter über sie geredet. Wenn ich diesen Vogel irgendwann nicht mehr sehe, werde ich natürlich fragen: Was bitte ist mit dem Hofvogel passiert? Aber wenn ich den Vogel und seine Eigenarten nicht kenne, wenn ich nicht mit meiner Mutter über ihn rede, dann werde ich ihn auch nicht vermissen, wenn er verschwindet. Daher glaube ich das Sprache besonders wichtig für den Schutz der Umwelt ist.

Frage: Woran liegt es, dass es hauptsächlich Frauen sind, die sich in Ihrer Organisation engagieren?

Maathai: Das liegt vermutlich daran, dass es bei uns in Kenia die Frauen sind, die auf dem Land arbeiten. Daher war es leichter, sie für das Projekt zu gewinnen, da sie es bereits gewohnt sind zu pflanzen. Um die Männer in Schutz zu nehmen, muss ich sagen: Wenn es darum geht, die Setzlinge einzupflanzen, sind sie schon dabei. Sie betrachten die Bäume häufig als wirtschaftliche Investition. Sie wollen in 20 oder 30 Jahren das Holz verkaufen.

Frage: An schnellere wirtschaftliche Gewinne dachte der ehemalige kenianische Präsident Daniel Arap Moi, ein äußerst korrupter Autokrat. Würde eine Frau als Präsidentin Kenias mehr an die Zukunft denken?

Maathai: Frauen hatten bislang noch nie wirklich die Chance, Führungsstärke zu beweisen. Wenn Frauen Machtpositionen innehaben, sind sie immer von einer Horde Männer umgeben. Oft genau von jenen Männern, die schon jahrelang die Staatsgeschäfte geführt haben. Einige Frauen, die Staaten regierten, waren nicht besser als ihre männlichen Vorgänger. Ich will deshalb nicht verallgemeinern. Aber ich kann über mich selbst reden. Ich würde es auf jeden Fall besser machen als die Männer.


Das Interview führten Lisa Heemann und Moritz Behrendt. Mit freundlicher Genehmigung von "Zenith, der Zeitschrift für den Orient"



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