Fotostrecke

Pussy Riot: Punk gegen Putin

Foto: SERGEI KARPUKHIN/ REUTERS

Schriftsteller Jerofejew im Interview "Das Volk wollte eine harte Strafe"

Die Radikalen haben gewonnen: Mit dem Urteil gegen Pussy Riot wendet sich Russland endgültig vom Westen ab, sagt der Schriftsteller Wiktor Jerofejew im Interview. Die Mehrheit der Bevölkerung aber begrüße das drakonische Urteil, "das ist die schreckliche Wahrheit".

SPIEGEL ONLINE: Wie kommentieren Sie das Urteil gegen Pussy Riot?

Jerofejew: Es ist ein Wahnsinn. Das Urteil weckt die Erinnerungen an die schlechtesten Zeiten unserer Geschichte. Es spuckt all denen ins Gesicht, die ein modernes, weltoffenes Russland wollen. Ich fürchte, dieser Wahnsinn ist erst dann zu Ende, wenn eine neue Generation von Politikern heranwächst.

SPIEGEL ONLINE: Warum sprechen Sie von den schlechteste Zeiten russischer Geschichte?

Jerofejew: Weil diese Mädchen in die Geschichte Russlands eingehen werden so wie die Schauprozesse unter Stalin in den dreißiger Jahren oder der Prozess gegen den Dichter Joseph Brodski. Brodski wurde 1964 wegen Rowdytums angeklagt so wie Pussy Riot heute. Es ging aber damals um Politik so wie es heute um Politik geht.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie den Kern der Auseinandersetzung?

Jerofejew: Als die Mädchen von Pussy Riot in die Christ-Erlöser-Kathedrale eindrangen, haben sie mit ihrem 40 Sekunden Auftritt auf eine paradoxe Weise und ohne es zu wollen die Achillesferse des heutigen Russlands getroffen. Die Aktion in der Kirche war für sie nur eine weitere provokative Performance. So wie die Gruppe Woina, was übersetzt Krieg bedeutet, einen Penis auf eine Brücke in Sankt Petersburg projiziert hat, um gegen die Macht der Geheimdienste zu protestieren. Die Kunst ist nun auch in Russland auf die Straße gegangen - so wie sie es in vielen Ländern tut.

SPIEGEL ONLINE: Welchen wunden Punkt hat Pussy Riot berührt?

Jerofejew: Die Vereinigung von Staatsideologie und der Ideologie der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Das iranische Modell: den Gleichklang von Staat und Religion.

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben Sie da nicht?

Jerofejew: Russland steht an einer Weggabel. Noch vor kurzem schien es, als würden wir den Weg nach Westen suchen. Auf Umwegen zwar und mit dem Gepäck unserer langen autoritären Vergangenheit, aber doch den Weg nach Westen. Putin hat nun ganz bewusst Asien gewählt. Liberal ist in meiner Heimat zu einem Schimpfwort geworden. Dabei sind es die Liberalen, die für europäische Werte stehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Putin diesen Kurswechsel vorgenommen?

Jerofejew: Als Reaktion auf die Massenproteste. Der Kreml wendet sich von europäischen Werten ab und einem neuen ideologischen Code zu: der Vereinigung von Staat und Kirche. Unter dem Motto "Orthodoxe Zivilisation" soll eine neue Utopie geschaffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele verfolgt der Kreml damit?

Jerofejew: In einer solchen religiös-orthodoxen Ordnung ist klar, wer Feind und wer Freund ist. Der Staat hält dann die Hebel in der Hand, um das moralische und politische Klima zu steuern. Die Verschärfung vieler Gesetze nach Putins Amtsantritt sah zunächst aus wie ein Pendelausschlag gegen die liberale Zeit unter seinem Vorgänger Dmitrij Medwedew. Durch den Prozess gegen Pussy Riot wurde diese Politik nun für alle sichtbar zum Programm.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte die russische Gesellschaft auf den Prozess?

Jerofejew: Die Mehrheit wollte eine harte Strafe für Pussy Riot. Das ist die Stimme des Volkes. Das ist die schreckliche Wahrheit. Die Mädchen sollen in Stücke gerissen werden. Diese Menschen hatten Großväter und Großmütter, die mit großem Vergnügen zugesehen haben wie die Christus-Erlöser-Kathedrale von Stalin in die Luft gesprengt wurde, weil Religion als Opium für das Volk galt. Die Kathedrale wurde in den neunziger Jahren wiederaufgebaut, in ihr führten Pussy Riot ihre Aktion durch. Der Hass der Gegner von Pussy Riot kommt von der mangelnden Kenntnis der Religion. Sie vergessen, dass die Orthodoxe Kirche eine Tradition der Barmherzigkeit hat. Ja, den Gegnern von Pussy Riot ist selbst die Position der Orthodoxen Kirche noch zu mild. Da wird dann gesagt, dass doch in islamischen Staaten bei einem ähnlichen Vorfall noch viel härter reagiert würde. Wir erleben so etwas wie einen Bürgerkrieg unter dem Teppich.

SPIEGEL ONLINE: Wer steht auf der anderen Seite?

Jerofejew: Die aufgeklärte Gesellschaft. Die nimmt das nicht hin. Sie sind nicht bereit für das iranische Modell. Und auch viele einfache Menschen werden sich damit nicht anfreunden wollen. Sie wollen tanzen, sie wollen Nachtclubs mit nackten Brüsten. Daran haben sie sich in den vergangenen zehn Jahren gewöhnt. Putin hat die private Freiheit garantiert und nicht angerührt. Jeder konnte das Leben führen, das er wollte: Wer Nutte sein wollte, war Nutte. Wer ins Kloster wollte, ging ins Kloster.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in der Orthodoxen Kirche auch Kritiker des Prozesses gegen Pussy Riot. Warum haben diese sich nicht durchgesetzt?

Jerofejew: Die Radikalen rund um den Patriarchen haben gewonnen. Sie haben ihre Chance genutzt. Nach einigem Zögern hat sich die Kirche entschieden, nicht auf Milde, sondern auf Strafe zu setzen. Aus den Lehren des Christentums hat sie nicht den Frieden gewählt, sondern das Schwert. Nicht die Versöhnung, sondern die moralische Vernichtung dieser Mädchen.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau