Interview zur Hassan-Ermordung "Sie haben den Rubikon überschritten"

Mit der Britin Margaret Hassan haben Geiselnehmer im Irak erstmals eine Frau getötet. Damit wurde eine neue Stufe der Gewalt erreicht - und längst nicht die letzte, wie der Terrorismusexperte Rolf Tophoven befürchtet. Die Nachricht dieser Grenzüberschreitung sei: Die Terroristen sind zu grenzenloser Brutalität entschlossen.


Rolf Tophoven: "Ein ganz perfides Vorgehen"
DPA

Rolf Tophoven: "Ein ganz perfides Vorgehen"

SPIEGEL ONLINE:

Erstmals ist eine Frau Opfer der Terroristen im Irak geworden. Einzelfall oder neue Strategie?

Rolf Tophoven: Ich halte das für eine terroristische Strategie, ein ganz perfides Vorgehen, denn die Terroristen setzen durch die Veröffentlichung ihrer Gräueltaten im Internet und in internationalen Medien auf die Schockwirkung entsprechender Bilder. Indem sie Frauen töten, was absolut unislamisch ist, wollen sie möglicherweise auch dokumentieren: "Wir sind zu allem bereit." Sie haben mit dieser Tat sicherlich den menschlichen und auch den strategischen Rubikon überschritten.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckt hinter dieser Tat?

Tophoven: Möglicherweise handelt es sich bei denen, die hier aktiv waren, um eine kriminelle Bande und nicht um eine politische Gruppierung. Die wollten möglicherweise Profit aus der Geiselnahme schlagen. Und als das nicht funktionierte, hat man sich ihrer auf das Brutalste entledigt.

SPIEGEL ONLINE: Woraus schließen Sie das?

Tophoven: Die Sarkawi-Gruppe etwa, die ja schon für viele Entführungen und Hinrichtungen verantwortlich war, hat vor einigen Tagen eine Erklärung zum Fall Margaret Hassan abgegeben. Darin hieß es, die Geiselnehmer sollten die Frau freilassen. Sarkawi operiert in der Zielsetzung anders, mehr in die politische, diplomatische Richtung. Sie entführen ausländische Regierungsmitglieder oder Männer von zivilen Organisationen im Irak.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Terror im Irak noch weiter an Intensität zunehmen?

Tophoven: Ich glaube, dass durch den Fall Falludschas und durch die Tötung eines verletzten Gefangenen in der dortigen Moschee die Reputation der US-Armee weiter leidet. Sie haben längst die Herzen und die Köpfe der Bevölkerung verloren. Das Vorgehen der US-Truppen ist ein Nährboden für einen weiter eskalierenden Terrorismus im Irak.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie mit Anschlägen militanter Islamisten aus dem Irak im Ausland?

Tophoven: Ich glaube, dass sich die Terroroperationen zunächst weiter auf den Irak konzentrieren werden. Denn dort liegt der Kulminationspunkt in der Konfrontation "militanter Islamismus gegen die USA". Was früher Afghanistan war, ist heute der Irak. Je länger diese Auseinandersetzung allerdings dauert, desto weniger ist auszuschließen, dass sich die militanten Islamisten unter dem Motto "heiliger Krieg gegen die Ungläubigen" auch vom Irak entfernen und versuchen, so genannte soft targets der USA und ihrer Verbündeten im Ausland anzugreifen.

Entführervideo: Margaret Hassan arbeitete für die Hilfsorganisation Care
AP/ Al Jazeera

Entführervideo: Margaret Hassan arbeitete für die Hilfsorganisation Care

SPIEGEL ONLINE: Frau Hassan lebte seit 30 Jahren im Irak, hatte die irakische Staatsangehörigkeit, setzte sich für humanitäre Belange ein und war klar gegen den Krieg im Irak. Warum wählen Terroristen so jemanden als Opfer aus?

Tophoven: Das soll vermitteln: Die Brutalität kennt keine Grenzen. Dass diese Frau getötet wurde, was von Millionen Muslimen in der gesamten Welt abgelehnt wird, soll die zu allem bereite Entschlossenheit der Terroristen dokumentieren. Man setzt auf die Schockwirkung der Bilder.

SPIEGEL ONLINE: Hört der Terror im Irak auf, wenn die USA - wann auch immer - dort abziehen?

Tophoven: Solange es eine Regierung gibt, die von US-Gnaden eingesetzt ist, wird es keine Ruhe geben. Das tägliche Feindbild ist immer wieder eine Herausforderung. Die Guerilla greift ja nicht nur Amerikaner an, sondern bewusst Polizeistationen und irakisches Militär. Damit wollen sie demonstrieren: Die Amerikaner können euch auch nicht schützen. Es geht im Grunde darum, dass sich der Zorn der Bevölkerung nicht gegen die Terroristen wendet, sondern gegen die USA. Dass die Menschen auf der Straße sagen: "Ihr seid ja gar keine Befreier mehr sondern Besatzer, ihr könnt ja keine Ruhe herstellen." Und angesichts der Qualität der US-Armee heutzutage muss man ja wirklich Zweifel haben.

Das Interview führte Lisa Erdmann



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