Invasion in Südafghanistan Taliban fordern Nato heraus

Erst eine spektakuläre Gefangenenbefreiung, dann die Einnahme eines ganzen Bezirks nahe Kandahar: Die Taliban demonstrieren Stärke in Afghanistan. 500 Kämpfer haben sich verschanzt - offenkundig wollen die Radikalislamisten einen Angriff der Nato provozieren.

Von


Berlin – Am Wochenende jubelten die Taliban in Afghanistan, nun bereiten sie eine neue Auseinandersetzung mit der afghanischen Armee und der Nato vor. Hunderte Kämpfer nahmen in der Nacht von Montag auf Dienstag einen ganzen Bezirk nordwestlich der Provinzmetropole Kandahar im Süden des Landes ein, verschanzten sich in bis zu zehn Dörfern und rüsten sich nach Aussage von Augenzeugen für einen massiven Kampf.

Straßensperre in Kandahar: Neue Offensive der Taliban-Trupps
DPA

Straßensperre in Kandahar: Neue Offensive der Taliban-Trupps

Schon jetzt haben sie strategisch wichtige Brücken gesprengt und Minen an Straßen gelegt. Es scheint, dass sie nur noch auf den Sturm der ihnen verhassten afghanischen Armee und der internationalen Truppen warten.

Afghanistan-Karte

Afghanistan-Karte

Die neue Offensive der Taliban-Trupps, unter ihnen nach Aussagen von Dorfbewohnern viele Araber, spielt sich in der Region Arghandab rund 15 Kilometer nordwestlich von Kandahar ab. Nach Angaben des Provinzpolizeichefs Sayed Agha Saqeb halten sich mindestens 500 Taliban-Kämpfer in zwei Dörfern im Distrikt Arghandab nördlich von Kandahar verschanzt, andere Quellen sprechen von bis zu zehn Ortschaften, die von den Taliban kontrolliert würden.

Taliban: Region in unserer Gewalt

Der schnelle Vorstoß, nur einige Tage nach der erfolgreichen Befreiung Hunderter Taliban-Kämpfer aus einem Gefängnis in Kandahar, zeigt erneut die Möglichkeiten der Taliban im Süden. Die PR-Abteilung der Taliban bemühte sich am Mittwoch dann auch, die Offensive im Süden in direkten Zusammenhang mit der erfolgreichen Gefangenenbefreiung zu stellen. "Mit der Hilfe unserer in Kandahar befreiten Brüder konnten wir den Bezirk erobern", sagte der Taliban-Sprecher Kari Youusef Ahmadi SPIEGEL ONLINE per Telefon von einem unbekannten Ort.

Ahmadi hatte bereits am Wochenende angekündigt, dass die Befreiten umgehend im Kampf gegen die afghanische Regierung und die Nato eingesetzt würden. Nach der Haft, so der Sprecher, seien sie motiviert, den Weg des Dschihad bis zum letzten zu gehen.

Invasion der Gotteskrieger

Über Nacht waren Hunderte schwer bewaffnete Kämpfer in Pick-ups und auf Motorrädern in Arghandab eingefallen und stießen auf keine Gegenwehr der in dieser Region sehr schwachen afghanischen Armee. Auch die Nato-Truppen, hauptsächlich von Kanada gestellt, reagierten zunächst nicht auf die Invasion der Gotteskrieger.

Afghanistans Armee und die Nato stellt die Einnahme der Region vor ein großes Problem. Zum einen ist das Gebiet taktisch wichtig, da die Taliban vor hier aus neue Angriffe und Operationen starten könnten. Zudem hat Arghandab politisch symbolische Strahlkraft. Bisher galten die Mitglieder des dort vorherrschenden Alakozai-Stamms im Gegensatz zu vielen anderen Gegenden im Süden als Unterstützer der Regierung in Kabul. Würde die Region nach dem Einmarsch ihre Loyalitäten ändern, wäre dies ein weiteres dunkles Vorzeichen für Präsident Karzai.

Wohl auch deshalb setzte Kabul umgehend mehrere Einheiten der afghanischen Armee in Bewegung, um die Region zurückzuerobern. Per Flugzeug wurden mehrere Hundert Soldaten von Kabul nach Kandahar verlegt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sollen die Soldaten schon bald angreifen und die Taliban aus ihren Stellungen vertreiben. Ein Sprecher sagte, schon am Mittwoch seien die Truppen einsatzbereit und würden angreifen.

Zu allem entschlossen

Die afghanische Armee (ANA) wird bei ihrem Vorstoß von der Nato unterstützt werden. Montagabend warfen Hubschrauber Flugblätter über der Region ab, auf denen sie die Bevölkerung vor Angriffen aus der Luft warnte. Den Bewohnern wurde geraten, sich in Sicherheit zu bringen und bei Kampfhandlungen in den Dörfern in ihren Häusern zu bleiben. Die Nato, so ein Sprecher, wolle der Bevölkerung damit zeigen, dass sich ihr Kampf einzig gegen die Taliban richtet.

Der Familienvater Mir Amza, der erst heute morgen aus Arghandab geflohen war, sagte, die Taliban-Kämpfer in seinem Dorf seien zu allem entschlossen. "Sie kamen im Morgengrauen, fast 200 Mann mit Gewehren aber auch mit vielen Raketen", sagte er SPIEGEL ONLINE per Telefon aus Kandahar, "sie sagten uns, dass sie bis zum letzten Mann kämpfen würden."

Schon bevor der Kampf um Arghandab begonnen hat, setzten sich Tausende Afghanen aus der Region ab. Mehr als 700 Familien seien auf dem Weg nach Kandahar, sagten Augenzeugen. Oft mit ihrer ganzen Habe seien die Menschen in Taxis gestiegen oder zu Fuß geflüchtet, berichteten Polizeibeamte aus der Region. Für die Einwohner kommt die Evakuierung zu einem mehr als ungünstigen Zeitpunkt – in einer Woche wollten die Bauen die Ernte auf den Weintraubenfeldern beginnen. Nun müssen sie um alles, was sie haben, bangen.

Mitarbeit: Shoib Najafizada in Masar-e-Sharif



insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BerndSchirra, 17.06.2008
1. Die Nato findet ihren Meister
Unter den Augen der Kanadier fallen die Taliban Krieger in die Städte ein.Die Nato erlebt ihr Vietnam. Der Mensch ist schon ein beschränktes Wesen.Gewalt erzeugt Gegengewalt aber das scheinen die Hardcore Militaristen nie zu begreifen.Deutschland hat in zwei Weltkriegen auf die Nase bekommen,das hat wohl nicht gereicht.
Pancho Villa, 17.06.2008
2. Was soll das?
Zitat von BerndSchirraUnter den Augen der Kanadier fallen die Taliban Krieger in die Städte ein.Die Nato erlebt ihr Vietnam. Der Mensch ist schon ein beschränktes Wesen.Gewalt erzeugt Gegengewalt aber das scheinen die Hardcore Militaristen nie zu begreifen.Deutschland hat in zwei Weltkriegen auf die Nase bekommen,das hat wohl nicht gereicht.
Heiligs Blechle, wieso müssen eigentlich historische Analogien immer so windschief daherhinken? Sie können doch ernsthaft nicht die komplexe Entwicklung des Vietnamkriegs ignorieren - von einem klassischen Kolonialkrieg hin zum Stellvertreterkrieg in der Blockkonfrontation. By the way: Als die Amerikaner in Vietnam ab 1965 nennenswert militärisch intervenierten, hatte der "Vietnamkrieg" volle 18 Jahre gedauert... Der Mensch ist so, wie er immer war. Seit Christi Geburt nicht besser, sondern vor allem schneller. Machen Sie sich doch mal die Mühe und erklären Sie den "Hardcore Militaristen" hier und anderswo, welche Reaktion nach Ihrer Meinung auf die Kriegshandlungen der Taliban angemessen wäre. Und zwar bitte möglichst konkret. Denn: "Gewalt erzeugt Gegengewalt" ist einfach nur eine komplett sinnleere und tendenziell amoralische Floskel. Amoralisch deshalb, weil sie den Unterschied zwischen Recht und Unrecht einebnet, eine Äquidistanz zwischen Aggressor und Angegriffenem herstellt - und damit den Aggressor implizit legitimiert. Eine verzeitgeistigte Spielart der alten "lieber rot als tot"-Leier. Die ganze Sache wäre in dem Moment vorbei, in dem die Taliban schlicht die Waffen niederlegen, an den Verhandlungstisch zurückkehren würden. Dear Germany: There is, it would seem, only one answer. Nazism taught you nothing. Instead of learning that evil must be fought, you learned that fighting is evil. (Denis Prager)
elstevo 17.06.2008
3. ..
Zitat von sysopErst eine spektakuläre Gefangenenbefreiung, dann die Einnahme eines ganzen Bezirks nahe Kandahar: Die Taliban demonstrieren Stärke in Afghanistan. 500 Kämpfer haben sich verschanzt - offenkundig wollen die Radikalislamisten einen Angriff der Nato provozieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,560156,00.html
Darüber muss man sich nicht wundern. Leben und Leben lassen heißt die Deviese für eine friedliche Koexistenz. Stattdessen versuchen wir ständig anderen Kulturkreisen unsere Lebensart aufzuwingen. Offensichtlich will die dort keiner haben. Wer gibt uns das Recht diese Leute zu zwingen wie wir zu leben? Das dies schiefgehen muss ist ja nicht neu. Kennt jemand eine einzige militärische NATO Intervention seit 1990, die zu einer nachhaltigen und jetzt von der NATO unabhängigen Befriedung geführt hat?
Andre232 17.06.2008
4. Weintrauben
---Zitat--- in einer Woche wollten die Bauen die Ernte auf den Weintraubenfeldern beginnen. Nun müssen sie um alles, was sie haben, bangen. ---Zitatende--- Weintrauben aha...hab ich nicht gerade irgendwo gelesen, dass speziell die südlichen Regionen Afghanistans in erster Linie dem Opiumanbau dienen, der sich zufälligerweise seit 2002, seit dem quasi Nullexport unter den Taliban wieder geradezu sagenhaft zum Exportschlager No 1 gemausert hat ? Ist es nicht wunderschön wie immer neue Destabilisierungsmeldungen die ganze Region (in günstiger strategischer Lage zum Iran)unter gepflegter Spannung halten ? Was wären wir bloss ohne die geliebte Nato und unsere '(unter schweren Krawallen und Protesten 1955 eingeführte) Bundeswehr die Deutschland (oder was auch immer) am Hindukush verteidigt ? Da höre ich doch glatt Doris Day ihr schmalziges "que sera" singen und mir kommen die Tränen....und Deutschland weint kräftig mit......(gibts Bären in Afghanistan oder was soll hier aufgebunden werden ?).
Triakel 17.06.2008
5. Wer ist Agressor, wer der Angegriffene?
Zitat von Pancho VillaHeiligs Blechle, wieso müssen eigentlich historische Analogien immer so windschief daherhinken? Sie können doch ernsthaft nicht die komplexe Entwicklung des Vietnamkriegs ignorieren - von einem klassischen Kolonialkrieg hin zum Stellvertreterkrieg in der Blockkonfrontation. By the way: Als die Amerikaner in Vietnam ab 1965 nennenswert militärisch intervenierten, hatte der "Vietnamkrieg" volle 18 Jahre gedauert... Der Mensch ist so, wie er immer war. Seit Christi Geburt nicht besser, sondern vor allem schneller. Machen Sie sich doch mal die Mühe und erklären Sie den "Hardcore Militaristen" hier und anderswo, welche Reaktion nach Ihrer Meinung auf die Kriegshandlungen der Taliban angemessen wäre. Und zwar bitte möglichst konkret. Denn: "Gewalt erzeugt Gegengewalt" ist einfach nur eine komplett sinnleere und tendenziell amoralische Floskel. Amoralisch deshalb, weil sie den Unterschied zwischen Recht und Unrecht einebnet, eine Äquidistanz zwischen Aggressor und Angegriffenem herstellt - und damit den Aggressor implizit legitimiert. Eine verzeitgeistigte Spielart der alten "lieber rot als tot"-Leier. Die ganze Sache wäre in dem Moment vorbei, in dem die Taliban schlicht die Waffen niederlegen, an den Verhandlungstisch zurückkehren würden. Dear Germany: There is, it would seem, only one answer. Nazism taught you nothing. Instead of learning that evil must be fought, you learned that fighting is evil. (Denis Prager)
Das ist in Afghanistan nicht so einfach mit dem Aggressor und dem Angegriffenen. Auf der einen Seite die von Arabern unterwanderten Taliban, die sich zwar auch aus Afghanen rekrutieren, aber eben auch aus vielen Pakistanern und Arabern. Insofern kann man diese Gruppierungen als Aggressor bezeichnen. Und auf der anderen Seite die Soldaten aus einem anderen Kulturkreis, die einen vollkommen machtlosen Marionettenstaat unterhalten, der von Korruption zerfressen ist und nur durch gnädiges Stillhalten der Drogenbarone und Warlords noch pro forma im Amt ist. Auch diese ausländischen Soldaten sind nicht die "Angegriffenen", sondern kämpfen in einem fremden Land. Also sind auch das Aggressoren, egal, wie wir hier im Westen zu den Werten stehen, die dort durchgestzt werden sollen. Natürlich würde ich es als Fortschritt sehen, wenn die z.B. afghanischen Frauen aus dem Joch einer mittelalterlichen Ordnung befreit werden würden. Aber mit Bomben lässt sich schwerlich eine modernere Zivilgesellschaft herbeizaubern. Afghanistan ist von außen nicht zu befrieden und zu modernisieren. Der ständige Nachschub an islamistischen Kombattanten macht jeden scheinbaren Sieg in einem Gebiet zum Pyrrhus-Sieg. Der Westen befindet sich quasi im Treibsand und sinkt ständig weiter ein. Das hätte man wissen können. In Moskau gab es ein paar gebrannte Kinder, die von ihren Erfahrungen in dieser teils unzugänglichen Bergwelt hätten berichten können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.