Iowa-Vorwahl Endspurt in der Eiswüste

Bei Minusgraden und Schnee beginnt die heiße Phase des US-Wahlkampfs. Clinton, Obama, Edwards, Huckabee, Romney - die Kandidaten quälen sich durch den Eisstaat Iowa. Denn wer hier und heute siegt, sichert sich einen wichtigen Vorsprung auf dem Weg ins Weiße Haus.

Aus Des Moines, Iowa, berichtet


Des Moines/Iowa - Adam Hill ist mit dem Kleinbus angereist. Von Tennessee bis Iowa, 1100 Kilometer in 13 Stunden. "Weihnachten noch zu Hause, dann gleich hierher", sagt der 27-jährige Jurastudent. Und so steht er jetzt also, eine Liste mit Namen in der Hand, bei minus 25 Grad Eiseskälte auf einer von hohen Schneewehen gesäumten Vorortstraße in Des Moines. "Morris", sagt er. "Nummer 3255."

Gemeinsam mit seinen Freunden Shad Murb, 20, und Eliza Horn, 19, stapft Hill durch den Schnee aufs Haus mit der Nummer 3255 zu, eines der vielen, fast identischen Holzhäuser in diesem tristen Arbeiterviertel im Osten von Iowas Hauptstadt. Ein handgemaltes Schild kündet, wer hier wohnt: "The Morris". Vor der Tür steht eine kleine Bank. Hill klopft.

Eine ältere Frau öffnet. "Hi, wie geht's, Ma'am?", fragt Hill. "Gehen Sie morgen wählen?" Die Frau bejaht. Cherie Morris heißt sie und trägt trotz arktischer Temperaturen T-Shirt. "Und für wen werden Sie sich entscheiden? Johnny?" Wieder Nicken, wieder Nachhaken: "Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?" Die Frau schüttelt den Kopf. Ein knorriger Mann taucht im Türrahmen auf.

"Johnny" ist John Edwards, der demokratische Präsidentschaftsbewerber. Hill und sein Team sind freiwillige Wahlhelfer, die sich darum kümmern, dass es sich in Iowa bis zur wirklich letzten Tür herumspricht, wer bei der Vorwahl hier der beste Kandidat sei - und die zur Not auch mit arrangiertem Gratistransport zum Wahllokal nachhelfen.

Familie Morris ist eine einfache Übung: "Ich hoffe, Edwards schafft es, für uns Arbeiter", sagt die Frau. "Mein Mann war früher nämlich mal Stahlarbeiter." Marvin Morris hinter ihr grunzt zustimmend. Man verabschiedet sich jovial. Hill blickt auf seine Liste. "Griffin", sagt er. "Nummer 3404."

Straßenkampf um jede Stimme

Nur ein paar Hunderttausend Iowaner wie Herr und Frau Morris bestimmen heute Abend, wen sie als Kandidaten der Demokraten und Republikaner bevorzugen. Und doch kommt diesem Start in die heiße Wahlkampfphase eine überproportionale Bedeutung zu. Das hat mit alter Tradition zu tun, mit urdemokratischen Ritualen, aber auch mit Medienhype: Rund 2500 Journalisten stapfen diesmal mit durch die Schneefelder, mehr als je zuvor in Iowas Geschichte - begierig, jemandem das Etikett Gewinner oder Verlierer zu verpassen.

Wer in Iowa gewinnt, gewinnt nicht unbedingt die Nominierung, aber wer hier abschmiert, dürfte es schwer haben. Und weil sich die Mehrheit der Iowaner traditionell erst in den allerletzten Stunden vor dem abendlichen Stimmgang entscheidet, wird der Endspurt zum Straßenkampf um jede Stimme.

Tür für Tür, Straße um Straße: klopfen, klingeln, buhlen, bitten. Das ist wahre Basisarbeit, vor allem hier, in der endlosen Eiswüste im Herzen der Nation. Nichts bleibt dem Zufall überlassen im Endspurt zur ersten Vorwahl des spannendsten US-Präsidentschaftsrennens seit Jahrzehnten.

Die Liste etwa, die Adam Hill in der Hand hält: Hinter jeder Adresse, jedem Namen steht die bereits telefonisch vorab erkundete Präferenz - "klar für Edwards" (zusätzlich mit einem Kreuz markiert), "tendiert zu Edwards", "unentschieden", "feindlich gesinnt". Die ersten gilt es zu ermutigen, die letzten zu bekehren. Manche, sagt Hill, schlagen ihnen auch die Tür vor der Nase zu. Oder öffnen erst gar nicht.

Klinkenputzen, anrufen, gewinnen

Hill, Murb und Horn gehören zu den Abertausenden jungen Wahlhelfern, die Edwards - wie seine Konkurrenten - aus allen Teilen der USA eigens zu diesem Zweck hergebeten haben. Sie sind die Fußtruppen, im wahrsten Sinne des Wortes: Canvassing heißt das, was sie tun. Klinkenputzen. Hill nennt es lakonisch einfach "Walking" - "Gehen". In Vier-, Sechs-, Acht-Stunden-Schichten. Iowa ist groß.

Verschnaufen können sie in einem Saal, den ihnen die Stahlarbeitergewerkschaft USWA in East Des Moines zur Verfügung stellt. Die USWA unterstützt Edwards als "perfekte Wahl" für die Demokraten, auch wenn Hillary Clinton und Barack Obama hier in Iowa führen.

In einer Ecke der Baracke krümmt sich ein Weihnachtsbaum. Auf einem Tisch ist Aufschnitt angerichtet. An der Wand mahnt ein Schild: "Prioritäten: 1. Klinkenputzen. 2. Klinkenputzen. 3. Klinkenputzen. 4. Anrufen. 5. Gewinnen."

Hier befindet sich eine der zahllosen Phone Banks der Kandidaten, Telefonzentralen für die Wählerwerbung. Zwei Dutzend Helfer murmeln in die Hörer, alle nach dem gleichen Skript: "Gehen Sie morgen wählen? Haben Sie sich entschieden? Brauchen Sie Hilfe? Haben Sie alles für morgen Abend?"

Edwards steht im Ruf, ganz besonders akribisch zu sein: Manche Iowaner klagen, sie bekämen täglich "bis zu zehn" Anrufe von ihm.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.