Irak 2004 - 2009 Gefangen in der Todeszone

Von Hans Hoyng, und Juliane von Mittelstaedt

Iraker gegen Iraker - Protokolle des Grauens


Der Kampf zwischen Schiiten und Sunniten fordert viele Opfer (hier: Bakuba, Februar 2006)
REUTERS

Der Kampf zwischen Schiiten und Sunniten fordert viele Opfer (hier: Bakuba, Februar 2006)

Die Gewaltexzesse gegen Ausländer im Irak zeigen in jenen Jahren nicht die von den Terroristen erwünschte Wirkung. Die USA und ihre Verbündeten weichen nicht zurück. In der Folge richten sich die Aufständischen auch gegen ihre Gegner unter den Einheimischen - vor allem gegen jene, die mit der Besatzungsmacht USA zusammenarbeiten.

Iraker, die bei der Polizei oder als Soldaten anheuern, sind die wichtigsten Ziele von al-Qaida. Dazu finden sich in den Protokollen viele Belege: Im Januar 2005 werfen Aufständische einen geköpften Iraker vor das Jarmuk-Krankenhaus in Bagdad. Einen anderen hängen sie, in seiner Tasche findet sich die Botschaft: "Geht nicht zur Wahl." Im Januar 2006 zerren Terroristen mit Kalaschnikows an einer Kreuzung in Mossul am helllichten Tag einen Mann aus seinem Auto. Sein Vergehen ist offenbar, dass er Nachtwächter an einer Schule ist. Er wird gefesselt, auf den Boden gezwungen - dann rufen sie: "Gott ist groß" und schneiden "ihrem Opfer mit einem Messer den Kopf ab", halten US-Soldaten in einem der Geheimprotokolle fest. Die Terroristen filmen die Szene, als Propaganda- und Drohmaterial.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Militärprotokolle zu einigen ausgewählten Vorfällen - klicken Sie auf die kurzen unterstrichenen Textstellen in roter Farbe, um sie zu lesen
Leichen ohne Kopf, ohne Arme und Beine in einem Plastiksack; Körper und Köpfe, die nicht zusammenpassen - über Tausende Dokumente hinweg geht das so. Die Lektüre der Berichte, so stumpf, monoton und militärisch verklausuliert sie auch abgefasst sind, ist kaum erträglich. Quasi nebenbei haben die US-Soldaten ein Protokoll des Grauens geschrieben, ein Logbuch des mörderischen Alltags.

Nahezu täglich finden die Militärs unmenschlich zugerichtete Opfer. So am 3. November 2007. Das Protokoll vermerkt, eine Irakerin habe sich an US-Soldaten gewandt, weil Islamisten ihrem Baby den Kopf abgeschnitten hätten. Die Offiziere schicken Soldaten los, um die Sache zu prüfen. Am Ende des Berichts heißt es: "Bestätigt, dass das Baby geköpft ist."

Die Soldaten müssen sich im Prinzip jedem Getöteten mit höchster Vorsicht nähern - denn oft sind in den sterblichen Überresten Sprengfallen versteckt. Am 11. Oktober 2007 dokumentieren US-Soldaten, wie sie den Leichnam eines geköpften Mannes finden. Er ist so aufgedunsen, dass die Soldaten vermuten, Terroristen hätten den Leib mit Sprengstoff gefüllt. Sie entschließen sich, wie sie es ausdrücken, "den Rest des Leichnams mit einer Granate zu kremieren".



insgesamt 1528 Beiträge
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Dr.Strangelove, 22.10.2010
1. Krieg
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
Antje Technau, 22.10.2010
2. nein
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
derKanoniker 22.10.2010
3. Natürlich nicht
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
4. Destabilisierung
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
roflem 22.10.2010
5. .
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
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