Irak 2004 - 2009 Gefangen in der Todeszone
US-Soldaten haben im Januar 2005 die Eltern dieses Kindes erschossen - aus Versehen
Foto: Getty ImagesHamburg - Mord und Folter, grausame Misshandlungen und Sabotage - in den Jahren 2004 bis 2009 versank der Irak in Gewalt. Welchen Anteil die irakischen Sicherheitskräfte und Behörden daran hatten, wird nun durch die Geheimprotokolle des US-Militärs deutlich, die WikiLeaks veröffentlicht hat.
Gewalttäter konnten demnach mit Hilfe offizieller Stellen gegen die US-Truppen und gegen die Bagdader Regierung vorgehen; Politiker, Polizei- und Armeeangehörige waren an Angriffen auf US-Truppen und Zivilisten beteiligt. Zuweilen lesen sich die Berichte, als hätten die US-Soldaten ihren Feind nicht mehr erkannt - wer hat wen infiltriert, welche Gruppe steckt hinter welchen Anschlägen? Die Regierung sah dem Treiben vor allem der schiitischen Mahdi-Milizen lange zu. Dazu kommt die Eskalation des Terrors durch Aufständische. Sprengfallen wurden in Babybetten versteckt; Ausländer exekutiert als brutales Signal an den Westen; Leichen zur Abschreckung verstümmelt; Kinder als Bombenkuriere losgeschickt. All dies ist in den Feldberichten der US-Truppen dokumentiert.
So groß die Schwächen der im Einzelnen auch sind (mehr dazu...) - in der Summe zeichnen die Soldaten ein ungemein detailliertes Bild der desolaten irakischen Gesellschaft jener Jahre. Sie machen klar, wie beschädigt die Institutionen des Landes waren und welch fatale Folgen dies für das US-Militär hatte.
Wer die Saboteure und die Mittäter sind, wie die Allianzen der Terrormilizen funktionierten, wie schwer den US-Truppen der Kampf dagegen fiel - die zentralen Erkenntnisse aus den Geheimdokumenten:
Die Mahdi-Armee - Milizionäre und ihre Helfer
Kämpfer der Mahdi-Armee im März 2008 vor einem zerstörten Fahrzeug in Bagdad
Foto: Khaldoon Zubeir/ Getty ImagesViele der Geheimprotokolle, die WikiLeaks jetzt veröffentlichen will, machen deutlich, dass radikale schiitische Milizen in ihrem Kampf gegen die US-Truppen von einfachen Polizisten und Soldaten unterstützt wurden. Aber auch Politiker und hochrangige Polizei- und Armeeangehörige waren ab 2006 bis zum Ende der Berichte im Dezember 2009 an Angriffen auf US-Einheiten und Zivilisten beteiligt. Sie ließen Sprengfallen legen, boten den Milizen Unterschlupf und Waffenlager. Vor allem die schiitische Mahdi-Armee, abgekürzt JAM (mehr auf Wikipedia...), scheint den Protokollen zufolge die Polizei weitgehend infiltriert gehabt zu haben.
Ein Dokument vom 4. August 2006 enthüllt Brisantes über den Chef der Stadtverwaltung von Sadr City, des großen schiitischen Stadtteils in Bagdads Nordosten. Er habe Bauarbeiter angewiesen, beim Teeren mehrerer Straßen alle 200 bis 300 Meter eine Lücke zu lassen. Darin könnten JAM-Milizen ihre Sprengsätze vergraben. Die Straßenarbeiter würden die Lücken dann mit frischem Teer versiegeln. Per Fernsteuerung sollten die Bomben gezündet werden, wenn eine US-Patrouille nach Sadr City vordringt.
Ende Juli 2008 wird einem der US-Dokumente zufolge ein Polizeioberst festgenommen, der mit einem JAM-Führer einen Angriff auf die Polizeiwache in Kanat geplant haben soll. Dort sind US- und irakische Sicherheitskräfte gemeinsam stationiert.
Als sich laut einem Protokoll vom 16. Juli 2006 JAM-Milizen daran machen, Benzin aus einem gestohlenen Tankwagen in das Abwassersystem des sunnitischen Viertels Russafa zu leiten, um es dann in Brand zu setzen, verspricht angeblich ein Major der irakischen Armee Hilfe. Der Mann aus dem Innenministerium "wird die Operation unterstützen, indem er eine Absperrung um den Tankwagen errichten lässt, während dieser das Benzin in das Abwasser ablässt", heißt es in den Dokumenten.
Hunderte solcher Berichte über staatliche Hilfe für die radikalen Eiferer finden sich in der WikiLeaks-Datenbank. Sie zeigen, wie die Grenzen zwischen Aufständischen und Staatsbediensteten verschwimmen.
Tatsächlich können sich JAM-Milizen in Bagdad jahrelang frei bewegen, in Pick-ups, bewaffnet mit Panzerfäusten und Kalaschnikows. Sie tragen oft Uniformen des Innenministeriums, der Armee oder der Polizei. Ausweise des Innenministeriums ermöglichen den schiitischen Kämpfern freien Zugang zu sunnitischen Vierteln - alles unter den Augen der Sicherheitskräfte, wenn nicht mit deren Hilfe. US-Soldaten schildern in ihren Feldberichten, wie die Milizionäre Waffen in Krankenwagen nach Sadr City transportieren und vor Moscheen an ihre Kämpfer verteilen. Für die Transporte wird demnach schon mal eine Beerdigung fingiert; im Sarg des Leichenwagens liegt das Schmuggelgut.
Aus den Berichten geht auch hervor, dass Ermordete oft in der Nähe von Polizeistationen aufgefunden werden. Dass Sprengsätze im Sichtfeld von Kontrollpunkten gelegt werden - wo sie eigentlich entdeckt werden müssten. Dass Waffenlager hinter Polizeistationen angelegt sind. Und dass Polizisten Landsleute foltern, um an Informationen über die US-geführten Besatzungstruppen zu gelangen, die sie dann an die Aufständischen weitergeben.
US-Truppen im Ausnahmezustand - die verwirrten Besatzer
Verletzter US-Soldat in Bagdad (2007): Von überallher kann die Gewalt kommen
Foto: DAMIR SAGOLJ/ REUTERSZuweilen lesen sich die kühlen, nüchternen Feldberichte der US-Soldaten so, als hätten die Autoren den Überblick verloren, mit welchem Gegner sie es gerade zu tun haben, wer genau wen infiltriert hat, welche Aufständischen an welchen Anschlägen beteiligt sind.
An Checkpoints überall im Land führt das regelmäßig zu Katastrophen. US-Soldaten fürchten ständig einen Angriff und schießen lieber früher als zu spät. Ihre Erklärungen lesen sich dann eher wie Ausreden: "Der Mann hielt etwas hinter dem Rücken versteckt", "Bei der Durchsuchung des Toten stellte sich heraus, dass die Waffe aus Plastik war", "Zeugen sagten, der Mann hatte einen Augenfehler".
In anderen Situationen dagegen halten sich die US-Truppen auffällig zurück - zum Beispiel wenn sie Hinweise auf geplante Massaker erhalten. Am 24. November 2006 etwa findet sich ein mit "Angriffsdrohung" überschriebener Bericht. Die Truppen der irakischen Armee würden trotz einer Ausgangssperre zusammen mit schiitischen Milizen um 15.30 Uhr das Viertel Hurrija angreifen, steht da zu lesen. Sogar die beteiligte Armeeeinheit ist benannt: das Erste Bataillon der Ersten Brigade der Sechsten Armeedivision. Ein Oberleutnant überwache "persönlich das Niederbrennen der Nida-Allah-Moschee", steht im US-Protokoll. Die Angriffe dauerten an. Es gebe "wenig Widerstand von den Anwohnern aufgrund der überwältigenden Stärke der Angreifer". Vermerkt wird, dass vier Moscheen und 18 Wohnhäuser brennen. Dass versucht würde, dagegen vorzugehen, wird nicht erwähnt.
Die Erste Brigade der irakischen Armee ist eigentlich eine Vorzeigeeinheit. Sie hat 2005, ein Jahr vor dem Übergriff, als erster irakischer Militärverband die Verantwortung für die Sicherheit in einem Viertel Bagdads übernommen. Sie betreibt mit US-Hilfe die Militärbasis Camp Justice - wo an den Decken der Baracken noch die Haken hängen, an denen unter Saddam Hussein politische Gefangene aufgehängt und gefoltert wurden.
Halbherzige Regierung - später Widerstand gegen die Milizen
Polizisten haben in Hilla Mitglieder der Mahdi-Armee gefasst (März 2008)
Foto: ? STRINGER Iraq / Reuters/ REUTERSErst ab dem Frühjahr 2009 versucht die Regierung halbherzig, die Mahdi-Milizen unschädlich zu machen. In einem US-Protokoll vom 13. Mai 2009 heißt es: "Offenbar ist es für das Innenministerium zu schwierig, direkt gegen Mitglieder der Milizen vorzugehen." Daher würden "Milizionäre wegen krimineller Aktivitäten verhaftet (welche oft genutzt werden, um diese terroristischen Aktivitäten zu finanzieren). Sie identifizieren ihre Ziele als Kriminelle, nicht als Mitglieder von JAM."
Die Milizen reagieren auf die neue Härte. Sie greifen fast täglich hochrangige Mitarbeiter des Innenministeriums an - mit Autobomben, mit Salven aus vorbeifahrenden Autos, mit Brandanschlägen. All dies ist in den jetzt bekannt gewordenen Feldberichten dokumentiert. Innerhalb weniger Tage werden ein Anti-Terror-Fahnder schwer verletzt (3. April 2009) und ein Ermittler mit Schwerpunkt Internationale Kriminalität erschossen (5. April 2009).
Wenn Polizeichefs abgelöst werden sollen, um gegen die Infiltration der JAM in der Polizei vorzugehen, bomben Aufständische auch mal den Nachfolger in die Luft - zusammen mit ihren Helfern bei der Polizei, wie aus einem der US-Dokumente hervorgeht.
Terror gegen Ausländer - Grausamkeit als Psycho-Waffe
Ausschnitt aus einem Terror-Propagandavideo, das die Tötung der Geisel Kim Sun-il zeigt
Foto: HO/ REUTERSWährend die schiitischen Milizen mit Rückendeckung offizieller Stellen gegen ihre Feinde vorgehen, eskaliert ab 2004 - dem ersten Jahr der Protokolle - auch auf der anderen Seite die Gewalt. Sunnitische Gruppen und al-Qaida ziehen überall im Land in den Kampf gegen die westlichen Truppen, die neuen Machthaber und die Schiiten.
Anfänglich richtet sich der der Qaida gezielt gegen Ausländer. Ab 2004 , schneiden ihnen die Köpfe ab oder richten sie auf andere Weise grausam hin, machen Videos von der Exekution und verbreiten sie im Internet. Am Ende werfen sie die Leichen ihrer Opfer oft wie Müll an den Straßenrand. Auch dies ist in den US-Protokollen dokumentiert.
Der Südkoreaner Kim Sun-il, der für ein Zulieferunternehmen der US-Armee arbeitet, ist eines der Opfer. Qaida-Kämpfer entführen ihn 2004, um Südkorea zu erpressen, seine Truppen aus dem Irak abzuziehen. Vergeblich. Die Terroristen köpfen den 33-Jährigen. Seine Leiche wird am 22. Juni jenes Jahres an einer Straße zwischen Bagdad und Falludscha gefunden - präpariert mit Sprengsätzen. Die Soldaten entdecken sie und können sie entschärfen.
Wochen später ein Bericht über einen weiteren Vorfall: Irakische Polizisten finden im Tigris die kopflose Leiche eines Bulgaren. Seine Hände sind hinter dem Rücken zusammengebunden. Am Leib hat der Mann orangefarbene Häftlingskleider. Al-Qaida hat ihn getötet, weil die bulgarische Regierung sich weigerte, auf Forderungen der Entführer einzugehen, und ihre wenigen hundert Soldaten aus dem Irak abzuziehen.
Und so geht es immer weiter - die Terroristen wollen Furcht und Schrecken in den USA und bei ihren Verbündeten verbreiten. Ein Bericht vom 20. September 2004 erzählt den Fall des US-Bürgers Eugene Armstrong. Seine Leiche wird aus einem schwarzen BMW vor eine Moschee in Bagdad geworfen. Der Kopf fehlt, die Arme sind mit Handschellen gefesselt, die Beine mit einem Seil. Im US-Protokoll notiert ein Soldat über seinen Landsmann: "Der Körper war noch warm und das Blut noch nicht dick."
Iraker gegen Iraker - Protokolle des Grauens
Der Kampf zwischen Schiiten und Sunniten fordert viele Opfer (hier: Bakuba, Februar 2006)
Foto: ? Helmiy Al Azawi / Reuters/ REUTERSDie Gewaltexzesse gegen Ausländer im Irak zeigen in jenen Jahren nicht die von den Terroristen erwünschte Wirkung. Die USA und ihre Verbündeten weichen nicht zurück. In der Folge richten sich die Aufständischen auch gegen ihre Gegner unter den Einheimischen - vor allem gegen jene, die mit der Besatzungsmacht USA zusammenarbeiten.
Iraker, die bei der Polizei oder als Soldaten anheuern, sind die wichtigsten Ziele von al-Qaida. Dazu finden sich in den Protokollen viele Belege: Im Januar 2005 werfen Aufständische einen geköpften Iraker vor das Jarmuk-Krankenhaus in Bagdad. Einen anderen hängen sie, in seiner Tasche findet sich die Botschaft: "Geht nicht zur Wahl." Im Januar 2006 zerren Terroristen mit Kalaschnikows an einer Kreuzung in Mossul am helllichten Tag einen Mann aus seinem Auto. Sein Vergehen ist offenbar, dass er Nachtwächter an einer Schule ist. Er wird gefesselt, auf den Boden gezwungen - dann rufen sie: "Gott ist groß" und schneiden "ihrem Opfer mit einem Messer den Kopf ab", halten US-Soldaten in einem der Geheimprotokolle fest. Die Terroristen filmen die Szene, als Propaganda- und Drohmaterial.
Leichen ohne Kopf, ohne Arme und Beine in einem Plastiksack; Körper und Köpfe, die nicht zusammenpassen - über Tausende Dokumente hinweg geht das so. Die Lektüre der Berichte, so stumpf, monoton und militärisch verklausuliert sie auch abgefasst sind, ist kaum erträglich. Quasi nebenbei haben die US-Soldaten ein Protokoll des Grauens geschrieben, ein Logbuch des mörderischen Alltags.
Nahezu täglich finden die Militärs unmenschlich zugerichtete Opfer. So am 3. November 2007. Das Protokoll vermerkt, eine Irakerin habe sich an US-Soldaten gewandt, weil Islamisten ihrem Baby den Kopf abgeschnitten hätten. Die Offiziere schicken Soldaten los, um die Sache zu prüfen. Am Ende des Berichts heißt es: "Bestätigt, dass das Baby geköpft ist."
Die Soldaten müssen sich im Prinzip jedem Getöteten mit höchster Vorsicht nähern - denn oft sind in den sterblichen Überresten Sprengfallen versteckt. Am 11. Oktober 2007 dokumentieren US-Soldaten, wie sie den Leichnam eines geköpften Mannes finden. Er ist so aufgedunsen, dass die Soldaten vermuten, Terroristen hätten den Leib mit Sprengstoff gefüllt. Sie entschließen sich, wie sie es ausdrücken, "den Rest des Leichnams mit einer Granate zu kremieren".
Der Sprengfallen-Krieg - Himmelskinder und todbringende Heimwerker
Dieses Mädchen will sich in Bakuba in die Luft sprengen, holt dann aber Hilfe (August 2008)
Foto: REUTERS/ Iraqi PoliceDer Krieg wird zwischen 2004 und 2007 brutaler. Jeder kann jedermanns Mörder sein - das scheint die Logik dieses Konflikts zu sein. Geführt wird der Krieg mit Tausenden selbstgebastelter Bomben. Sie werden zum Symbol des Terrors im Irak schlechthin.
Die Terroristen von , Todfeinde der Mahdi-Milizen und der US-Truppen, verstecken ihre Sprengsätze auch in Dosen für Babynahrung. Bei Razzien finden US-Soldaten mehrfach fertige Sprengsätze in Säuglingsbetten; in Kuscheltieren für Kleinkinder stecken Handgranaten, und Munition wird demnach gelegentlich in Schulen oder Kindergärten gelagert.
Eine Bastelbombe in einer Taschenlampe "riss den Arm eines Jungen ab und verbrannte ein kleines Mädchen", notiert ein Soldat lapidar in einem Protokoll. Die Kinder werden ins Krankenhaus gebracht. "Sonst nichts zu berichten."
2008 und 2009 haben die Terroristen den Dokumenten zufolge auch Kinder und Jugendliche als wandelnde Bomben missbraucht. Elf- bis 16-Jährige wurden demnach in Gruppen versammelt, die Namen wie Paradiesjungen oder Jugend des Himmels trugen. In den Geheimberichten machen die US-Soldaten klar, wie ernst sie die Gefahr nahmen. Im Mai 2009 schreibt einer: "Neue Berichte deuten auf ein Wiederaufleben der Paradiesjungen hin." Im Detail wird in den Militärprotokollen geschildert, wie die Gruppen funktionieren: "In den meisten Fällen wissen die Kinder nicht, dass sie Bombenkuriere sind. Die Anführer der Paradiesjungen weisen die Kinder an, einen scheinbar unwichtigen Gegenstand an einem bestimmten Ort abzulegen, oder sie zünden den Sprengsatz aus der Entfernung, wenn das Kind ihn noch in der Hand hat." Die Kinder würden mit Geld und Geschenken gelockt - und mit dem Gefühl, dazuzugehören.
2008 sprengt sich ein Jugendlicher in Tarmija in die Luft und verletzt dabei den Sohn eines lokalen Sunniten-Führers, der mit den US-Truppen kooperiert hat. Im selben Monat greifen Kinder in Mossul eine Patrouille der US-Armee mit Granaten an. Wahrscheinlich Paradiesjungen, mutmaßen die Soldaten in einem Feldbericht. Einen der Jungen erschießen sie.
Er ist zwölf Jahre alt.