Irak, 23. November 2006 Ein Tag in der Hölle

Das Grauen des Bürgerkriegs, protokolliert in trockener Militärsprache - die WikiLeaks-Dokumente machen endgültig klar, wie sehr der Irak in den vergangenen Jahren gelitten hat. Folter, Morde, Terror: SPIEGEL ONLINE dokumentiert einen Tag auf dem Schlachtfeld. Der 23.11.2006, wie ihn US-Soldaten sahen.

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Der Krieg schläft nie. Auch nicht an diesem Donnerstag.

Es ist sieben Minuten nach Mitternacht, da greifen US-Soldaten und irakische Kräfte in der Stadt Haditha im Nordwesten des Irak zu. Sie fassen zwei Männer, nach irakischen Geheimdiensterkenntnissen Aufständische. Sie werden festgenommen. Dann kommen sie zum Verhör zur nächsten Einsatzbasis. "No casualties oder damages reported" - keine Opfer oder Schäden, steht später im Protokoll. Ende. Keine weiteren Details.

Das Protokoll von 0.07 Uhr wird als geheim eingestuft. Wie 359 weitere, die an diesem 23. November 2006 in die Datenbank der US-Armee eingehen werden. Routineeinsätze wie die Festnahmeaktion. Aber auch Anschläge, bei denen etliche Menschen sterben werden.

Mehr als 390.000 Dokumente aus den Jahren 2004 bis 2009 hat die Internetplattform WikiLeaks nun veröffentlicht, und sie zeigen den Irak-Krieg aus einer ungewohnten Perspektive: aus der Sicht der Soldaten, die ihn gekämpft und darüber Protokoll geführt haben. Jedes Drama auf dem Schlachtfeld, ob in Bagdad oder Basra, Falludscha oder Haditha wurde von ihnen in 32 standardisierte Felder gepackt, denen dann zu entnehmen ist: x getötete Feinde, x gefallene US-Soldaten, x ums Leben gekommene Zivilisten, Vorfallkategorie, Kurzzusammenfassung, und so weiter.

Ein Konflikt, gepresst in ein Raster. Kein perfektes Raster, denn einige Soldaten haben beim Ausfüllen sicher nicht alles richtig gemacht, und manche dürften auch die Wahrheit hingebogen haben (mehr zu den Schwächen der Protokolle...). Und natürlich ist die Darstellung auch dadurch verzerrt, dass das WikiLeaks-Material nur Protokolle bis zu der Stufe "geheim" enthält, keine streng geheimen, also viele große Vorfälle ausgespart sind. Doch das ist gar nicht das Wesentliche an den Dokumenten. Sie geben vielmehr einen Einblick in die jüngere Geschichte dieses kriegsgeschundenen Landes, wie er der Welt zuvor verwehrt geblieben ist.

Plötzlich kann man minutiös nachvollziehen, wie sich dem US-Militär die Lage dargestellt hat. Zum Beispiel an jenem 23. November 2006. Einem Tag mitten in der blutigsten Zeit der bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen, noch vor der Operation "Surge", die letztlich die Wende zum Besseren brachte.

Die Unterlagen zeigen unter anderem, wie allgegenwärtig selbstgebastelte Sprengsätze im Irak jener Tage sind. Allein an jenem Donnerstag haben die US-Streitkräfte mindestens 91-mal damit zu tun - 58 davon gehen hoch. In den Feldberichten liest sich das so:

  • 1 Uhr: Ein Sprengsatz explodiert in Balad Ruz in der Provinz Dijala. Verletzt wird bei der Detonation in der Nähe eines Privathauses niemand.
  • 2.19 Uhr: In Bagdad explodiert eine Sprengfalle, vier US-Soldaten werden verletzt.

Um 6.41 Uhr geht über Bagdad die Sonne auf, es ist frisch draußen, acht Grad Celsius, drei Minuten später folgender Bericht:

  • 6.44 Uhr: Wieder eine Explosion, diesmal laut erstem Protokoll ein Toter, zwei Verletzte. Das Dokument ist nicht korrekt ausgefüllt - in den Tabellen zu den Opferzahlen steht überall eine Null.
  • Es folgen Detonationen um 7.07 Uhr (Patrouillenfahrzeug fährt auf Sprengfalle, keine Verletzten),
  • um 7.31 Uhr (Versorgungskonvoi an der Route Tampa südöstlich von Tikrit unter Beschuss, Sprengsatz explodiert, keine Verletzten),
  • um 7.45 Uhr (Detonation nahe einer Werkstatt in Bagdad, fünf irakische Sicherheitskräfte sterben)
  • und um 7.55 Uhr (wieder Bagdad, fünf Einheimische werden verletzt).

So geht es weiter, Schlag auf Schlag. Nicht immer sind es Sprengfallen, die den US-Soldaten zu schaffen machen. Mal wird geschossen, mal fallen verdächtige Gegenstände oder Personen auf, es gibt Razzien, Luftangriffe, Patrouillenfahrten.

  • 9 Uhr, Bagdad: Fünf unidentifizierte tote Zivilisten werden entdeckt. Ihre Körper weisen Folterspuren und Schusswunden auf. Alle werden der Rechtsmedizin übergeben. "Keine weiteren Informationen", steht in dem Dokument.
  • 9.40 Uhr, nordöstlich von Bakuba: Bei der Explosion einer Sprengfalle in Muktadija in der Provinz Dijala stirbt ein Junge. Der Leichnam wird ins Krankenhaus von Muktadija gebracht. "Das Kind war vier Jahre alt", notiert der Protokollant.
  • 9.45 Uhr: Eine Fußpatrouille wird in Barwana beschossen, die Geschosse schlagen fünf Meter vor den Soldaten ein. Als Angreifer werden zwei Aufständische ausgemacht, die von einem 200 Meter entfernt liegenden Haus aus mit Sturmgewehren vom Typ AK-47 schießen. Die US-Soldaten erwidern das Feuer mit einem M-249-Maschinengewehr. Die beiden feindlichen Kämpfer flüchten und sind auch nach einer Durchsuchung mehrerer Gebäude und der Umgebung offenbar nicht aufzufinden. Verletzt wird niemand.
  • 13.45 Uhr: Am frühen Nachmittag entdeckt ein Wachposten an der Einsatzbasis Summerall in etwa 300 Metern Entfernung eine Person, die am Straßenrand gräbt, und gibt einen Warnschuss ab. "Die Person hat die Schaufel fallengelassen und sich entfernt. No BDA", keine Schäden festzustellen, heißt es im Protokoll. Dann ein Zusatz: "Der Wachposten schätzt, dass die Person etwa zehn bis zwölf Jahre alt war."
  • 13.45 Uhr, westlich von Falludscha: Eine Patrouille ist im Westen der Aufständischenhochburg Falludscha in einem Konvoi mit einem Siebentonner-Militärlastwagen unterwegs, der Treibstoff geladen hat. Als sich die vier Fahrzeuge des Konvois der Hauptnachschubroute nähern, verlässt ein Geländewagen vom Typ Chevrolet Suburban in Taxifarben eine Nebenstrecke, wendet und rast auf die Militärwagen zu. Zwei können ausweichen, der Siebentonner nicht. "Der Fahrer und der Beifahrer konnten sich aus dem Fahrzeug retten, bevor es in Flammen aufging", vermerkt das Dokument. Unter dem Punkt "Enemy KIA" steht: 1. Ein feindlicher Kämpfer ist tot, "Killed in Action". Es ist der Fahrer des Wagens, der auf die Soldaten zugerast ist.

All das ist Routine in jenen Tagen. Der Alltag ist brutal in diesem Krieg.

Dann, am Nachmittag, der Himmel über Bagdad ist trübe, bricht die Hölle los.

Das Protokoll des Zwischenfalls, von dem an diesem Tag in der ganzen Welt berichtet werden wird, beginnt um 15.38 Uhr. Eine Autobombe sei in Bagdad explodiert, steht da zu lesen. Es klingt wie Dutzende andere Meldungen an diesem Tag. Über Gefechtsschäden sei im Moment nichts bekannt, über Opfer auch nicht, lautet der erste Eintrag.

Der Wetterbericht dieses Tages, noch heute zu finden auf der Website wunderground.com, wird um 15.55 Uhr aktualisiert auf: "Rauch".

Im Kriegslogbuch folgt ein Update, Zeitpunkt 16.56 Uhr: Sechs Autobomben sind in der Schiitenhochburg Sadr City explodiert. Eine weitere wird entschärft. Erste Opferzahlen: 130 getötete Zivilisten, 200 Verletzte.

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Der 23. November 2006: Tod und Zerstörung in Bagdad
Die internationale Nachrichtenmaschine läuft an. Die Nachrichtenagentur AP schickt drei Minuten später die erste Eilmeldung mit Opferzahlen. "Mindestens 115 Tote bei Anschlagserie in Sadr City". Um 17.04 Uhr schließen die Behörden den Internationalen Flughafen von Bagdad. Zur selben Zeit erscheint in Deutschland die erste Meldung auf SPIEGEL ONLINE. Eine weitere mit der Überschrift "Der Tag des Terrors: Ausgangssperre nach schlimmster Anschlagserie seit Kriegsbeginn" folgt Stunden später.

AP schreibt: "Dichte Rauchwolken erheben sich in den wolkenverhangenen Himmel über dem riesigen heruntergekommenen Viertel." Die Straßen seien voller Blut, überall stünden deformierte, verkohlte Autos. In Krankenhäusern werden die teils grausig verstümmelten Überlebenden behandelt - die Attentäter haben auf einem Markt und einer belebten Straße zugeschlagen.

Um 19.15 Uhr wird der Bericht ein weiteres Mal aktualisiert: 133 Tote sind es nun, 201 Verletzte. In der Zusammenfassung heißt es schließlich:

"6 Autobomben
181 Einheimische getötet
247 Einheimische verletzt
Gefechtsschaden unbekannten Ausmaßes"

Später wird sich herausstellen: Es sind 215 Menschen gestorben, 257 werden verletzt.

Was sich nüchtern liest wie eine Inventarliste, beschreibt den Höhepunkt einer der blutigsten Tage während des irakischen Bürgerkriegs.

Die Feldberichte allein dieses 23. November 2006 weisen insgesamt 317 Tote aus. 283 von ihnen waren den Angaben zufolge Zivilisten. Bei etwas weniger als einem Drittel der Toten handelt es sich um Leichenfunde, bei denen nicht klar ist, wann genau sie ums Leben kamen. Schiiten und Sunniten tun sich in jenen Wochen gegenseitig Gewalt an, wobei die Konfession in den Protokollen selten angegeben ist. Viele Menschen werden gefoltert und ermordet aufgefunden, ohne dass die Protokolle auch nur Ansätze von Hintergründen erahnen lassen.

Und trotzdem - rund um die Uhr notieren die Chronisten Zwischenfälle, auch noch bis spät in die Nacht. 70 Berichte über tödliche Ereignisse oder Leichenfunde sind es am Ende im ganzen Irak, die meisten im Herzen des Landes, nur wenige im Norden und Süden, die allermeisten tagsüber, erst in der Nacht wird es weniger.

  • 23.30 Uhr: Eine US-Einheit geht einem Hinweis nach, dass an der wichtigsten Nachschubroute der US-Truppen, der Route Tampa, ein Sprengsatz versteckt sein könnte. Es handelt sich um eine "Landmine vom Format einer Frisbee-Scheibe mit drei Drähten, die aus einer schwarzen Tasche herauskommen" - bei "Frisbee" hat der Protokollant das R vergessen, "Fisbee". Ein Team zur Bombenentschärfung wird angefordert, die Sprengstoffexperten treffen um 1.10 Uhr mit einer schnellen Eingreiftruppe aus Rumänien ein. Rund fünfeinhalb Stunden später das Ergebnis: Es handelt sich um eine Attrappe.
  • 23.59 Uhr: Auf dem Papier der US-Streitkräfte endet der Tag mit zwei Vorfällen ohne Todesopfer. Ein Protokollant meldet den Einschlag dreier Raketen in der Basis al-Raschid. Keine Schäden, keine Verletzten. Zur selben Zeit hält ein Kollege das Ergebnis einer Razzia in Mossul fest: Alle Beteiligten seien zurückgekehrt und hätten "nichts Bedeutendes zu berichten" gewusst.

Was bleibt von diesem 23. November im kollektiven Kriegsgedächtnis des US-Militärs? 360 Meldungen. 317 Tote. Mindestens 373 Verletzte.

Ein Tag im Irak 2006.



insgesamt 1528 Beiträge
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Seite 1
Dr.Strangelove, 22.10.2010
1. Krieg
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
Antje Technau, 22.10.2010
2. nein
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
derKanoniker 22.10.2010
3. Natürlich nicht
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
4. Destabilisierung
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
roflem 22.10.2010
5. .
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
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