Irak-Anhörung Die Stunde der Kriegsmüden

Von , Washington

2. Teil: Ausführungen zur "Schlachtfeld-Geometrie"


Nur: Klare Antworten von Petraeus und Crocker erhalten weder Clinton, Obama noch McCain. Zwar kündigt der General die Heimkehr der rund 30.000 zusätzlichen US-Soldaten bis zum Sommer an - beharrt danach aber auf einer Rückzugspause. Auf Voraussagen für einen weiteren Truppenabzug bis zum Jahresende will er sich gar nicht einlassen. Denn: Der Fortschritt sei zerbrechlich, das Licht am Ende des Tunnels noch nicht sichtbar. Diplomat Crocker ist ähnlich vage in der Definition des Zwischenstandes. Wenn es um konkrete Zahlen gehen soll, sprechen beide von "Schlachtfeld-Geometrie". Von "politisch-militärischem Kalkül."

So winden sie sich und verweigern sich - und die Frustration wächst im Anhörungssaal. Bei Demokrat Carl Levine etwa: Wie viele Soldaten wohl am Ende des Jahres im Irak stationiert sein werden, will der von Petraeus wissen. Der General entgegnet, das könne er nicht sagen. Levin konstatiert seufzend: "Das können Sie mir also nicht sagen."

Joseph Biden, demokratischer Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, versucht es bei Ryan Crocker. Was denn passiere, fragt er Crocker, wenn al-Qaida wieder stärker werde, wenn der Bürgerkrieg neu auflebe, die politischen Fortschritte nicht kämen? Ob dann bald alle wieder hier säßen? Crocker stottert, das könne er sich nicht vorstellen. Aber Biden bleibt hart. Was, wenn? Crocker: "Dann werden wir uns die Umstände anschauen und neu evaluieren." Biden, beinahe zornig: "Ich kann mir keine Umstände vorstellen, unter denen Ihr Leute für Rückzug plädieren würdet."

Doch nicht nur Demokraten heben gereizt die Stimme. Chuck Haqel, einflussreicher republikanischer Senator, ist neugierig: Man habe doch mal von diplomatischen Anstrengungen gesprochen, welche die Truppenaufstockung begleiten sollten. Aber jetzt blättere er im Bericht dazu, "und der ist ziemlich dünn". Hagel liest ein paar Zeilen vor, über halbjährliche Ministertreffen. "Ich sehe Condoleezza Rice nicht nach Art von Henry Kissinger in der Region herumfliegen", bellt Hagel. "Unsere Geduld ist nicht unbegrenzt", ergänzt Hagels Parteifreund John Barroso. Der Republikaner George Voinovich wird noch deutlicher: "Den Amerikanern steht es bis hier."

Die "Washington Post" notiert am Ende des Tages, Petraeus und Crocker hätten diesmal "wenig Begeisterung" bei den Volksvertretern ausgelöst - auch weil denen wohl klargeworden sei, dass sie die Politik in den letzten neun Monaten dieser Regierung kaum noch beeinflussen könnten.

Ein starker Moment - aber auch für Clintons Pläne?

Und dann noch das: Der britische "Guardian" berichtet pünktlich zur Anhörung, das Weiße Haus habe bereits mit der irakischen Regierung den Entwurf eines Rahmenabkommens über eine fortgesetzte amerikanische Militärpräsenz verhandelt - für die Zeit nach dem Auslaufen des Uno-Mandats Ende dieses Jahres. Ohne Absprache mit dem Kongress.

Kann das Weiße Haus so ein Abkommen einfach aushandeln? Mehrere Senatoren nehmen Botschafter Crocker dazu in die Zange. Auch Hillary Clinton. Ob diese Vereinbarung denn dem irakischen Parlament und dem US-Kongress vorgelegt werde, fragt sie den Diplomaten. Das wisse er nicht genau, vielleicht schon, entgegnet der. Und dem US-Kongress? "Ich glaube nicht, dass es der Zustimmung des Kongresses bedarf", sagt Crocker.

Clinton kontert: Es sei doch komisch, dass die Amerikaner, die ihre jungen Männer und Frauen und Milliarden von Steuergeldern geben würden, so eine Vereinbarung nicht erst sehen dürften." "Ich würde Sie ermahnen, ein solches Abkommen dem Kongress zur vollen Begutachtung vorzulegen", sagt sie mit strenger Stimme zu Crocker.

Es ist ein starker Moment. TV-Kommentatoren loben am Abend die Szene - aber vielleicht nicht im Sinne Clintons. Einige sagen nämlich, ihr souveräner Auftritt als Senator zeige, dass dort ihre Zukunft liegen solle. Etwa als Mehrheitsführerin der Demokraten. So könne man ihr auch den Ausstieg aus dem Präsidentenrennen schmackhaft machen.

Da ist er wieder, am Ende des Tages: der Wahlkampf.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.