Irak-Ausschuss Als das "Monster" für Blair zum Kriegsgrund wurde

Er kam durch die Hintertür, Stunden vor Beginn des Untersuchungsausschusses: Britanniens Ex-Premier Blair muss sich für den Krieg gegen Iraks Despoten Saddam Hussein verantworten. Konzentriert, entschieden, manchmal nervös parierte er Fragen und erklärte, warum er 45.000 Soldaten in den Einsatz schickte.

Tony Blair

London - Schon zwei Stunden vor Beginn des Irak-Untersuchungsausschusses traf am Freitag im Kongresszentrum in der Londoner Innenstadt ein. Er wählte den Hintereingang - rund 200 demonstrierende Kriegsgegner warteten dagegen am Haupteingang auf den Mann, der im Jahr 2003 45.000 britische Soldaten in den Golfkrieg geschickt hatte. 179 Briten wurden während des Einsatzes von 2003 bis 2009 getötet. Die Demonstranten skandierten "Tony ins Gefängnis" oder "Blair log, Tausende starben".

Als dann bekannt wurde, dass sich Blair bereits im Gebäude befindet, machte der Vorsitzende einer Friedensbewegung, Andrew Murray, seinem Ärger Luft: "Diese feige und hinterlistige Ankunft ist typisch dafür, wie der ehemalige Premier dem Land den Krieg verkauft hat - hinter dem Rücken der Öffentlichkeit."

Saddam Hussein

Blair trat konzentriert und entschieden vor dem Ausschuss auf, beantwortete die Fragen - und rechtfertigte den von ihm mitverantworteten Krieg. Nur manchmal wirkte er nervös. "Bis zum 11. September haben wir gedacht, sei ein Risiko", sagte der frühere Premier, "ein Monster." Trotzdem habe die Regierung es für möglich gehalten, die Gefahr einzudämmen, die vom irakischen Diktator ausging.

Massenvernichtungswaffen und Schurkenstaaten

Doch dann stürzten in New York die Twin Towers des World Trade Centers zusammen, ein Passagierflugzeug traf das Pentagon, ein Jet zerschellte auf einem Acker im US-Bundesstaat Pennsylvania - und die Einschätzung zu Saddam Hussein änderte sich.

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Irak-Untersuchung: Proteste gegen den "Bliar"

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Die US-Regierung von George W. Bush hatte damals eine Verbindung zwischen al-Qaida und dem Saddam-Regime hergestellt.

Blair sagte jetzt, der 11. September habe die Einschätzung zu dem Diktator "dramatisch verändert", auch wenn sich, wie er einräumte, die ausgehende Bedrohung nicht verändert habe. "Es war unsere Wahrnehmung des Risikos, die sich verschoben hat."

Die Frage, ob Saddam Hussein gestürzt werde müsse, sei zu Beginn des Jahres 2002 erörtert worden. Er habe darüber mit Bush auf seiner Ranch in Texas gesprochen. Blair verneinte jedoch, dass es dort genaue Vereinbarungen für einen Einmarsch gegeben habe. "Wie wir es tun, war eine offene Frage", sagte er. Er hätte jedoch niemals Truppen in den Irak geschickt, wenn er nicht geglaubt hätte, dass es sich um die richtige Entscheidung handele.

Als Begründung für den Krieg hatte Blair in einem im September 2002 vorgelegten Dossier erklärt, Hussein verfüge ohne jeden Zweifel über Massenvernichtungswaffen - solche wurden in dem Land jedoch nie gefunden.

Jetzt sagte Blair: Er sei immer noch der Meinung, dass "Schurkenstaaten" nicht erlaubt werden dürfe, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Blair betonte, er sei sich der "Kehrseite" eines Krieges bewusst gewesen. "Ein militärischer Einsatz ist immer der letzte Ausweg, den man in Erwägung zieht."

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Britische Irak-Invasion 2003: Mit fünf Schuss ins Gefecht

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Es sei damals um "eine absolut machtvolle, klare und nachhaltige Botschaft" gegangen, dass nach den Anschlägen vom 11. September "kein Regime mit Massenvernichtungswaffen mehr toleriert werde", erklärte Blair.

Strafrechtliche Konsequenzen wird es nicht geben

Im Mittelpunkt des Ausschusses steht unter anderem die Frage, was genau Blair über angebliche Massenvernichtungswaffen des Iraks wusste, und ob die britische Regierung mit dem Krieg ohne Uno-Mandat gegen das Völkerrecht verstoßen hatte. Umstritten ist außerdem die Legitimität des Waffengangs.

Der Ausschuss tagt seit November, zahlreiche Regierungsbeamte und ehemalige und amtierende Minister mussten schon aussagen. Es handelt sich um keinen Prozess, deshalb haben die Aussagen keine strafrechtlichen Konsequenzen.

hen/dpa/Reuters/AFP
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