Irak Baker-Kommission schlägt Truppenabzug vor

Der unabhängige Expertenausschuss des US-Kongresses zur Irak-Politik macht sich für einen phasenweisen Abzug der US-Kampfeinheiten bereits ab dem kommenden Jahr stark. Das Pentagon will hingegen zunächst weitere Bataillone in den Irak schicken.


Washington/Amman - Die Kommission unter Leitung des früheren US-Außenministers James Baker will einen schrittweisen Abzug von bis zu 75.000 US-Soldaten aus dem Irak vorschlagen, ohne einen konkreten Zeitplan vorzugeben. Das sehe der Endbericht vor, den die zehn Mitglieder des Gremiums einstimmig abgesegnet hätten, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf gut informierte Kreise.

US-Soldaten im Irak: Abzug oder Aufstockung?
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US-Soldaten im Irak: Abzug oder Aufstockung?

Die von Baker und einem früheren Abgeordneten der Demokratischen Partei, Lee Hamilton, geführte Kommission will in ihrem Abschlussbericht demnach für einen Abzug von 15 Kampfbrigaden plädieren. Eine Brigade umfasst 3000 bis 5000 Mann. Der Kommission gehören jeweils fünf Mitglieder der Republikanischen und der Demokratischen Partei an.

Das Gremium wolle für den Abzug keinen festen Zeitplan nennen, allerdings werde indirekt das nächste Jahr als Starttermin empfohlen. In dem Bericht bleibt voraussichtlich offen, wo die abziehenden US-Soldaten stationiert werden sollen - ob in Stützpunkten in Nachbarländern des Iraks oder in ihrer Heimat USA.

"Konsens erreicht"

Die Kommission will nach Informationen der "New York Times" der US-Regierung außerdem eine neue Nahost-Initiative vorschlagen, die auch direkte Gespräche mit Syrien und Iran beinhaltet.

Die Baker-Kommission hatte seit März Empfehlungen für einen Strategiewechsel erarbeitet, mit denen die sich verschlechternde Sicherheitslage im Irak unter Kontrolle gebracht werden soll. Wie aus Washington verlautete, will sie ihren Bericht am kommenden Mittwoch US-Präsident George W. Bush übergeben. "Wir haben einen Konsens erreicht und werden dies am 6. Dezember bekannt geben", sagte Lee Hamilton. Die Empfehlungen des Gremiums sind für die US-Regierung nicht bindend. Die USA haben derzeit 144.000 Soldaten im Irak stationiert.

Während die Experten-Kommission ihren Abschlussbericht erstellt, plant das Pentagon für Anfang nächsten Jahres die Entsendung von vier weiteren Bataillonen in den Irak, wie Beamte des Verteidigungsministeriums mitteilten. Die zusätzlichen Truppen haben dem Vernehmen nach eine Mannschaftsstärke von insgesamt 3500 Soldaten.

Bush trifft Maliki

Bush ist am Morgen in Amman wie geplant mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki zu einem Frühstück zusammengetroffen. Im Mittelpunkt der Gespräche steht nach US-Angaben die Sicherheitslage im Irak. Bush wolle von Maliki vor allem wissen, welche Strategie der irakische Regierungschef angesichts der Kämpfe zwischen den Religionsgruppen in seinem Land hat. Maliki war von zahlreichen irakischen Gruppen gedrängt worden, das Treffen in Amman abzusagen.

Aus Protest gegen das Treffen erklärten sechs irakische Minister und 30 Abgeordnete, dass sie ihre Zusammenarbeit mit der Regierung bis auf weiteres ausgesetzt hätten. Dabei handelt es sich um Parteigänger des schiitischen Klerikers Muktada al-Sadr, der den Abzug der US-Truppen fordert. Das Treffen in der jordanischen Hauptstadt Amman sei eine "Provokation für die Gefühle des irakischen Volkes", erklärten die Sadristen.

Unterdessen kündigte Südkorea an, bis Ende nächsten Jahres alle 2.000 Soldaten aus dem Irak abzuziehen. Die Entscheidung sei bei einem Treffen mit Kabinettsmitgliedern getroffen worden, teilte die regierende Uri-Partei mit. Das letzte Wort zur Dauer des Einsatzes hat das Parlament. Die koreanischen Soldaten sind in der nordirakischen Stadt Erbil stationiert. Nach den USA und Großbritannien stellt Südkorea bislang das drittgrößte ausländische Truppenkontingent im Irak.

jaf/AFP/AP/dpa



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