Irak Banges Warten auf den Großangriff

Die alliierte Bodenoffensive im Irak könnte in Kürze beginnen: Agenturmeldungen zufolge erhielten die US-Truppen in Kuweit den Befehl, sich für 17.30 MEZ gefechtsbereit zu machen. Zuvor gab es Berichte, dass Artilleriesalven von Kuweit aus in Richtung Irak gefeuert worden seien.




US-Soldaten in voller ABC-Schutzausrüstung warten auf den Einmarsch in den Irak
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US-Soldaten in voller ABC-Schutzausrüstung warten auf den Einmarsch in den Irak

Washington/Bagdad - Die an der Grenze zum Irak stationierten US-Einheiten hätten den Befehl zum "MOP-1-Status" erhalten, Schutzanzüge gegen Chemiewaffen anzulegen und Gasmasken bereitzuhalten. Kommandeure erklärten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Soldaten normalerweise im "MOP-1-Status" in den Kampf ziehen.

Unterdessen wurde deutlich, dass der Blitzangriff der USA auf ein Treffen irakischer Führungskräfte ein Fehlschlag war. Saddam Hussein, dem die Attacke zur Eröffnung des Krieges galt, hielt kurz nach dem Angriff eine Fernsehansprache, bei der es sich nach Ansicht von Experten um eine Live-Sendung handelte. Am Nachmittag erhielten US-Truppen in Kuweit den Befehl zur Gefechtsbereitschaft.

Rumsfeld: Saddams Tage sind gezählt

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestätigte hat am Donnerstag den Angriff auf die irakische Führung in Bagdad. Die Tage des irakischen Regimes seien gezählt, sagte Rumsfeld. Er rief das irakische Militär erneut dazu auf, sich zu ergeben. Die zu erwartende Militäraktion gegen den Irak werde "einen Umfang und ein Ausmaß jenseits aller früheren Auseinandersetzungen haben", warnte der Pentagonchef.

Donald Rumsfeld: Kein Pardon für Kriegsverbrecher
AP

Donald Rumsfeld: Kein Pardon für Kriegsverbrecher

Er rief das irakische Militär auf, die Infrastruktur des Irak intakt zu lassen, keine Dämme zu sprengen oder Ölfelder in Brand zu setzen. Alles andere wäre "ein Verbrechen gegen das irakische Volk", so Rumsfeld. "Das irakische Öl gehört den Irakern" und werde für den Wiederaufbau des Landes gebraucht.

Irakische Soldaten könnten entscheiden, ob sie Saddam Husseins Befehle verweigern und bei der Gestaltung der irakischen Zukunft eine Rolle spielen oder aber im Kampf gegen US-Truppen sterben wollten. "Kriegsverbrechen werden verfolgt", betonte Rumsfeld. Kein Beamter könne auf Amnestie hoffen oder behaupten, nur Befehlen gehorcht zu haben. "Wenn Sie Saddams Befehle befolgen, werden Sie sein Schicksal teilen."

Saddam Hussein überlebt US-Angriff

Die Entscheidung für die vorzeitige Eröffnung des Krieges in der Nacht war kurzfristig gefallen: Die amerikanischen Kriegsplaner wollten die Gelegenheit nutzen, gleichzeitig fünf ranghohe Iraker zu töten. Ein US-Regierungsbeamter sagte, der Angriff habe sich gegen Saddam Hussein gerichtet. Es habe genaue Geheimdienstinformationen über seinen Aufenthaltsort zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben.

Kurz darauf aber hielt der irakische Präsident im staatlichen Fernsehen eine Ansprache, in der er den "Heiligen Krieg" gegen das "amerikanisch-zionistische Bündnis" ausrief. Die Rede war nach Einschätzung israelischer Regierungsexperten wahrscheinlich eine Live-Übertragung. In einer Erklärung des Außenministeriums in Jerusalem hieß es, das dem Ministerium zuarbeitende Zentrum für Politische Forschung in Israel sei nach einer Analyse der Rede zu diesem Schluss gekommen.

Mit einem "gezielten Enthauptungsschlag", so die Militärs, hatte am Morgen der Irak-Krieg begonnen. An dem Angriff gegen einen Gebäudekomplex im Raum Bagdad waren gegen 3.34 Uhr MEZ zwei Tarnkappenbomber des Typs F-117 beteiligt, die vier satellitengesteuerte 900-Kilogramm-Bomben abwarfen. Außerdem wurden mehr als drei Dutzend "Tomahawk"-Marschflugkörper von vier Kriegsschiffen und zwei U-Booten im Persischen Golf und im Roten Meer abgeschossen. CNN und die israelische Zeitung "Ha'aretz" meldeten den Einsatz von US-Spezialtruppen im Süden und Westen des Irak zur Vorbereitung einer Invasion und zur Suche nach Scud-Raketen.

Hoon: Großangriff nur eine Frage der Zeit

Saddam Hussein bei der Fernsehansprache an das irakische Volk
AP

Saddam Hussein bei der Fernsehansprache an das irakische Volk

Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte in London, der Hauptangriff werde in Kürze folgen. In einem BBC-Interview nannte er jedoch keinen genauen Zeitpunkt. "Man kann sicher sagen, dass mehr kommen wird. Das waren nur vorbereitende Aktionen", sagte Hoon zu den ersten Angriffen gegen den Irak. Aus US-Regierungskreisen verlautete dagegen, die nächsten Tage werde es bei begrenzten Luftangriffen bleiben. Hoon betonte, dass britische Truppen eine Schlüsselrolle in dem Krieg spielten.

Der irakische Informationsminister Mohammed Said al-Sahaf sagte, bei den Angriffen sei ein Mensch getötet worden. Unter anderem seien ein Zollgebäude und einige leer stehende Gebäude des Fernsehens getroffen worden.

Irakischer Angriff löst Giftgasalarm aus

Wenig später feuerten die irakischen Streitkräfte Raketen auf Kuweit und Standorte alliierter Truppen. Eine al-Samud-Rakete sei von drei Patriot-Abwehrraketen abgefangen worden, teilte der Kommandeur der 3. Brigade der 101. US-Luftlandedivision, Oberst Michael Linington, mit. Für die Truppen im Camp New Jersey wurde vorübergehend Giftgasalarm ausgelöst.

Im Südirak stürzte in der Nacht zum Donnerstag ein Hubschrauber mit US-Elitesoldaten ab, wie die Streitkräfte berichteten. Dabei habe es sich um einen Unfall noch vor Beginn der Bombardements gehandelt. Es habe keine Opfer gegeben.

Die Raketen wurden von vier US-Kriegsschiffen und zwei U-Booten abgeschossen
REUTERS

Die Raketen wurden von vier US-Kriegsschiffen und zwei U-Booten abgeschossen

Nach Berichten der britischen Nachrichtenagentur PA und der BBC gab es zunächst keine Hinweise darauf, dass britische Streitkräfte an der Anfangsphase des Krieges beteiligt waren. Das britische Verteidigungsministerium lehnte eine Stellungnahme ab.

Nach Angaben des irakischen Informationsministeriums waren bei dem ersten Luftangriff zehn Menschen getötet worden. Das berichtete der Korrespondent des russischen Fernsehkanals ORT aus Bagdad. Eine Bestätigung dieser Angaben aus anderen Quellen gebe es bislang jedoch nicht, hieß es in dem Bericht.

Bodentruppen rücken zur irakischen Grenze vor

Infanterie-Einheiten der US-Streitkräfte rückten näher an die irakische Grenze vor, um sich für einen erwarteten Einmarsch im Irak zu positionieren. Wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters vor Ort berichtete, hatten Soldaten der 3. US-Infanteriedivision ihr Lager in der kuweitischen Wüste verlassen und waren in Richtung der irakischen Grenze gefahren, um vorgeschobene Stellungen zu errichten. Diese liegen außerhalb der entmilitarisierten Zone an der irakisch-kuweitischen Grenze.

Die Nato will am Morgen in Sondersitzungen über den Kriegsbeginn im Irak beraten. "Die Alliierten werden uns über ihr Vorgehen informieren", sagte ein Nato-Sprecher in Brüssel. Das Bündnis warte die weitere Entwicklung ab, habe aber vorsorglich eine höhere Alarmstufe ausgelöst. Die Sicherheitsvorkehrungen seien verstärkt worden.

"Dies ist keine direkte Nato-Aktion", betonte Nato-Sprecher Mike Laity. Die nordatlantische Allianz habe allerdings Kräfte zum Schutz des Bündnispartners Türkei entsandt und fühle sich als wichtigstes Konsultationsorgan auf militärischer Ebene betroffen. Eine formelle Reaktion der Nato auf den Kriegsausbruch werde es aber nicht geben.

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