Irak-Bericht The show must go on

Er war ganz Offizier und Gentleman - aber der US-Oberbefehlshaber im Irak, General Petraeus, hat die Kriegsdebatte bei seinem ersten Auftritt im Kongress nicht befriedet. In seinem Irak-Bericht plädierte er für ein andauerndes Truppenengagement, bei nur minimalem Teilabzug. Die Opposition ist enttäuscht.

Von , New York


New York - Es war die Kulmination einer ausgefeilten professionellen Marketingkampagne. Beim gestrigen Kongressauftritt von General David Petraeus, dem US-Oberbefehlshaber im Irak, überließ das Weiße Haus nichts dem Zufall. In PR-Kreisen nennen sie so was den "Rollout" eines neuen Produkts.

Erste Phase: die Werbekampagne. In diesem Fall ein 15-Millionen-Dollar-"Blitzkrieg" aus patriotischen TV-Spots in den letzten Tagen, finanziert von der Lobbygruppe des Ex-Regierungssprechers Ari Fleischer. Zweite Phase: der "buzz" (künstliche Spannung) - höchste Geheimhaltungsstufe, keine Vorab-Interviews, keine Talkshows, und schon spricht die "New York Times" artig von der wahrscheinlich "folgenreichsten Aussage eines Kriegskommandeurs in über einer Generation". Dritte Phase: das Produkt selbst - Trommelwirbel, Tusch, Auftritt Petraeus.

Soldatenpünktlich betrat der General den Sitzungssaal 345 des US-Repräsentantenhauses, im Blitzlichtgewitter der Paparazzi und vorbeigeschleust am Protestspalier. Er trug seine Paradeuniform, darauf eine eindrucksvolle Ordensammlung. Sein Haar war streng zur Seite gescheitelt, der Nacken militärisch ausrasiert. Er sah aus wie ein Hollywood-General. Alle TV-Networks und Nachrichtensender der USA übertrugen live.

Doch nach all dem Crescendo war Petraeus' Aussage am Ende geradezu nüchtern - ein Eindruck, den die bockige Akustik betonte. Der Kernsatz seines Vortrags - die "bottom line", wie er es formulierte: "Die militärischen Ziele der 'Surge' (der jüngsten US-Truppenaufstockung, Anm. d. Red) werden größtenteils erfüllt." Freilich: "Iraks Probleme erfordern langfristige Anstrengungen." Ergo: Ein "rascher Abzug" würde "gefährliche Folgen" haben. Will heißen: The show must go on.

"General Betray Us"

Petraeus' "Fortschrittsbericht" war knapp, nüchtern und präzise - sowohl schlüssig wie völlig vorhersehbar. Bewaffnet mit Statistiken und Schaubildern erläuterte er, wie man "der irakischen Qaida bedeutende Schläge versetzt" habe. Wie die "ethno-sektiererische Gewalt" abebbe. Wie gut es in der Vorzeigeprovinz Anbar laufe. "Die Sicherheitslage im Irak verbessert sich." Doch gerade deshalb: "Ein vorzeitiger Abzug unserer Truppen hätte wahrscheinlich vernichtende Konsequenzen."

Was Petraeus - diplomatisch flankiert vom US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker - freilich nicht sagte: Seine Statistiken sind umstritten. So stützt er sich, wenn er einen "Rückgang der Gewalt" postuliert, auf enge Zählungen, die zum Beispiel Morde von Sunniten an Sunniten und Schiiten an Schiiten ignorieren. Regierungsunabhängige Studien dagegen sind, mit einer breiteren Methodik, zu weniger schmeichelhaften Schlüssen gelangt.

Hatte jemand etwas anderes erwartet? Der Mann rechtfertigt schließlich seine eigene Strategie - und die seines Oberbefehlshabers, des US-Präsidenten George W. Bush. "General Betray Us", beschimpfte ihn die linke Antikriegsgruppe MoveOn.org in ganzseitigen Zeitungsanzeigen, ihren eigenen Gegen-Propagandafeldzug führend: Petraeus sei nur Bushs Wasserträger.

Eine harsche Vorverurteilung, die aber von der Mehrheit der Amerikaner geteilt wurde. 53 Prozent gaben in einer Gallup-Umfrage an, sie sähen Petraeus als Boten der "Bush-Meinung"; nur 40 Prozent sahen ihn als unabhängig. Nicht durch Zufall schwirrte plötzlich eine frühere Irak-Präsentation als Rückblende durch die US-Presse - der später diskreditierte Uno-Auftritt des damaligen Außenministers Colin Powell, der im Februar 2003 den Irak-Krieg einläutete.

"Das kaufe ich Ihnen nicht ab"

"Ich habe diese Aussage selbst geschrieben", stellte Petraeus höflich-bestimmt klar, ganz Offizier und Gentleman. Doch allein dass der Vier-Sterne-General damit anfangen musste, war bezeichnend für die gereizte Stimmung.

Die entlud sich auch im Saal immer wieder in den lauten Protestschreien von Demonstranten - meist Mitglieder der feministischen Gruppe "Code Pink", angetan in rosaroten Gewändern, die von den Wachbeamten fortgezerrt wurden. "Weg mit Ihnen!", murrte der Demokrat Ike Skelton, der Chef des Streitkräfteausschusses, der sich ungern das Rampenlicht stehlen ließ.

In der Tat hatte es aber bis zuletzt Hoffnungen gegeben, Petraeus werde vielleicht doch etwas Durchschlagendes verkünden, der ausweglosen Thematik zum Trotz. Etwas, das die Karre in Washington aus dem Dreck ziehen könnte.

Doch schon bevor Petraeus seinen Vortrag begann, zerstoben diese Hoffnungen. Und das lag nicht allein an ihm: Demokraten wie Republikaner missbrauchten die erste Sitzungsstunde für Fensterreden, um ihre Standpunkte zum Krieg und zu einem Truppenabzug zu zementieren - egal, was der General hinterher sagen würde.

Petraeus sei "der richtige Mann für den Job im Irak", stichelte Skelton: "Die richtige Person fast drei Jahre zu spät." Kollege Tom Lantos, der den Auswärtigen Ausschuss leitet, war noch bissiger. "Die Regierung hat Sie heute hierher entsandt, um die Mitglieder dieser zwei Ausschüsse und dieses Kongresses zu überzeugen, dass der Sieg bevorstehe", bellte er, bevor der arme Petraeus auch nur einen Ton gesagt hatte. "Bei allem Respekt, ich muss sagen, ich kaufe Ihnen das nicht ab."



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