Irak Blair verweigert Untersuchung zu getöteten Zivilisten

Großbritanniens Premier Tony Blair lehnt Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung zur Zahl der im Irak getöteten Zivilisten ab. Dafür gebe keinen Grund, sagte er heute vor dem Londoner Unterhaus. Schätzungen gehen von bis zu 100.000 toten Zivilisten aus.


London - 46 britische Persönlichkeiten hatten zuvor in einem offenen Brief erklärt, die USA und Großbritannien hätten die Pflicht, die Zahl der getöteten Zivilisten in der anhaltenden Welle der Gewalt zu erfassen. Unter den Unterzeichnern sind der frühere britische Botschafter im Irak, Sir Stephen Egerton, die Menschenrechtlerin Bianca Jagger und der Bischof von Oxford, Richard Harris.

Blair sagte vor dem Parlament, das irakische Gesundheitsministerium sei der richtige Ort, um die Zahl der Toten zu erfassen. Verantwortlich für die zivilen Opfer seien die Aufständischen. "Diese Leute, die heute unschuldige Menschen im Irak töten, die dafür verantwortlich sind, dass unschuldige Menschen sterben, das sind die Terroristen und Aufständischen, die Wahlen im Irak verhindern wollen", sagte Blair. "Alle Handlungen der multinationalen Streitkräfte und der irakischen Armee zielen nur darauf, die Leute zu besiegen, die unschuldige Menschen in die Luft sprengen."

Beobachter gehen davon aus, dass die Veröffentlichung einer Gesamtzahl der irakischen Kriegstoten Blair vor den für Mai erwarteten Unterhauswahlen schaden könnte. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen den von den USA geführten Krieg, in dem die Briten sich als engster Verbündeter erwiesen.

Seit Beginn des Krieges im März vergangenen Jahres kamen mehr als tausend britische und US-amerikanische Soldaten ums Leben. Die Zahl getöteter Iraker wird nicht offiziell gezählt. Nach Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums kamen zwischen April und Oktober dieses Jahres 3853 Zivilisten ums Leben. In einer in der medizinischen Fachzeitschrift "Lancet" im Oktober veröffentlichten Studie gaben US-Wissenschaftler die Zahl der getöteten Zivilisten mit 100.000 an. Kriegsgegner berichten von fast 17.000 Zivilisten, die seit Beginn der alliierten Invasion im Irak getötet worden sein sollen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.