Irak Blutiger Treueschwur für Saddam

Die Amerikaner setzen bei einer Invasion auf eine Rebellion der Schiiten im Süden des Irak. Doch die Clans sind zerstritten, Religionsführer leisteten gar einen Treueschwur auf Saddam - geschrieben mit ihrem eigenen Blut.


Saddam Hussein: Bedrohung durch die Schiiten
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Saddam Hussein: Bedrohung durch die Schiiten

Hamburg - Im Grab von Abbas, dem Onkel des Propheten Mohammed, waren nach dem Golfkrieg von 1991 Dutzende Funktionäre der regierenden Baath-Partei gehängt worden. Doch 50 Mitglieder des Clans von schiitischen Muslimen, die das Grab bewachen, schworen kürzlich Saddam Hussein auf bizarre Art, dass sich der Aufstand nicht wiederholen werde.

"Wir erklären uns freiwillig bereit, unseren siegreichen Irak und sein heiliges Land zu verteidigen", schrieben sie einem Bericht der "New York Times" zufolge in übergroßen Lettern nach Bagdad. "Als loyale Männer verpflichten wir uns, hinter dem Banner des großen Gottes zu stehen und dem teuflischen Westen, den Ungläubigen und dem internationalen Zionismus die Stirn zu bieten." Die Zeilen verfassten die religiösen Führer dem Bericht zufolge in ihrem eigenen Blut.

Doch der Treueschwur könnte im Ernstfall wenig wert sein: Der Süden des Iraks gilt nach wie vor als eine der schwächsten Stellen im Machtgebäude Saddam Husseins. Der Landesteil ist für einen großen Teil der irakischen Ölproduktion verantwortlich, enthält die schmale Landverbindung zum Persischen Golf und gilt als wahrscheinlichster Ort für eine von den USA angeführte Invasion. Zudem ist der Süden die Heimat der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Landes, Saddam Hussein dagegen gehört der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam an.

Im Frühjahr 1991 kam es in Nadschaf, Kerbela und Basra sowie zahlreichen anderen Städten zu blutigen Revolten der Schiiten, ausgelöst durch die zurückkehrenden Soldaten der geschlagenen irakischen Armeen. Funktionäre der Baath-Partei wurden massakriert, das Regime in Bagdad schlug den Aufstand mit Massenhinrichtungen und dem Einsatz schwerer Waffen nieder - was nicht zuletzt der US-Regierung den Vorwurf einbrachte, die Rebellen zuerst über Radiosender aufgestachelt und dann im Stich gelassen zu haben. Auch die Kurden im Norden des Irak wurden Opfer von Vergeltungsmaßnahmen der Regierung.

Brennende Ölquellen im Golfkrieg von 1991: Wirtschaftlicher Schwerpunkt im Süden des Irak
AP

Brennende Ölquellen im Golfkrieg von 1991: Wirtschaftlicher Schwerpunkt im Süden des Irak

Ob sich eine Umsturzstimmung wie 1991 ein zweites Mal erzeugen lässt, bleibt deshalb umstritten. Exilgruppen wie der Irakische Nationalkongress (INC) behaupten, in kürzester Zeit Tausende Kämpfer für eine Rebellion gegen Saddam Hussein mobilisieren zu können. US-Experten zählen jedoch bis zu 73 Splittergruppen, von Islamisten bis hin zu Marxisten. Die schillernden Führer der sechs Hauptgruppen, wegen ihrer Eitelkeit als "Gucci-Kämpfer" bespöttelt, können sich nicht auf viel mehr einigen, als Saddam beseitigen zu wollen. Ahmed Schalabi, Führer der Dachorganisation INC, gilt zwar als populärster Vertreter der Regimegegner, zugleich aber als zu schwach, um in Bagdad nach einem Sturz Saddam Husseins Ordnung zu schaffen.

Dennoch tat der Diktator nach der Rebellion von 1991 alles, um seine Machtposition im Süden des Iraks zu festigen: Die heiligen Stätten der Schiiten wurden mit großem finanziellen Aufwand restauriert, während zugleich unbotmäßige Religionsführer unter geheimnisvollen Umständen verschwanden. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen dokumentierte eine Serie von mysteriösen Unfällen und Morden, die bis in den Sommer vergangenen Jahres hineinreicht - und bezeichnete sie als "systematischen Angriff auf die unabhängige Führung der schiitischen Muslime im Irak". Zudem hat Bagdad unterschiedlichen Berichten zufolge in den vergangenen Monaten die Überwachung der schiitischen Bevölkerung deutlich verschärft.

Nicht nur deshalb gärt es Beobachtern zufolge unter den Schiiten: "Sie wollen mehr Macht und Autonomie für ihre religiösen Behörden", zitiert die "New York Times" einen westlichen Diplomaten. "Der Süden des Irak ist ohne jeden Zweifel die größte Bedrohung für das Regime."



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