Irak Bushs Büßergang zur Uno

Offenbarungseid für die US-Regierung: Angesichts des militärischen Debakels im Nachkriegs-Irak, das schon mit Vietnam verglichen wird, müssen jetzt Präsident Bush und Co. notgedrungen den verhassten Weltsicherheitsrat um Unterstützung bitten. Realitäts-Therapie nennt man das in der Uno und lacht sich ins Fäustchen.

Von , New York


"Die Zeit der Abrechnung ist gekommen": Cowboy Bush in Nöten
AFP

"Die Zeit der Abrechnung ist gekommen": Cowboy Bush in Nöten

New York - Kofi Annan ist ein Geduldsmensch. Im April, als der Irak-Krieg die Uno in die Existenzkrise stürzte, verschickte der Generalsekretär ein internes Memo an seine Mitarbeiter. "Die Uno-Familie", prophezeite er darin väterlich, der Weltuntergangsstimmung im eigenen Haus wacker entgegen wirkend, "wird aus diesem schwierigen Erlebnis relevanter denn je hervorgehen."

Lasst die USA im Irak ruhig erst den Alleingang wagen, fügte er in vertraulichen Gesprächen hinzu: So würden die Amerikaner eben "auf dem harten Weg lernen" müssen, dass sie die Uno am Ende doch noch bräuchten. "Wir nennen das Realitäts-Therapie", sagt Annans Bürochefin Elisabeth Lindenmayer.

Die Therapie hat gewirkt: Angesichts des Militär-Debakels im Irak, das die US-Presse inzwischen mit dem Guerillakrieg in Vietnam vergleicht, erwägt Präsident George W. Bush nach Angaben aus Regierungskreisen jetzt zähneknirschend den Canossagang zum Weltsicherheitsrat. "Wir kommen wieder ins Spiel", freut sich ein Uno-Diplomat schon.

Denn, so die wachsende Erkenntnis im State Department unter interner Wortführung von US-Außenminister Colin Powell: Die Amerikaner brauchen im Irak dringende Schützenhilfe - und zwar am besten in Form einer internationalen Verstärkungstruppe unter blauer Uno-Flagge.

Cowboy Bush braucht Beistand

10 Uhr, Großer Sitzungssaal: Offiziell steht heute der erste Lagebericht des frisch aus Bagdad zurückgekehrten Uno-Sonderbeauftragten Sergio Vieira de Mello auf dem Terminplan des Sicherheitsrats. Als weitere Gastredner geladen sind auch drei Vertreter des irakischen Verwaltungskonzils.

Das wirklich Spannende aber wird sich diesmal am Rande abspielen, in leisen Gesprächen in der Saalecke und in den Ledersesseln der feinen Delegierten-Lounge: "Wie", so ein Insider, "können die USA einen solchen Bittgang ohne Gesichtsverlust inszenieren?"

Uno-Zentrale in New York
DPA

Uno-Zentrale in New York

Fast unbemerkt hat Annan dieser neuen Wendung den Weg gebahnt, in rastlosen Gesprächen in New York und vorige Woche in Washington. Ja, bestätigte er anschließend in typischem Diplomaten-Kode: Im Sicherheitsrat gebe es neue "Diskussionen" um eine "Sprachregelung", um den derzeit bei der USA liegenden militärischen Auftrag im Irak "zu erweitern und internationalisieren".

Klartext: Cowboy Bush braucht den Beistand jener, die er auf dem Ritt in den Irak noch so forsch hatte links liegen lassen. "Die Zeit der Abrechnung ist gekommen", sagt ein Diplomat.

"Ein blutiger Frieden"

Es ist ein unvermeidlicher Bittgang. Mindestens 38 gefallene US-Soldaten seit dem offiziellen "Ende" des Krieges am 1. Mai, täglich neue Angriffe - organisiert als eine "klassische Kampagne im Guerilla-Stil", so John Abizaid, oberster US-General im Irak.

Eine Kampagne, die die US-Regierung überdies im Monat vier Milliarden Dollar kostet - sowie langsam auch die Gunst der öffentlichen Meinung. "Ein blutiger Frieden", kommentierte die "New York Times" am Wochenende, und auch der "New Yorker" mokierte sich gestern laut über "diese schlecht vorbereitete, zunehmend teure und todgefährliche Aktion".

Von wegen Nachkriegs-Irak: "Wie man's auch beschreibt", sagte Abizaid, "dies ist Krieg."

147.000 US-Soldaten sind derzeit im Irak, assistiert von 13.000 aus 19 anderen Staaten. Das nennt Abizaid zwar vorerst "in etwa richtig". Doch hat ein vom Pentagon entsandtes Expertenteam befunden, dass internationaler Flankenschutz jetzt "dringend nötig" sei.

Rufe nach der Wehrpflicht

Das Timing ist pikant: Die neue Irak-Debatte bricht ausgerechnet jetzt los, da beide Seiten - USA und Uno - in einer anderen globalen Schicksalsfrage eng aufeinander angewiesen sind: bei einer gemeinsamen Blauhelm-Lösung für die Krisenregionen Afrikas.

Noch suchen die Hardliner im Pentagon unter Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und im Umfeld von US-Vizepräsident Dick Cheney nach Auswegen aus der Krise, die ihnen einen Offenbarungseid vor der Uno ersparen würden. Zum Beispiel: ein jährlicher Rotationsplan für die GIs; die Mobilisierung der Nationalgarde und des Marine Corps; die Entsendung des Stryker Brigade Combat Team, einer neuen, flexiblen Panzerfahrzeug-Einheit.

Doch die Reserven des freiwilligen US-Militärs sind nahezu ausgeschöpft. Von den 33 Kampfbrigaden der Armee sind bereits 21 im aktiven Einsatz: 16 im Irak, zwei in Afghanistan, zwei in Südkorea und eine im Balkan. Schon werden in den USA wieder erste Rufe nach der Einführung der Wehrpflicht laut.

Nur unter Uno-Kommando

"Wir sehen sicher nicht mit Freude, dass die Amerikaner Probleme haben", sagt Frankreichs Uno-Botschafter Jean-Marc de la Sablière leicht süffisant. Doch würde die US-Regierung mit der Beteiligung anderer Staaten an der Befriedung des Irak zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie würde die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen (und, so ein Diplomat, im schlimmsten Fall "die Schuld fürs Versagen") - und zugleich auch die transatlantischen Verstimmungen ausbügeln.

Die internationale Verstärkung unter Umgehung der Uno aber einfach unter US-Oberkommando zu stellen, wie es dem Weißen Haus am liebsten wäre, hat sich als politischer Stolperstein erwiesen. Fast alle Uno-Mitgliedsstaaten, von ein paar US-freundlichen Ausnahmen in Osteuropa mal abgesehen, sträuben sich dagegen - ein pikantes Echo der Weigerung Washingtons, sich seinerseits in Liberia von Uno-Blauhelmen befehligen zu lassen.

Indien beispielsweise, von dem sich Washington eine komplette Division mit 17.000 Soldaten erhofft hatte und damit eine Sogwirkung für andere asiatische Länder, rudert nun plötzlich zurück: Es werde seine Truppen nur unter den blaubehelmten Oberbefehl der Uno stellen.

Wie genau diese diplomatische Zwickmühle gelöst werden kann, ist noch offen. Zur Diskussion steht ein einfacher Zusatz zur letzten Irak-Resolution des Sicherheitsrats, der Resolution 1483 vom Mai. Oder, wie von Russland gefordert, eine völlig neue Resolution, in der Ziel und Zeitrahmen des Irak-Einsatzes klar definiert würden. Diese Lösung, sagt Moskaus Außenminister Igor Ivanow, sei "der wahrscheinlichste Weg, die Teilnahme einer großen Anzahl von Staaten zu sichern".

Später Wiedergutmachung für Annan

Hinter den Kulissen laufen die Verhandlungen längst auf Hochtouren. Annan traf sich letzte Woche in Washington mit Bush; während sich die Reporter dabei aber ausschließlich aufs Tagesthema Liberia stürzten, erörterten die beiden auch das amerikanische Irak-Dilemma. Derweil fühlte US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice telefonisch bei ausgesuchten Mitgliedern des Sicherheitsrats vor, ihnen eine größere Uno-Rolle im Irak in Aussicht stellend.

Powell, der diesen Weg favorisiert, steht in täglichem Kontakt mit seinem Freund Annan und hat die Frage auch neulich bei seinem Termin mit seinem deutschen Amtskollegen Joschka Fischer angesprochen. "Es gibt Nationen, die den Wunsch nach einem stärkeren Uno-Mandat geäußert haben", räumte Powell nach der Fischer-Visite ein.

Für Annan ist dies alles eine späte Wiedergutmachung. Der Streit um den Irak-Krieg - nach eigenen Worten "die schlimmste Zeit meiner Karriere" - habe ihn um Jahre altern lassen, sagen Vertraute. Als "Kofi Annoying" (Kofi Nervig) haben sie ihn in Washington verspottet. Und in New York meuterten die eigenen Uno-Vasallen, weil er sich angeblich nicht aggressiv genug für sie eingesetzt habe.

Doch Annan hielt still und gab niemandem nach. Typisches Beispiel: Als ihm sein Stab im Mai scharfes Worte gegen die US-Regierung in ein Redemanuskript schrieb, strich er dieses eigenhändig wieder heraus.

Warmer Empfang in Washington

So fand er denn, als er vorige Woche in Washington vorstellig war, einen erstaunlich warmen Empfang. Sowohl Powell als auch Bill Frist, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, deuteten an, dass sie inzwischen eine "Internationalisierung" des Irak-Einsatzes zuneigten, indem an der Mission fortan "andere Regierungen mitbeteiligt" würden.

"Das Problem der Uno liegt nicht am Generalsekretär", sagt Billy Kristol, der Chefredakteur des konservativen "Weekly Standards" und einer der profiliertesten Uno-Kritiker, "sondern am Sicherheitsrat."

Und genau da ist es jetzt wieder gelandet.



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