Irak Das Schreckensregime der Saddam-Söhne

Saddam Husseins Söhne Udai und Kussei genossen im Reich ihres Vaters unumschränkte Macht - und nutzten sie aufs Grausamste. Nun melden sich Dutzende von Zeugen zu Wort, neue Dokumente über die Machenschaften der Brüder sind aufgetaucht. Das Ergebnis ist eine Chronik von Folter, Mord und Vergewaltigung.


Kussei und Udai Hussein: Wichtiger Teil von Saddams Gewaltherrschaft
DPA

Kussei und Udai Hussein: Wichtiger Teil von Saddams Gewaltherrschaft

Washington - Mit dem Auftauchen neuer Dokumente offenbart sich ein Teil von Saddam Husseins Schreckensherrschaft, über den bisher nur Gerüchte kursierten. Saddams Söhne Udai und Kussei standen ihrem Vater in Sachen Grausamkeit offenbar in nichts nach. Insbesondere Udai vergewaltigte, folterte und tötete, berichtet das amerikanische "Time"-Magazin.

Das Blatt hat Dutzende von Dienern, Geschäftspartnern, Leibwächtern, Sekretären, Kollegen und Freunden der beiden Diktatoren-Söhne befragt und zitiert aus mehreren Dokumenten, die nach dem Fall Bagdads von den Alliierten gefunden worden seien.

An erschütternden Geschichten über die Brüder, insbesondere jedoch über Udai, herrscht demnach kein Mangel. Als Erstgeborener wäre Udai eigentlich der natürliche Anwärter auf Saddams Nachfolge gewesen. Saddam aber bevorzugte Kussei, weil der Ältere offenbar selbst dem Diktator zu exzessiv vorging. 1988 etwa, berichtet "Time", ließ Udai Saddams Lieblings-Vorkoster, den Leibwächter Kamel Hanna Jajjo, zu Tode prügeln - weil er Saddam die Frau vorgestellt hatte, die der Diktator später heiratete.

40 Tage Knast für Mord an Leibwächter

Saddam habe drastisch reagiert: Udai sei für 40 Tage im Gefängnis gelandet und dort nach einem Angriff auf einen Wärter verprügelt worden. "Time" zitiert einen Brief, den der inhaftierte Udai seiner Mutter geschickt habe: "Dein Mann wird mich töten", heiße es darin. "Ich werde entweder sterben oder verrückt werden."

Mehr noch als die Herabwürdigung durch den Vater habe ein Attentat zu Udais Aggressivität beigetragen, berichtet "Time". 1996 wurde der damals 31-Jährige bei einem Überfall von acht Kugeln in die linke Körperhälfte getroffen. Laut einem dreiseitigen ärztlichen Bericht habe Udai nur knapp überlebt und einen Schlaganfall sowie einen Hirnschaden erlitten.

Udai Hussein: Vorliebe für extravagante Kleidung und ausschweifende Feste
REUTERS

Udai Hussein: Vorliebe für extravagante Kleidung und ausschweifende Feste

Die Verletzungen, zusammen mit der Demütigung der offenen Bevorzugung seines Bruders durch den Vater, ließen Udai dem Bericht zufolge zum unberechenbaren Sadisten werden. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Attentat habe er unter den Festgästen ein 14-jähriges Mädchen entdeckt. Seine Leibwächter hätten die Tochter eines ehemaligen Provinzgouverneurs unter Drohungen zu Udai gebracht, der sie vergewaltigt habe. Als sich ihr Vater direkt bei Saddam Hussein beschwerte, habe Udai den Ex-Gouverneur unter Todesdrohung gezwungen, auch seine zweite Tochter, ein zwölfjähriges Mädchen, von Udai vergewaltigen zu lassen.

Der Leiter von Bagdads exklusivem Jagdclub berichtete laut "Time" von einer Hochzeit in den späten neunziger Jahren, bei der Udai unerwartet auftauchte. Als er wieder ging, sei plötzlich auch die Braut verschwunden gewesen. Die anwesenden Frauen hätten geweint und geschrien. Der Bräutigam aber habe gewusst, was mit seiner Frau geschehen sei: "Er nahm eine Pistole und erschoss sich", berichtete der Clubleiter.

Vorliebe für mittelalterliches Folterwerkzeug

Im vergangenen Oktober sei eine weitere junge Braut, ein 18-jähriges Mädchen, von Udais Leibwächtern verschleppt worden. Eine Dienerin habe gesehen, wie einer der Wächter das Brautkleid zerrissen habe. Als Udai kam, seien Schreie zu hören gewesen. Anschließend sei die Leiche der jungen Frau auf einer Decke weggetragen worden. Ihre Schulter und die linke Gesichtshälfte seien wie von Säure verätzt gewesen. Auf Udais Matratze habe Blut geklebt, im Schlafzimmer hätten Bündel schwarzer Haare und Fleischfetzen gelegen.

Seine sadistischen Vorlieben lebte Udai laut "Time" auch mit fantasievollen Foltermethoden aus. Der Tag, an dem Saddams Sohn das Internet entdeckte, sei ein "schwarzer Tag" für die Iraker gewesen - weil Udai im weltweiten Datennetz Foltermethoden aus aller Welt und allen Epochen fand. Das Magazin berichtet unter Berufung auf einen Freund der Herrscherfamilie, dass Udai seine Opfer tagelang in Särge steckte oder an den Pranger fesselte. In seiner Funktion als Chef des irakischen Olympischen Komitees ließ Udai erfolglose Sportler quälen, unter anderem mit einer so genannten Eisernen Jungfrau. Das Folterinstrument, ein Sarkophag mit nach innen gekehrten Metallspitzen, wurde nach dem Fall Bagdads im Gebäude des Komitees gefunden.

Kussei mordete für die Politik

Während Udai spontan, zufällig und aus persönlichem Antrieb tötete, setzte Kussei seine Skrupellosigkeit in erster Linie für politische Ziele ein - was ihn letztendlich wohl zum Favoriten seines Vaters machte. Nach der Niederlage im Golfkrieg von 1991 betraute Saddam seinen jüngeren Sohn mit der ersten wichtigen Aufgabe, der Zerschlagung der Schiiten-Aufstände im Süden des Irak.

Kussei, berichtet "Time" unter Berufung auf Augenzeugen, habe eigenhändig mehrere Aufständische erschossen und die Ermordung Hunderter persönlich befohlen. Kussei erledigte seine Aufgabe offenbar zur Zufriedenheit Saddams: Er wurde Oberbefehlshaber der Republikanischen Garde und kommandierte Teile der Geheimpolizei. Vor dem Zusammenbruch des Regimes galt Kussei nach Saddam als mächtigster Mann im Irak.

Der Diktator profitierte auf seine Weise von der Existenz seiner ungleichen Söhne. "Saddam konnte nicht eigenhändig jeden töten, den er töten wollte, und nicht jeden ausspionieren", glaubt der US-Militär- und Geheimdienstexperte Kenneth Pollack. "Dass seine beiden Söhne es für ihn erledigten, war ein kritisches Element seiner Schreckensherrschaft."

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