Blutiger Machtkampf in Nahost Das irakische Puzzle

Dschihadisten marschieren auf Bagdad zu, kurdische Einheiten und schiitische Milizen stellen sich entgegen. Iran verspricht der Maliki-Regierung uneingeschränkte Solidarität. Wer verfolgt welche Ziele und Interessen im Irak?

REUTERS

Von


Wer sind die Isis-Dschihadisten und was wollen sie?

Die Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) gründete sich offiziell im April 2013. Die Organisation entstand aus dem irakischen Zweig des Terrornetzwerks al-Qaida. Inzwischen hat sich Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri jedoch von der Isis distanziert, weil die Dschihadistengruppe in Syrien die Nusra-Front - den syrischen Ableger von al-Qaida - bekämpft.

Anführer von Isis ist Abu Bakr al-Bagdadi. Der Mann ist ein Phantom, nur sehr wenig ist über ihn bekannt. Er wurde Anfang der Siebzigerjahre in Bagdad oder Samarra geboren und ist seit etwa zehn Jahren in irakischen Dschihadistengruppen aktiv. Angeblich soll er die Eroberung Mossuls an vorderster Front befehligt haben. Sicherheitsexperten schätzen, dass Isis mehr als 10.000 Kämpfer zählt - unter ihnen sind Tausende Ausländer. In den vergangenen Tagen haben die Terroristen zudem Tausende Anhänger aus irakischen Gefängnissen befreit, sie dürften die Reihen Dschihadisten nun verstärken.

Das erklärte Ziel von Isis ist die Wiederrichtung des islamischen Kalifats auf dem Gebiet des Irak und Großsyriens - dazu gehören auch der Libanon, Jordanien, Israel und Palästina. Die Gruppe hat die Gebote und Bestimmungen der islamischen Gesellschaft zu Lebzeiten des Propheten Mohammed zum Maßstab ihres Islamischen Staates erklärt. In den von ihr eroberten Gebieten hat Isis drakonische Regeln erlassen.

In den vergangenen Wochen haben die militanten Islamisten die Grenze zwischen Syrien und dem Irak auf Hunderten Kilometern Länge praktisch weggewischt - aus ihrer Sicht eine wichtiger Etappenerfolg im Kampf gegen die Grenzen, die einst von den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich im Nahen Osten gezogen wurden. Auf Twitter haben Isis-Anhänger bereits zum Sturm auf Bagdad gerufen. Die irakische Hauptstadt hat auch deshalb besonderen Symbolwert, weil dort jahrhundertelang die islamischen Kalifen residierten.

SPIEGEL ONLINE
Wie stark ist die irakische Regierung?

Ministerpräsident Nuri al-Maliki hält sich seit 2006 im Amt, stützt seine Macht aber fast ausschließlich auf die Unterstützung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Der Premier hat nichts unternommen, um die sunnitische Minderheit in den neuen Irak zu integrieren. Die Folge ist, dass der Staat die Kontrolle über die sunnitischen Bevölkerungsgebiete westlich und nördlich von Bagdad Stück für Stück verloren hat. Die einflussreichen Stammesverbände in Anbar und anderen Provinzen empfinden keinerlei Loyalität gegenüber der von Schiiten dominierten Zentralregierung.

Die Führung in Bagdad befehligt nach eigenen Angaben mehr als 900.000 Sicherheitskräfte. Die USA hatten die Armee nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 zunächst praktisch aufgelöst - nur um in den Folgejahren schätzungsweise 14 Milliarden US-Dollar in den Neuaufbau des irakischen Militärs zu pumpen. Die Armee ist jedoch ein Scheinriese: Die Moral der Truppen ist auf dem Tiefpunkt, besonders bei jenen, die in den sunnitischen Gebieten stationiert sind. Kommandeure schilderten der "New York Times", das in dem Gebiet um Mossul in den vergangenen Wochen pro Tag bis zu 300 Soldaten desertierten. So ist auch zu erklären, dass Isis mit einigen Tausend Kämpfern große Teile des Irak einnehmen konnte.

Welche Rolle spielen die Kurden?

Nach dem Sturz des Saddam-Regimes hat sich die Autonome Region Kurdistan deutlich friedlicher entwickelt als der Rest des Irak. Ihre Sicherheitskräfte, die Peschmerga, sind gut ausgerüstet und hoch motiviert. Wegen der stabilen Lage haben ausländische Unternehmen in Kurdistan investiert. Inzwischen gibt es sogar eine Pipeline, mit der die Kurden ihr Erdöl zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan liefern können. Die Autonomieregierung hat begonnen, ihren wichtigsten Rohstoff zu exportieren, ohne dass die Regierung in Bagdad an den Erlösen beteiligt wird - ein weiterer Schritt zur kurdischen Unabhängigkeit.

Der Vormarsch der Isis gefährdet den Aufschwung in Kurdistan. Die Region muss nun nicht nur Hunderttausende arabische Flüchtlinge aufnehmen - ihre Kämpfer müssen zudem ein Vorrücken der Dschihadisten verhindern. In den vergangenen Tagen gab es bereits gescheiterte Anschlagsversuche gegen Vertreter der kurdischen Regierung.

Was will die Türkei?

Die Türkei hat das Erstarken der Dschihadisten in Syrien lange gefördert. Die Regierung in Ankara hoffte so auf einen schnellen Sturz des Assad-Regimes in Damaskus. Diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen, stattdessen wird Isis zu einer Gefahr für die Sicherheit der Türkei. Das hat nicht zuletzt die Entführung türkischer Diplomaten aus dem Konsulat in Mossul gezeigt.

Welche Rolle spielt Iran?

Irans schiitisches Regime zeigt sich fest entschlossen, die sunnitischen Dschihadisten mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das Assad-Regime in Syrien und die Maliki-Regierung in Bagdad sind die wichtigsten arabischen Verbündeten Teherans. Sie sollen daher an der Macht bleiben, das ist das oberste regionalpolitische Ziel der iranischen Führung.

Die Regierung von Präsident Rohani hat selbst dem erklärten Erzfeind, der US-Regierung, ihre Unterstützung in Kampf gegen die Dschihadisten versprochen. Die Führung in Teheran weiß, dass Obama kein Interesse hat, in einen neuen Irak-Krieg gezogen zu werden. Offenbar spekuliert Iran darauf, dass Washington im Gegenzug für eine iranische Unterstützung im Irak zu Zugeständnissen auf anderen Feldern bereit sein könnte - etwa im Atomstreit oder in Syrien.

Was bedeutet die Entwicklung für das syrische Regime?

Baschar al-Assad ist der Gewinner der vergangenen Wochen. Für die USA und ihre Verbündeten hat inzwischen nicht mehr der Sturz des Diktators oberste Priorität, sondern der Kampf gegen die Dschihadisten. Assad selbst hat daran einigen Anteil: Während er gemäßigte Rebellengruppen in Syrien rücksichtslos bekämpft, lässt er Isis weitgehend unbehelligt. Das Regime hat zugesehen, wie Isis in der eroberten Stadt Rakka im Verlauf des vergangenen Jahres einen sicheren Rückzugsort geschaffen hat, von dem aus sie ihre Eroberungszüge startete. Nun zahlt sich für Assad aus, dass er Isis gewähren ließ.

insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cvdheyden 13.06.2014
1. Mich würde mal interessieren,
........was Peter Scholl-Latour dazu sagen würde. Das ist der einzige, der das vernünftig erklären könnte. Gibt es irgenwo einen Kommentar von Ihm?
mal so mal so 13.06.2014
2. ok ich habe den artikel gelesen
Zitat von sysopREUTERSDschihadisten marschieren auf Bagdad zu, kurdische Einheiten und schiitische Milizen stellen sich entgegen. Iran verspricht der Maliki-Regierung uneingeschränkte Solidarität. Wer verfolgt welche Ziele und Interessen im Irak? http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-das-wollen-isis-und-kurden-und-die-tuerkei-und-iran-und-syrien-a-975017.html
darf ich nun was schreiben das auch publiziert wird oder fällt alles dem zensor zum opfer? wenn ich den letzten abschnitt richtig verstanden habe ist also assad verantwortlich weil er den isis eine rüchzugsmögöichkeit gab und nicht in der lage war alle isis verbrecher zu eliminieren. also assad böse. sind die saudis die guten und die usa (ok usa immer gut)? oder woher bekommen die ihre waffen? von den russen? putin nehme ich an. dachte ich mir schon das er es ist. immer diese russen.
opinio... 13.06.2014
3. Sunniten, Schiiten, Kurden, Türken
War in diesem Raum nach dem Untergang des Osmanischen Reiches nicht das British Empire aktiv als Kolonial- bzw. Protektoratsmacht und hat letztendlich durch die Grenzziehung den Grund für die heutigen Probleme gelegt? Derselbe Geist, der in der EU für Uneinigkeit sorgt?
StörMeinung 13.06.2014
4. In den von der ISIS eroberten Terretorien hat Syrien den Krieg verloren.
Zitat von sysopREUTERSDschihadisten marschieren auf Bagdad zu, kurdische Einheiten und schiitische Milizen stellen sich entgegen. Iran verspricht der Maliki-Regierung uneingeschränkte Solidarität. Wer verfolgt welche Ziele und Interessen im Irak? http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-das-wollen-isis-und-kurden-und-die-tuerkei-und-iran-und-syrien-a-975017.html
Aber Herr Sydow, Sehen Sie es doch mal so, in den von der ISIS eroberten Territorien hat Syrien den Krieg verloren und konzentriert seine Kräfte, um ein säkulares Kernsyrien zu erhalten. Jeder Stratege würde so vorgehen, dies hat nichts mit rücksichtslosen Verhalten zu tun. Assad und ISIS sind Todfeinde und es gab in der Vergangenheit natürlich heftige militärische Auseinandersetzungen, das wissen sie doch auch. Was soll also dieser neuerliche Anti-Assad-Propagandaquatsch.
Banause_1971 13.06.2014
5. Ui..
.. hier gibt man zu, dass man die Dschihadisten unterstützte, weil man Assad stürzen wollte. Respekt. Ich dachte schon, ich stehe allein mit dieser Behauptung. Aber natürlich ist Assad noch immer Schuld an allem, weil er nicht erbarmungslos genug gegen seine Gegner vorgegangen ist. WAS für ein WITZ. Da wird ihm vorgeworfen, Giftgas einzusetzen und Krieg gegen die eigene Bevölkerung zu führen, und nun ist er auch noch Schuld daran, dass die vom Westen gesponserten Dschihadisten nicht erschlagen wurden. WAS für ein Spagat der Weltpolitik. Ein Kalauer, den sich nur der Westen einfallen lassen konnte, um den schwarzen Peter an Assag zu geben. Nebenbei ist dieser Krieg natürlich perfekt, um von den Greueltaten der Kiew-Regierung gegen die Ostukraine abzulenken. Man munkelt,.. dort wurde Phosphor eingesetzt gegen Ostukrainer (natürlich will man das Putin in die Schuhe schieben).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.