Irak-Debatte Ami, don't go home!

Die US-Demokraten fordern einen Abzug der US-Armee aus dem Irak bis April 2008 - was unter den herrschenden Umständen das Rezept für eine Katastrophe wäre. Dieser Plan eignet sich nicht mal als Druckmittel. Stattdessen muss die US-Armee besser werden.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. "Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen", sagte Herr Wirr, "ich will keine Zeitungen." Herr Keuner sagte: "Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: Ich will andere Zeitungen."

Iraker, US-Soldat: Retten, was zu retten ist
REUTERS

Iraker, US-Soldat: Retten, was zu retten ist

Zugegeben, man kann die US-Armee nicht einfach mit einer Zeitung vergleichen. Trotzdem sollten sich gerade die Gegner der US-Invasion und die Kritiker der US-Praxis im Irak ein Vorbild an der Reaktion des Herrn Keuner in dieser Brecht-Geschichte nehmen. Keine US-Armee ist derzeit nicht die Lösung für den Irak - sondern eine bessere.

Eine, die sinnvoller agiert. Auf gar keinen Fall jedoch eine, die wegrennt und das Land sich selbst überlässt.

Sicher, der erzwungene Abzug als gedemütigte Armee wäre ein Triumph für alle, die den USA und George W. Bush nachweisen wollen, dass sie sich verzettelt haben. (Als wäre das noch nötig.) Aber er hätte Folgen, die die gegenwärtige Tragödie im Nachhinein wahrscheinlich wie ein blasses Vorspiel erscheinen lassen würden. Niemand kann das wollen, auch der größte USA-Hasser nicht.

Denn es steht mehr auf dem Spiel als das Image der USA.

Wenn die USA tatsächlich abziehen würden, weil eine Deadline dies vorsieht und nicht weil die Zustände im Irak es erlauben - was würde dann passieren? Als erstes würde buchstäblich jeder im Irak das Verdienst dafür reklamieren: von Premierminister Nuri al-Maliki über den Schiitenprediger Muktada al-Sadr und die irakischen Aufständischen bis zur irakischen Qaida-Filiale. Und sodann würde jeder weitermachen wie bisher, weil dieses triumphale Ereignis ja den eingeschlagenen Weg rechtfertigt.

Die Anwesenheit der USA ist momentan das kleinere Übel

Würde der Irak dadurch demokratischer, friedlicher, sicherer, vereinigter? Nein. Im Gegenteil. Denn noch dient die US-Armee bei allen Problemen, die ihre Präsenz schafft, auch als Puffer. Anders gesagt: In der Situation, in die sie den Irak gebracht haben, ist die Anwesenheit der USA momentan noch das kleinere Übel.

Ungehindert durch US-Soldaten fiele es Militanten aller Seiten viel leichter, einander abzuschlachten. Der Bürgerkrieg würde wahrscheinlich vollends eskalieren. Und ohne Druck der USA würde al-Malikis Regierung den schiitischen Militanten noch mehr Freiraum für Racheakte gegen Sunniten lassen.

Das Vakuum, das der US-Abzug zur Unzeit hinterließe, würde umgehend von Nachbarstaaten gefüllt, die nur bedingt aufrichtige Motive haben. Saudi-Arabien hat kein Interesse, einen schiitisch dominierten Irak entstehen zu sehen, der sich an den Erz-Konkurrenten Iran anlehnt. Es würde deshalb die sunnitischen Gruppen unterstützen und den Irak damit weiter destabiliseren. Die Türkei würde sich vermutlich endlich so weit unbeobachtet fühlen, um im Nordirak die Separationsversuche der Kurden zu torpedieren - das könnte zu einer neuen Front führen. Nicht auszuschließen ist außerdem, dass in kurzer Zeit eine schiitische Diktatur light im Irak entsteht. Denn wer würde einen solchen Prozess stoppen? Der einzige Gewinner wäre möglicherweise: Iran.

Ja, der Irak-Krieg war ein Fehler. Aber ein überstürzter Abzug macht ihn nicht wieder gut und ist kein absoluter Wert an sich. Nur konsequente Schadensbegrenzung hilft jetzt, und das bedeutet: Bleiben, bis der Irak auf eigenen Füßen stehen kann.

Zu wenig Finger und kein Flickzeug

Leider sind die gegenwärtig angewandten Rezepte nicht erfolgreich. Im Moment agiert die US-Armee wie jemand, der nicht genug Finger hat, um all die Löcher zuzuhalten, aus denen Luft entweicht. Aber noch schlimmer ist: Sie hat kein Flickzeug.

Hier müsste der policy change ansetzen - es müssen andere Rezepte ausprobiert werden. Die US-Armee muss im Irak besser werden, so wie Herr Keuner es sich von den Zeitungen wünscht.

Und besser heißt zum Beispiel: sich nicht in den Bürgerkrieg hineinziehen lassen, wie es jetzt droht, falls tatsächlich Mauern um Bagdads Stadtteile gezogen werden. Dieser Plan mag zwar zunächst einleuchtend klingen, kann sich aber schnell als selbst gebaute Falle entpuppen. Der Plan sieht vor, dass US-Soldaten an befestigten Checkpoints Ein- und Ausgänge kontrollieren. Natürlich werden sie das erste Ziel von Militanten sein. Und die US-Soldaten würden darauf "mit massiver Feuerkraft reagieren - was dann genau die Gegenden zerstört, die 'beschützt' werden", warnt schon jetzt ein US-Offizier laut "Independent".

Die USA haben schwere Fehler gemacht, die sie heute nicht mehr korrigieren können. Die Auflösung der irakischen Armee zum Beispiel, von Abu Ghuraib ganz zu schweigen. Aber die Alternative heißt jetzt nicht Abzug auf Teufel komm raus, weil der sonst wirklich rauskommt. Sondern retten, was zu retten ist.

"Die Amerikaner werden sich Sache nicht ewig ansehen"

Zum Beispiel: Mit viel mehr Aufwand, Geld und Energie als bisher die "neue" irakische Armee aufbauen und trainieren. Und sie nicht halbausgebildet ins Gefecht schicken, wo die Soldaten dann desertieren.

Oder: Dafür sorgen, dass die Einnahmen aus dem irakischen Öl gerecht verteilt werden, um den Sunniten eine wirtschaftliche Perspektive aufzuzeigen, die sich auch für sie aus dem "neuen Irak" ergeben kann.

Oder: Sich weniger wie eine brutale Besatzungsarmee aufführen und deutlicher machen, dass man den Irakern helfen möchte, ihre ärgsten inneren Feinde, die Terroristen, die sich gar nicht um den Irak scheren, auszuschalten.

Oder: Bei der Irak-Konferenz Anfang Mai dafür sorgen, dass diese ein Erfolg wird - ohne dies durch übertrieben aggressive Rhetorik gegen Iran gleich wieder in Frage zu stellen.

Der "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman pries kürzlich die US-Demokraten für ihr Beharren auf einem konkreten Abzugstermin. Dieser Druck erlaube es dem Irak-Kommandeur, General Patraeus, zu den Irakern zu sagen: "Nancy Pelosi ist zwar total verrückt, aber sie hat viele Anhänger. Ich will nicht abhauen, doch die Amerikaner werden sich Sache hier nicht ewig mit ansehen. Ich habe nur noch ein paar Monate."

Fall in die totale Finsternis

Aber diese rhetorische Figur verfängt nicht, weil für jeden offensichtlich ist, dass es ein Bluff wäre. Die USA können es sich schlicht nicht leisten, einen ruinierten Irak zu hinterlassen. Was sollte denn dann die Botschaft an die Iraker und die "arabische Straße" sein: Manchmal stürzen wir eure Führer, manchmal nicht, manchmal bombardieren wir euch, manchmal nicht, manchmal versprechen wir euch Demokratie und Freiheit - aber eigentlich ist es uns egal, was danach bei euch passiert?

Es gibt eine einfache Formel, nach der man bestimmen kann, wann der Zeitpunkt für einen US-Abzug akzeptabel ist: Der Irak darf nicht in einem Zustand zurückgelassen werden, in dem alles schlimmer ist, als es auch sonst im schlimmsten Fall gekommen wäre (natürlicher Tod Saddam Husseins, interne Revolte, Weiter-so). Das ist das Mindeste.

Wenn das bis April 2008 gelingt: Ami, go home! Wenn nicht: Please stay! Und zwar nicht im Interesse der USA - sondern im Interesse des Irak, der es nicht verdient hat, das ihn niemand vom Fall in die totale Finsternis zurückhält.



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Seite 1
Robert Hut, 24.04.2007
1. Träumerle
"Was sollte denn dann die Botschaft an die Iraker und die "arabische Straße" sein: Manchmal stürzen wir eure Führer, manchmal nicht, manchmal bombardieren wir euch, manchmal nicht, manchmal versprechen wir euch Demokratie und Freiheit - aber eigentlich ist es uns egal, was danach bei euch passiert?" Genauso ist es aber! Den Amrikanern ist es wurstegal, was da unten passiert. Hauptsache das Öl fliesst.... Wie kann ein vernünftig denkender Mensch nur glauben, das die USA sich um irgendeien Staat der Welt "kümmern"? Das tun sie nur, wenn ihre Interessen bedroht sind. Ansonsten gilt: Nach uns die Sintflut! Auch jetzt geht es den USA lediglich noch darum, das Gesicht zu wahren. Und, unter uns: Mir ist auch wurstegal, was die Iraker treiben.. sollen sie sich doch gegenseitig abmurksen.. wer sind wir denn, uns anmassen zu können, es besser zu wissen? Erst mal vor der eigenen Haustüre kehren, und wenn da alles in Ordnung ist, kann man auch mal über den Tellerrand schauen.
Revisionist 24.04.2007
2. Laßt die US-Truppen doch da ...
Eine "bessere" Armee ist Illusion, solange die Soldaten so ausgebildet sind, wie sie sind. Solange es keinerlei alternative Strategie und Taktik gibt. Sie werden also weiter im Land hinter Mauern verschanzt bleiben, Verluste erleiden und nichts bewirken. Fianzieren läßt sich das, es wird ja auch daran verdient. Also laßt sie dort, oder handelt mit den Nachbarstaaten eine Abzugsvereinbarung aus, ohne die kommen die Truppen eh nicht bis Kuwait und an die Häfen. So lange die US-Armee im Irak feststeckt, ist der Rest der Welt etwas sicherer vor ihr. Außerdem müssen sich die Terroristen keine neuen Ziele suchen.
swatopluk 24.04.2007
3. Katastrophe jetzt oder später?
Was die Demokraten vorgeben, ist ein weitgehend unverbindliches Datum für den Beginn des Abzuges. Die Gesetzesvorlage enthält mehr als genug Schlupflöcher, die auf eine möglicherweise geänderte Lage Rücksicht nehmen. Die Aussage, daß die US-Armee einfach vernünftiger agieren sollte, ist zwar als solche zutreffend, geht aber an der politischen Realität 98%-ig vorbei. Wir reden über Bush/Cheney! Weder ist eine "gerechtere Verteilung der Öl-Einnahmen" in den Karten, noch eine Aufgabe (oder gar Übergabe) der mit Milliarden-Aufwand gebauten Militärbasen. Das Weiße Haus macht täglich durch die Tat klar, daß Maliki nur ein Aushängeschild sein soll aber jede noch so vernünftige Eigenständigkeit unverzüglich abgewatscht wird (Vorschlag einer gemäßigten Amnestie, Stop der Bagdader Einmauerung etc.). Solange Bush/Cheney das Kommando haben, wird jeder gefeuert, der sich weigert, weiteres Öl ins Feuer zu giessen, damit müssen wir uns wohl abfinden.
Gr.Beisser, 24.04.2007
4. Ami go home asap!
"Abzug der US-Armee aus dem Irak ... das Rezept für eine Katastrophe wäre.." Die Katastrophe ist schon da. Die Amerikaner verlängern und verschlimmern sie nur. Ausserdem sollte man den Folterknechten, Mördern und völkerrechtwidrigen Vasallen Bushs nicht auch noch ein Kriegsverbrechen später als Erolg darstellen lassen. Berechtigte Angst dürfen die, die man aus alternativer Perspektive als Verräter und Kollobarateure bezeichnen kann, haben. Verständlich, wenn die nun rufen "Ami don't go home!"
GMan_78_42, 24.04.2007
5. Genau richtig
Ich gebe dem Autor des Artikels 100%ig Recht. Das war meine Meinung seit dem Ende des Krieges und dem Beginn der Anschläge. Niemand der einigermaßen guten Willens ist und ein bißchen Verstandes hat, kann sich über einen Abzug der Amerikaner aus dem Irak unter den gegenwärtigen Bedingungen freuen. Auch nicht wir "alten Europäer". Man muss nicht für den Krieg gewesen sein, um zu wissen, dass ein Abzug in der gegenwärtigen Verfassung des Iraks verheerend wäre für die meisten Menschen dort, für den Rest an staatlicher Integrität und die ganze Region.
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