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Nach Luftangriffen auf irakische Milizen Demonstranten stürmen US-Botschaft in Bagdad

Nach Angriffen der US-Luftwaffe auf Milizen im Irak haben Tausende Demonstranten die US-Vertretung in Bagdad angegriffen. Der Botschafter und sein Personal mussten in Sicherheit gebracht werden.

Tausende Demonstranten haben die US-Botschaft in der irakischen Hauptstadt Bagdad attackiert, unter ihnen auch zahlreiche Kämpfer von Milizen und einige ihrer Anführer. Auf Fotos in sozialen Netzwerken war zu sehen, wie Demonstranten Mauern der schwer geschützten Botschaft hinaufkletterten und Flaggen der schiitischen Volksmobilisierungseinheiten schwenkten. Sie entfachten Feuer innerhalb der Botschaftsmauern, warfen Steine auf das Zufahrtstor, zündeten amerikanische Flaggen an, zertrümmerten Fensterscheiben und riefen "Tod Amerika".

Der US-Botschafter und seine Mitarbeiter wurden irakischen Regierungskreisen zufolge in Sicherheit gebracht. Nur einige Sicherheitskräfte der Botschaft seien zurückgeblieben. Sie feuerten Tränengas und Blendgranaten auf die Angreifer. Die Nachrichtenagentur AP berichtete außerdem von Schussgeräuschen. Amerikanische Sicherheitskräfte postierten sich auf dem Dach der Botschaft.

Angreifer setzen die Wand der US-Botschaft in Flammen

Angreifer setzen die Wand der US-Botschaft in Flammen

Foto: REUTERS/Thaier al-Sudani

Iraks zurückgetretener Regierungschef Adel Abdel Mahdi forderte die Demonstranten an der US-Botschaft auf, sich umgehend zurückzuziehen. Jedem Angriff auf ausländische Botschaften werde von den Sicherheitskräften hart begegnet, hieß es in einer Mitteilung des Regierungsbüros.

Bereits im Mai hatte das Außenministerium aufgrund der angespannten Sicherheitslage im Irak Teile des Personals in der Botschaft in Bagdad und dem Konsulat in Erbil zeitweise abgezogen. Im September waren zwei Raketen in der Nähe des Botschaftsgeländes in Bagdad eingeschlagen.

Demonstranten überwinden ungehindert Kontrollposten in "Grüner Zone"

Die Demonstranten hatten zunächst an einem Trauerzug für die Getöteten der US-Luftangriffe vom Wochenende teilgenommen. Anschließend gelang es ihnen, alle Kontrollposten zur "Grünen Zone", in der sich die US-Botschaft befindet, ungehindert zu überwinden und zu der US-Vertretung vorzudringen. In dem besonders gesicherten Gebiet im Stadtzentrum von Bagdad befinden sich zahlreiche Ministerien und Botschaften. Als die Demonstranten gewaltsam vorgingen, umstellten zunächst irakische Sicherheitskräfte das Botschaftsgebäude.

Am Sonntag hatten die USA bei fünf Luftangriffen im Irak und in Syrien Einrichtungen der Miliz Kataib Hisbollah angegriffen. Dabei wurden 25 Menschen getötet und 50 weitere verletzt. Die USA gab an, die Luftangriffe seien eine defensive Reaktion auf die anhaltenden Attacken der schiitischen Miliz gegen amerikanische Truppen im Irak. Zuletzt waren bei einem Raketenangriff in der Nähe der nordirakischen Stadt Kirkuk vier US-Soldaten getötet worden.

Der Nationale Sicherheitsrat in Bagdad hatte die Luftangriffe der USA als Verletzung irakischer Souveränität bezeichnet. Die Regierung sehe sich nun gezwungen, die Zusammenarbeit mit den USA in den Bereichen Sicherheit, Politik und Recht zu überdenken. Die vom Iran unterstützte Miliz kündigte Vergeltung für die Angriffe an.

Stimmung in Irak äußerst instabil

Der Irak ist gleichermaßen von den USA und dem mächtigen Nachbarstaat Iran abhängig. Die vom Iran unterstützten Schiiten-Milizen trugen wesentlich zum Sieg über die Extremisten-Miliz IS im Irak bei und gehören inzwischen teils zum regulären Militär des Landes.

Hinzu kommt, dass die Stimmung im Irak bereits seit längerer Zeit äußerst angespannt ist. Nach Bürgerkrieg und dem Kampf gegen den "Islamischen Staat" protestieren seit Anfang Oktober Menschen gegen Korruption und Misswirtschaft. Dabei gibt es immer wieder Tote. Unter dem Druck trat Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi zurück, führt aber noch die Amtsgeschäfte. Iran versucht indes die Bildung einer neuen Regierung zu beeinflussen.

Das gefällt den USA gar nicht: Die Beziehungen zwischen der Regierung von US-Präsident Donald Trump und dem Regime in Teheranhatten sich zuletzt erheblich verschlechtert. Im vergangenen Jahr hatten die USA ihren Ausstieg aus dem Iran-Atomabkommen verkündet. Trump reagierte entsprechend auf die Nachrichten aus dem Irak: Der Angriff sei von Iran orchestriert worden, schrieb er auf Twitter. Er erwarte von den irakischen Sicherheitskräften, die Botschaft zu beschützen.

mfh/AFP/AP/dpa