Schlacht um Mossul Die Kriegsverbrechen der Anti-IS-Kämpfer

Sie foltern mutmaßliche IS-Anhänger, löschen ganze Dörfer aus: Beim Vormarsch im Nordirak machen sich Iraks Armee und ihre Verbündeten schuldig. Für den Kampf gegen die Dschihadisten verheißt das nichts Gutes.

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Der Junge liegt im Sand, kann seine Beine nicht bewegen. Ein Soldat schleift den wehrlosen Jugendlichen über den Boden und legt ihn vor einem Panzer ab. Dann feuern die Kämpfer mit ihren Gewehren auf den Jungen, bevor ihn der Panzer überrollt.

Einer der Soldaten hat diese Szene mit seinem Handy festgehalten, das Video kursiert seit vergangener Woche im Internet. Der Vorfall gilt seither als jüngster Hinweis für Kriegsverbrechen der irakischen Armee und ihrer Verbündeten beim Vormarsch auf Mossul, die letzte Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak.

Auf der Uniform eines der Männer ist deutlich ein Abzeichen mit der irakischen Flagge zu erkennen, Militärsprecher Najim al-Jabouri bestreitet trotzdem, dass irakische Soldaten für den Mord an dem Jungen verantwortlich sind. Auf dem Video seien IS-Kämpfer zu sehen, die sich als irakische Soldaten ausgeben, behauptete Jabouri. Dagegen spricht unter anderem die Tatsache, dass die Aufnahme zuerst auf Fanseiten der Armee auf Facebook aufgetaucht war.

Ministerpräsident Abadi spielt die Taten herunter

Und es gibt weitere Berichte von Gräueltaten: Bewohner der Ortschaften Kajara und Schura gaben gegenüber Mitarbeitern von Amnesty International an, dass Männer in Polizeiuniformen Ende Oktober sechs Menschen erst folterten und dann töteten. Sie hatten die Opfer beschuldigt, IS-Anhänger gewesen zu sein.

Bewohner aus anderen Orten im Umland von Mossul schilderten, dass Männer in Polizeiuniformen ihre Verwandten mit Kabeln und Gewehrkolben geschlagen hätten. Einem Mann sei zudem der Bart angezündet worden.

Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi kritisierte den Amnesty-Bericht scharf, weil er die Sicherheit der Menschen in Mossul gefährde. Meldungen über Verbrechen der Sicherheitskräfte würden nämlich dazu führen, dass die Einwohner von Mossul versuchten, aus der Stadt zu fliehen und dadurch ins Kreuzfeuer gerieten.

Ähnlich äußerte sich der Premierminister über einen Bericht von Human Rights Watch (HRW). Darin wies die Menschenrechtsorganisation nach, dass Regierungstruppen Anfang Oktober mindestens einen IS-Kämpfer in Kajara kaltblütig töteten, nachdem dieser sich bereits ergeben hatte. Die Leichen von vier anderen mutmaßlichen IS-Terroristen wurden geschändet. Die Tötung gefangengenommener Kombattanten und Leichenschändungen stellen Kriegsverbrechen dar. Die irakische Regierungschef Abadi behauptete, dabei handele es sich um Einzelfälle.

Kurden vertreiben Araber aus ihren Dörfern

Doch nicht nur die irakische Armee und die schiitischen Volksverteidigungseinheiten machen sich bei ihrem Vormarsch auf Mossul schuldig. Die Peschmerga, die Sicherheitskräfte der kurdischen Autonomieregierung, haben ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, nachdem sie die Ortschaften vom IS zurückeroberten.

Diese Satellitenaufnahmen zeigen das Dorf al-Asairija - im Februar 2015 und im Juni 2016:

Die Zerstörungen richteten sich gezielt gegen Gebiete, die von Arabern bewohnt wurden. HRW wirft der kurdischen Führung vor, sie wollte die arabischen Bewohner gezielt vertreiben, um die Dörfer dem kurdischen Autonomiegebiet einzuverleiben.

Diese Satellitenaufnahmen zeigen das Dorf Al-bu Muhammad - im Februar 2015 und im Juni 2016:

Die Peschmerga behaupten, sie hätten einen Teil der Häuser aus Furcht vor den Sprengfallen des IS vorsorglich zerstören müssen.

Diese Satellitenaufnahmen zeigen das Dorf Atshana - im Februar 2015 und im August 2016:

Allerdings gab der Präsident der kurdischen Autonomieregierung, Masoud Barzani, gegenüber HRW offen zu, dass er es nicht zulassen werde, dass Araber in jene Dörfer zurückkehren dürfen, die unter der Herrschaft von Saddam Hussein "arabisiert" wurden.

Diese Satellitenaufnahmen zeigen das Dorf Bardija - im Januar 2015 und im März 2016:

Der Diktator hatte ab Ende der Siebzigerjahre mehrere Zehntausend Araber in dem Gebiet rund um die Ölstadt Kirkuk angesiedelt, Hunderttausende Kurden wurden deportiert und ihre Dörfer zerstört. Nun will der kurdische Präsident Barzani offenbar altes Unrecht mit neuem Unrecht vergelten. Am Mittwoch bekräftigte der Politiker, dass sich seine Truppen nicht aus den Gebieten zurückziehen würden, die sie im Nordirak vom IS eroberten.

Diese Satellitenaufnahmen zeigen das Dorf Tel Rabi - im Februar 2015 und im August 2016:

Für den Kampf gegen den IS verheißen die Untaten seiner Gegner nichts Gutes. Die Leidtragenden sind nämlich die irakischen Sunniten. Die Terrormiliz versucht seit langem, sich als einzige effektive Schutzmacht der Minderheit zu präsentieren. Wenn die Truppen des irakischen Staats angebliche Anhänger der Dschihadisten foltern, töten oder ihre Dörfer dem Erdboden gleichmachen, erfüllen sie genau das Schreckensbild, das der IS von ihnen zeichnet.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
TiborS. 17.11.2016
1.
Der Krieg ist ein Verbrechen an sich!!! Es gab in der Welt geschickte nie, dass man eine Krieg ohne Verbrechen gewonnen hat!!! Töten ist verbrechen!!! Es ist traurig, dass die wahre Hintergründen nicht aufgedeckt werden, sonder alle angegriffen und beschuldigt werden!!!
Smithy 17.11.2016
2. Krieg & Unmenschlichkeit ...
kommen Hand in Hand, so einfach - die Banalität des Bösen.
Das Pferd 17.11.2016
3.
sch***. Trotzdem, der IS muß weg.
waldez 17.11.2016
4.
Soweit ich weiss Deutschland hat üppig mit Waffen beliefert mit denen such unschuldige Zivilisten getötet werden.
deep.tief 17.11.2016
5. Fake
Dieses Video wurde doch schon als false flag des IS entrant.
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